Wie der Verrückte agiert
Die Gelehrten der damaligen Zeit haben allgemein so gesprochen, wie wir das hier nun gesehen haben. Das war eine Welt – und die Welt, in der wir leben, ist eine völlig andere.
Ein Mensch mit Wissen und Weisheit flüchtet mit allen Mitteln davor, irgendetwas über den Din zu sagen. Er wünscht sich nur, von dieser gewaltigen Verantwortung entbunden zu sein. Er wünscht sich, dass endlich ein anderer an seiner Stelle spricht.
Der Wahnsinnige jedoch kann es nicht aushalten, dass ein anderer an seiner Stelle spricht. Wie ist es möglich, wie kann es sein, dass der andere redet und er einfach nur so daneben sitzen und dazu schweigen soll?! Wieso soll er immer nur „in der zweiten Reihe stehen“? Wieso soll er immer nur „ein Schatten des anderen sein“? Solche Aussagen hört man tatsächlich hier und da.
So jemand sitzt auf glühenden Kohlen. Wenn er überhaupt lernt, dann mit der Absicht: „Wann werde ich endlich sprechen können?! Wann kann ich endlich der Schaikh sein?! Wann ist endlich meine Zeit gekommen?!“
Wir leben in einer Zeit, in der z. B. Menschen im nicht-arabischen Raum sich anmaßen, über alles Erdenkliche zu sprechen und so zu tun, als hätten sie dieses und jenes Buch schon mit acht Jahren gelesen, auswendig gekonnt und gänzlich verstanden … wobei sie nicht mal dessen Namen richtig kennen!
Fatwa am Fließband
Ein Zeichen dafür, dass sich die Unwissenheit und das Unverständnis über die beschriebene Thematik in einer Zeit ausbreitet, sind jene Fatwas, die wie am Fließband abgearbeitet werden.
Wenn der Mensch in der Öffentlichkeit, eventuell noch vor der Kamera, Fragen entgegennimmt, dann fällt es ihm umso schwerer, zu einer Sache zu schweigen, selbst wenn es unbedingt erforderlich wäre in seiner Situation.
Wer wenig Wissen hat, aber die nötige Gottesfurcht, der wird sich solchen Situationen nicht absichtlich aussetzen.
Wenn jemand so etwas immer wieder tut und jede Frage beantwortet, wie kann dies dann mit rechten Dingen zugehen?
Wie, wenn jene, die viel wissender waren als solche Leute, häufig geschwiegen haben, häufig „Ich weiß nicht.“ sagten und nicht gefragt werden wollten?
Verrückte Beispiele von verrückten Menschen – Wenn das Übel des Herzens zutage tritt
Noch erstaunlicher ist, dass es bei manchen Menschen mit den beschriebenen schlechten Eigenschaften schließlich so weit kommt, dass sie mit ihren Zungen das aussagen, was sich in ihren Herzen befindet.
Wenn man einiges gesehen hat, begreift man aber, dass Dinge, die sich im Herzen dauerhaft befinden, auch hier und da offenkundig werden müssen. Wenn einem dies klarer wird, ist es auch nicht mehr so verwunderlich.
Auch wenn sich manche Leute ansatzweise schon bewusst sind, dass solche Dinge verwerflich sind, sie aber selber unter diesen Krankheiten leiden, so können sie das meistens nicht dauerhaft verbergen. Genauso wie der Mensch sich bei anderen Sünden auch der Verfehlung bewusst ist, sie aber trotzdem begeht.
Im Folgenden einige kurze Beispiele8 dazu, die ich erlebt habe. Möge Allah uns immer vor solchen Dingen bewahren und uns gleichzeitig unsere Sünden vergeben …:
1. Beispiel: Jemand sagte einmal zu mir etwa:
„Wenn einmal mein Stern aufgehen und für alle sichtbar schimmern sollte, dann …“
In welchem Zusammenhang auch immer, aber so eine Aussage passt einfach nicht zu einem Mu’min. Solche Dinge zeigen an, dass so ein Mensch diesen Status begehrt. Ein Mu’min wünscht sich jedoch, in Bezug auf die Bekanntheit der Staub auf einer verlassenen Insel zu sein.
2. Beispiel: Ebenfalls eine Sache, die sich tatsächlich ereignet hat: Junge Leute sitzen zusammen und unterhalten sich darüber, wer von ihnen der nächste Schaikh im deutschsprachigen Raum sein wird! – wobei das jeder von ihnen natürlich für sich selbst in Anspruch nehmen will.
Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als diese Leute vielleicht gerade vor ein oder zwei Jahren mit dem Wissenserwerb angefangen hatten, nachdem sie kurz davor eigentlich kaum oder gar keinen Bezug zum Islam hatten und vor allem nicht zum islamischen Wissen.
Oft muss man sagen: Man kann sich nicht vorstellen, was es für Dinge gibt, solange man sie nicht selbst erlebt hat.
3. Beispiel: Jemand schrieb mir einmal eine E-Mail, die – wie ich denke – bezeichnend für diese Zeit ist.
So schrieb die Person (Zitat):
„Man sagte mir, ich soll dir auf diese Adresse schreiben, wenn ich mit dir debattieren will.
Ich würde mich auf eine Debatte mit dir freuen. Wenn du also debattieren willst, dann könnte ich zu dir fahren, um öffentlich zu debattieren.“
Ich hatte von diesem Menschen zuvor noch nie gehört. Es war seine erste Mail an mich und er hatte mir auch sonst noch nie etwas geschrieben. Manch einer würde sich vielleicht fragen, von welchem Planeten diese Mail abgesendet wurde.
Wenn jemand so einen Debattier-Drang und -Zwang verspürt, dann kann er ja einfach eine Kamera nehmen und mit sich selbst debattieren … aber das erfüllt natürlich nicht den Zweck.
Oder er sucht sich einfach einen Gesprächspartner, der auch so tickt und dann führen zwei Irre eine öffentliche Debatte. Es gibt heute Abermillionen von solchen Menschen, kein Zweifel. Aber wer ein Mindestmaß an Vernunft hat, hält sich von solchen Dingen fern.
Wer diese und ähnliche Beispiele betrachtet, der sieht den gravierenden Unterschied zwischen solchen Leuten und ihrem Umgang mit dem Wissen und dem, was zuvor von den Gelehrten der Frühzeit des Islam überliefert wurde.
So bleibt am Ende dieser kurzen Schrift nur, Allah darum zu bitten, dass Er uns allen Aufrichtigkeit und eine völlig reine Absicht im Umgang mit dem Wissen schenken und uns unsere vielen Verfehlungen in dieser und anderer Hinsicht vergeben möge. Amin.
… und zu allem von mir Gesagten sei angemerkt:
… Allah weiß es am besten.
والله أعلم
وصلّى الله على نبيّنا محمّد وآله وصحبه ومن والاه
والحمد لله ربّ العالمين
Fußnoten
- Ich erwähne diese Dinge nur allgemein als Beispiele, aus denen man die Lehre ziehen kann, ohne Namen dieser Personen zu nennen. Weder hier in dieser Schrift, noch außerhalb der Schrift, sehe ich die Notwendigkeit oder habe ich das Bedürfnis, viel über diese Leute zu reden, schon gar nicht namentlich. Es sollte also nicht gedacht werden, dass ich in solchen Fällen zwar in der Schrift die Namen nicht nenne, die Beispiele und die Personen aber sonst häufig erwähne. Das ist nicht der Fall! ↩