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Die Bücher der Salaf – Antwort auf eine Frage

Volltext der Schrift Die Bücher der Salaf – Antwort auf eine Frage

بسم الله والحمد لله والصلاة والسلام على رسول الله وعلى آله وصحبه ومن والاه

Folgende Frage wurde vor einigen Tagen von einem Bruder geschickt:

Assalamu alaykum wa rahmatullahi wa barakatuh. In sha Allah geht es dir und deiner Familie gut.

Im letzten Beitrag hast du gesagt: „Den Muslimen heute ist nicht klar, dass die Werke dieser frühen Gelehrten das gesamte islamische Wissen transportieren. Im Vergleich sind die Werke von späteren Schuyukh, die heute als die größten Gelehrten aller Zeiten empfunden werden, völlig überflüssig. Das Gute, was in solchen späteren Werken ist, wurde von den Salaf schon lange davor erklärt, kürzer und besser – was einem umso klarer wird, je mehr man lernt, wie diese Werke zu lesen und zu verstehen sind.“

Wäre es möglich, uns diese Bücher der Salaf bei Namen zu nennen bzw. auch eine Empfehlung zu geben, welche Bücher der Salaf man sich unbedingt aneignen sollte? Eventuell auch in welchen Büchern was zu finden ist von den islamischen Wissenschaften? Das wäre für mich und sicher auch für andere Brüder sehr nützlich, welche ihre Methode geändert haben und versuchen, die Masa'il des Din nochmal neu zu überprüfen anhand der Aussagen der Salaf und der frühen Imame.

Jazak Allahu Khayran.

Antwort

Wa alaikumussalam wa rahmatullahi wa barakatuh,

Danke für deine Mail und den Hinweis. Wa anta jazakallahu khairan.

Alhamdu lillah. Ich bitte Allah, dass es auch dir und deiner Familie gut geht.

Es macht durchaus Sinn, das zu erwähnen, auch wenn ich jetzt nicht im Detail darauf eingehen kann. Kurz gesagt sollte man von den Salaf alles lesen, was man findet. Egal, was man liest, es wird den geistigen Horizont eines Muslims immer erweitern in sha Allah.

Konkret handelt es sich auch um die Bücher, von denen hier im Kanal bzw. in den Büchern und Schriften immer wieder zitiert wurde. Diese Bücher ganz zu lesen ist also auf jeden Fall ratsam.

Damit ist eigentlich allgemein das Wichtigste schon gesagt. Wenn man jedoch ein wenig mehr auf die Frage eingehen will, sollte zuerst vielleicht Folgendes gesagt werden:

Es muss klar sein, dass nicht jeder einzelne Mensch dieselben Möglichkeiten hat, weshalb auch nicht jedem Menschen dasselbe abverlangt ist. Die Menschen sind unterschiedlich im Hinblick auf ihre Umstände. Eine Mutter mit mehreren Kindern, die kein Arabisch beherrscht, ist nicht gleichzusetzen mit einem Mann, der mit dem Arabischen aufgewachsen ist und mit sieben Jahren den Qur'an auswendig gelernt hat.

Wenn man also genauer auf die Frage eingehen will, kann man sie im Grunde nicht für jeden gleich beantworten. Da die Menschen sich in ihren Möglichkeiten stark unterscheiden, kann auch nicht jedem genau dasselbe abverlangt werden. Trotzdem ist das Streben nach Wissen grundsätzlich eine Verpflichtung für jeden Muslim, egal ob Mann oder Frau.

Man sollte also tun, was man kann, und Allah um mehr Wissen bitten, gleichzeitig aber nicht verzweifeln. Auch wenn nicht jeder im Wissen das Niveau eines Gelehrten erreichen kann, so muss er bzw. sie dennoch versuchen, den Din so gut wie möglich zu erlernen. Letztlich kann eine einzelne Information das ganze Leben einer Person zum Besseren verändern und man weiß nie, welcher Teil des Wissens das genau ist und wann man ihn aufnimmt.

Von Abdullah ibnu l-Mubarak wird folgende Begebenheit überliefert [siehe: Jami'u Bayani l-'Ilmi wa Fadlihi]:

قِيلَ لِابْنِ الْمُبَارَكِ، إِلَى مَتَى تَطْلُبُ الْعِلْمَ؟ قَالَ: «حَتَّى الْمَمَاتِ إِنْ شَاءَ اللَّهُ»

Es wurde zu Ibnu l-Mubarak gesagt: „Bis wann strebst du nach dem Wissen?“

Er sagte: „Bis zu (meinem) Tod – in sha Allah“

Und direkt danach wird von ihm berichtet, dass er ein anderes Mal auf diese Frage antwortete:

«‌لَعَلَّ ‌الْكَلِمَةَ ‌الَّتِي ‌تَنْفَعُنِي لَمْ أَكْتُبْهَا بَعْدُ»

Vielleicht habe ich das Wort, das mir nutzt, noch nicht aufgeschrieben.

In anderen Büchern wird zudem erwähnt, dass er diese letztere Aussage tätigte, als er im Sterbebett lag und mit einer weiteren Person noch Wissen notierte!

Jeder sollte also lernen, was er kann und solange er kann. Am Ende dieser Antwort wird nochmals auf diesen Punkt eingegangen. Die Antwort sollte deshalb auch vollständig gelesen werden.

Nach diesem Hinweis also noch einige Worte zur eingangs erwähnten Frage:

Es gibt von den Salaf natürlich umfassende Bücher und auch kurze Schriften, und dies in den verschiedenen Wissensgebieten des Islam. Eine Problematik dabei ist, dass man nur im Arabischen den vollen Zugang zu den Büchern hat. Wer kein Arabisch kann, muss sich vorerst mit den deutschen und englischen Übersetzungen begnügen. Man sollte aber auf jeden Fall Arabisch lernen. Selbst wenn man nur wenig lernt, aber fortlaufend und konsequent, wird man über die Jahre immer mehr Verständnis für das Arabische bekommen in sha Allah. Man weiß letztlich nicht, wie lange man lebt. Gar nicht anzufangen, ist jedenfalls kein guter Ansatz.

Zu den umfassenden Werken der 'Aqidah zählt z. B. as-Sunnah von Abdullah, dem Sohn von Ahmad, sowie as-Sunnah von Abu Bakr al-Khallal, asch-Schari'ah von al-Ajurri, al-Ibanatu l-Kubra von Ibnu Battah, as-Sunnah (mit diesem und ähnlichem Titel) von al-Lalaka'i.

Zu den mittleren und kürzeren Texten zählen z. B. Usulu s-Sunnah von Ahmad, Scharhu s-Sunnah von al-Barbahari, as-Sunnah von Harb al-Kirmani und viele andere kürzere Mutun.

Der Sahih von al-Bukhari (möge Allah mit ihm barmherzig sein sowie mit allen Gelehrten der Muslime) ist ebenso ein sehr wichtiges Werk der Salaf und auch die restlichen Hadith-Sammlungen der sechs Hadith-Bücher und andere. Im Sahih von al-Bukhari befindet sich das sehr nützliche Kitabu l-Iman, das Kitabu l-'Ilm (Das Buch des Wissens) sowie viele andere nützliche Bücher.

Daneben gibt es andere Bücher über den Iman, wie jenes von Ibnu Abi Schaibah und von Abu 'Ubaid al-Qasim ibnu Sallam. Und auch über das Wissen an sich gibt es weitere eigene Bücher, neben dem genannten im Sahih-Werk, wie das Buch von Abu Khaithamah, das ebenfalls sehr nützlich ist.

Für die Akhlaq sind die Bücher von Ibnu Abi d-Dunya sicher ratsam. Sie sind eine Erziehung und eine Lehre für das ganze Leben eines Muslims. Jedoch gab es auch davor schon viele Gelehrte, die darüber in ihren Büchern über az-Zuhd geschrieben hatten. Und eines der wertvollsten Werke über diese Thematik kommt wiederum von al-Bukhari, das Buch al-Adabu l-mufrad.

Und es gibt viele weitere Bücher, wie Bücher über den Qur'an und die frühen Qur'an-Wissenschaften mit dem Titel Fada'ilu l-Qur'an, über die Qira'at, über die Sahabah, mit dem Titel Fada'ilu s-Sahabah, und viele mehr.

Und sonst gibt es die Tafasir, die Widerlegungen von Sektierern, Bücher über Hadith-Wissenschaften, Überlieferungsketten und Biografien.

Der Fiqh ist darüber hinaus ein eigenes großes Wissensgebiet, in dem es auch kurzgefasste und umfassende Werke aus der Zeit der Salaf gibt, vor allem natürlich von den Rechtsschulen, die sich nach Malik, asch-Schafi'i und Ahmad gründeten. Aus einigen Werken wurde hier im Kanal auch zitiert.

An dieser Aufzählung – auch wenn hier nicht alle Titel im Detail aufgezählt werden können, weil es einfach sehr viele sind – sieht man also schon, dass es sehr viele Bücher von den Salaf gibt, und zwar in allen Wissensgebieten. Das lässt einen auch sofort erkennen, wie merkwürdig die Einstellung der Menschen heute im Allgemeinen ist. Denn all diese Bücher der Salaf sind im Grunde heute eine völlige Nebensache. Und bis vor kurzem waren sie im Allgemeinen in der aktuellen, praktisch vorhandenen Bücherwelt quasi unbekannt.

Erst seit einigen Jahrzehnten wurde begonnen, sich nach und nach mit den Büchern zu befassen, wobei dies eher im Sinne der Forschung geschieht und kaum in dem Sinne, dass man sich beim Verständnis des Islam tatsächlich und primär auf diese Bücher stützt.

Zu all diesen Büchern ist zu sagen, dass sie teilweise nicht einfach zu verstehen sind, gegensätzlich zu dem, was manche behaupten. Teilweise sind sie sogar sehr schwer zu verstehen. Sie brauchen durchaus eine Erklärung. Für ein richtiges Verständnis alleine des arabischen Textes ist viel Erfahrung und Kenntnis des Arabischen notwendig, aber des angewandten Arabischen und der frühen islamischen Texte. Ein bloßes „Lehrbuch-Arabisch“ reicht dafür sicher nicht aus, selbst wenn man zehn Jahre mit Arabisch-Lehrbüchern verbracht hat.

Auf der anderen Seite ist es auch nicht so, wie viele Leute heute glauben und vermitteln, dass die alten Bücher so schwer verständlich sind, dass man sie gleich lassen und sich mit den Büchern der Späteren begnügen sollte. Es ist also weder so, noch so.

Man kann durchaus vieles verstehen. Selbst wenn man durch das bloße Lesen ohne Vorkenntnisse nicht alles verstehen kann, so kann man dadurch schon einen guten Überblick bekommen. Aber man sollte mit Ehrlichkeit, Vorsicht und Besonnenheit lesen. Das bedeutet vor allem, dass man sich nicht einredet und auch anderen nicht vormacht, man würde alles zweifelsfrei und richtig verstehen.

Ich habe diese Bücher NICHT alle eingehend studiert. Und das sage ich ausdrücklich aus zwei Gründen:

  1. Im deutschsprachigen Raum ist es schon gang und gäbe für viele Leute, dass gewissermaßen eine Show gespielt wird, bei der man sich mehr oder weniger als Gelehrter inszeniert. Ständig gehen neue Telegram-Kanäle auf, bei denen die Kanalbetreiber „die Wahrheit“ erklären und auf alle Fehler von allen anderen hinweisen können.

    Ein Großteil der Beiträge dreht sich nur darum, andere zu erniedrigen und sich selbst als den einzig Verständigen zu zeigen – nach dem Motto: „Wir sind die besten und die einzigen, die die Wahrheit voll und ganz verstanden haben, und alle anderen sind Idioten und Zanadiqah.“ Die Wahrheit ist, dass genau solche Leute meistens nicht mal ein einziges größeres Buch ausgelesen haben, aber dennoch vorgeben, alles besser zu wissen.

    Eine neue Erscheinung im deutschsprachigen Raum und weltweit sind dabei seit einigen Jahren relativ junge Leute, die noch nicht so lange im Studium sind, sich aber einem Schaikh aus der arabischen Welt untergeordnet haben.

    Sie befördern einfach das Wissen dieses Schaikhs aus dem Arabischen ins Deutsche, erwähnen dabei aber so lange wie möglich nicht die Quelle. Somit entsteht für die unwissenden Leute, die keinen Zugang zu den arabischen Quellen haben, das Bild des angeblich großen Gelehrten im deutschsprachigen Raum, der alles Mögliche schon studiert hat und genau Bescheid weiß.

    Schnell gibt es einen neuen Hype und die Leute springen in großer Anzahl auf den neuen Zug auf. Über die Jahre bewegt sich die Allgemeinheit von Hype zu Hype, ohne es eigentlich zu merken und ohne unterscheiden zu können.

    Den Zuhörern und Lesern solcher Kanäle ist dabei jedoch nicht klar, dass die Lehre vom jeweiligen Schaikh Inhalte in sich trägt, die sie niemals teilen würden. Diese Inhalte, Ansichten und Aussagen werden aber von den Vertretern im nicht-arabischen Raum bewusst lange verschwiegen, weil man so lange wie möglich Follower sammeln und sich ja auch als großer Kenner ausgeben will.

    Oft wissen diese Kanalbetreiber selber noch nicht einmal, was ihre jeweiligen Schuyukh genau sagen, da sie ja auch ihre Bücher und Vorträge keineswegs alle kennen. Teilweise sind sie dann selber irgendwann überrascht und erleiden eine Phase der Verzweiflung, weil ihnen klar wird, dass vieles nicht so ist, wie sie sich das über Jahre hinweg erträumt hatten.

    Oder sie haben von einigen dieser Aussagen und Ansichten mitbekommen und sie sind ihnen nicht ganz geheuer. Sie wissen nicht so recht, wie sie damit umgehen sollen, folgen aber äußerlich trotzdem weiter der Linie – bis sie dann irgendwann zu dem Punkt kommen, wo sie wohl oder übel einen Standpunkt beziehen müssen. Spätestens dann stellt sich die Frage, ob so jemand aufrichtig mit diesen Dingen umgehen kann, oder dann eben doch die Wahrheit immer bei seinem Schaikh sieht.

    Personen und Kanäle der in diesem Punkt beschriebenen Art gibt es mehrere. Dies bezieht sich also nicht auf einen speziellen Kanal. Es ist wie gesagt mittlerweile eine Erscheinung und wird wohl auch noch länger so weiterlaufen. Es ist anzunehmen, dass neue Ansichten nach und nach deutlicher werden, jeder seine Anhänger findet und sich unterschiedliche Meinungen in Streitfragen verfestigen – natürlich alles auf dem Weg der Salaf (angeblich).

  2. Der zweite Grund, warum ich dies oben erwähnte, ist: Damit man von Anfang an versteht, dass das nicht so ein Klacks ist, diese Bücher alle zu studieren, also nicht so, wie die obengenannten Pseudo-Gelehrten vermitteln. Diese Personen lassen es nämlich so aussehen, als hätten sie alles gelesen und bis ins letzte Detail studiert und verstanden. Dem ist SICHER NICHT so.

    Diese Bücher im Detail zu studieren, das braucht im Allgemeinen mehrere Jahrzehnte. Punkt. Jahrzehnte, in denen man sich auch primär auf diese Dinge konzentrieren muss und nicht auf andere islamische Wissensgebiete. Und das können die meisten Menschen nicht, auch wenn sie das nicht verstehen oder sich nicht eingestehen wollen. Vor allem Studenten, die relativ am Anfang stehen, haben überhaupt keine vernünftige Einschätzung davon, wo sie selbst stehen und geben sich gerne irgendwelchen Traumvorstellungen hin.

    Das in diesem Punkt Gesagte gilt natürlich umso mehr für Leute, die als A'ajim aufwachsen, also als Nicht-Araber. Wer so aufwächst ist schon alleine dadurch im Studium viele Jahre hinten nach. Auch etwas, das solche Leute dann nicht sehen wollen.

    Stattdessen kapselt man sich von der arabischen Außenwelt ab – vielleicht noch abgesehen vom eigenen Schaikh – und begnügt sich mit den Nicht-Arabern, die um einen herumlaufen und einen Schaikh nennen. Ein großer Fehler, denn wer immer nach unten blickt, der fühlt sich ganz groß. Würde er hingegen nach oben schauen, würde er schnell sehen, dass er ein Nichts ist.

    Wer die Fülle der alten Bücher sieht – vor allem, wenn er oder sie auch nicht Arabisch kann – den wird schnell eine Schwäche überkommen und er wird nicht wissen, wo er anfangen soll.

    Dabei ist es sehr wichtig zu verstehen, dass nicht jeder Mensch alle diese Bücher studieren kann und dass man beim Studium nur einen Schritt nach dem anderen machen kann, egal wie weit man letztlich kommt, aber es funktioniert nur so.

    Die meisten Muslime können den größten Teil dieses umfassenden Wissens nicht direkt aufnehmen, sondern in diesem Großteil nur den Taqlid vornehmen, also das Befolgen eines gewissen Gelehrten bzw. seiner Lehre.

    Was man aber tun kann und muss, ist, die Grundlagen gut zu erlernen und darüber hinaus so viel zu lernen, wie man kann. Wenn man die Möglichkeiten und die Zeit für ein intensives Studium also nicht aufbringen kann, soll man von den Büchern das lesen, was man kann. Mehr bleibt einem nicht übrig. Und mit der Zeit wird auf diese Art das eigene Wissen und auch das Wissen der Gesellschaft weiter steigen in sha Allah.

    Man bittet Allah um mehr Wissen und hat Tawakkul und gibt die Hoffnung nicht auf, dass Allah das eigene Streben sieht und darüber genau Bescheid weiß und den Lohn dafür sicher nicht verloren gehen lassen wird. Dies, sofern man dabei aufrichtig war – und deshalb hatten die Gelehrten so eine Angst um sich selbst und beschäftigten sich ihr Leben lang mit den obengenannten Themen zur Reinigung des Herzens und der Seele.

Das ist es, was ich in dieser Kürze als Antwort auf die Frage sagen kann. Möge Allah uns allen erleichtern, diesen Din aus seiner Quelle zu erlernen, dabei viel Wissen aufzunehmen und dieses Wissen auch umzusetzen, Amin.

Wallahu a'lam ... und Allah weiß es am besten.