Wer nicht nach dem richtet, was Allah herabgesandt hat … (Zusammenfassung)
Worum geht es in Wer nicht nach dem richtet, was Allah herabgesandt hat …?
Sure al-Ma'idah, Vers 44 des Qur'an – „Und wer nicht mit dem richtet, was Allah herabgesandt hat, so sind jene die Kafirun" – gehört zu den meistdiskutierten Stellen der islamischen Theologie, wenn es um die Frage geht, ob und wann das Regieren mit einem anderen Recht als der Shari'ah zum Austritt aus dem Islam führt. Im Zentrum steht dabei die Überlieferung des Prophetengefährten 'Abdullah ibnu 'Abbas, wonach es sich dabei um „Kufr duna Kufr" handelt – kleinen Kufr, der einen Menschen nicht aus der Religion befördert. Anhand einer Hadith- und Tafsir-wissenschaftlichen Prüfung dieser Überlieferung und ihrer verschiedenen Überlieferungswege wird verdeutlicht, wie die frühen Gelehrten der Salaf beim Tafsir des Qur'an vorgingen – und wie sich diese Methode von der heute verbreiteten Herangehensweise unterscheidet.
Ein umfangreiches Vorwort geht der eigentlichen Tafsir-Abhandlung voraus und behandelt die zunehmende Kriminalisierung islamischer Theologie in westlichen Ländern. Anhand mehrerer Zitate des Islamwissenschaftlers Tilman Nagel wird gezeigt, wie aus der bloßen Rückbesinnung auf die frühislamischen Quellen pauschal eine Gewaltbereitschaft gegenüber säkularen Gesellschaften und deren Institutionen abgeleitet wird, ohne dass dafür konkrete Belege aus den betreffenden Schriften angeführt werden. Als Gegenbeispiel für einen sachlicheren wissenschaftlichen Zugang zum islamischen Recht werden Auszüge aus dem Vorwort von Prof. Matthias Rohe angeführt. Ausdrücklich klargestellt wird, dass mit dem vorliegenden Buch kein Aufruf zur Gewalt verbunden ist.
Kernaussagen von Wer nicht nach dem richtet, was Allah herabgesandt hat …
- Sure al-Ma'idah, Vers 44, „Und wer nicht mit dem richtet, was Allah herabgesandt hat, so sind jene die Kafirun", ist seit langem Gegenstand kontroverser Diskussionen, insbesondere im Hinblick auf die dazu überlieferte Aussage des Prophetengefährten Ibnu 'Abbas.
- Ibnu 'Abbas erklärte zu dieser Ayah: „Kufr duna Kufr" – Kufr, abseits bzw. unter dem eigentlichen, großen Kufr (Kufr Akbar), also kleiner Kufr (Kufr Asghar), der einen Menschen nicht aus dem Islam befördert.
- Dieser Tafsir wurde von zahlreichen frühen Gelehrten der ersten Jahrhunderte angenommen und weitergegeben, darunter Abu 'Ubaid al-Qasim ibnu Sallam, Ahmad ibnu Hanbal, Al-Marwazi und Ibnu Battah al-'Ukbari in ihren Büchern über den Iman sowie die Tafsirgelehrten Sufyan ath-Thawri, 'Abdu r-Razzaq as-San'ani, At-Tabari und Ibnu Abi Hatim ar-Razi in ihren Tafsir-Werken.
- Mehrere voneinander unabhängige Überlieferungswege stützen diesen Tafsir, u. a. über Sufyan ibnu 'Uyaynah von Hisham ibnu Hujair von Tawus von Ibnu 'Abbas sowie über Sufyan ath-Thawri von Ma'mar von Ibnu Tawus von seinem Vater Tawus von Ibnu 'Abbas; auch der Tafsirgelehrte 'Ata' ibnu Abi Rabah, ein Schüler von Ibnu 'Abbas, überliefert sinngemäß „Kufr, abseits von Kufr".
- Häufig vorgebrachte Einwände – etwa die angebliche Schwäche des Überlieferers Hisham ibnu Hujair, eine über 'Abdu r-Razzaq as-San'ani überlieferte, angeblich gegenteilige Aussage von Ibnu 'Abbas oder eine Aussage von 'Abdullah ibnu Mas'ud, es handle sich um Kufr – lassen sich Hadith-wissenschaftlich nicht gegen die breite Annahme des Tafsir durch die frühen Gelehrten anführen.
- Die Behauptung, das durch den Artikel sprachlich bestimmte Wort „al-Kufr" zeige immer den großen Kufr an, wurde von keinem frühen Gelehrten in dieser Form aufgestellt und widerspricht mehreren Beispielen, in denen der Prophet صلى الله عليه وسلم und Prophetengefährten das bestimmte Wort Kufr eindeutig für kleinere Vergehen verwendeten.
- Der Offenbarungsgrund von Sure al-Ma'idah, Vers 44, betrifft nach den frühen Tafsir-Werken u. a. die Änderung des jüdischen Ehebruchsgesetzes: Anstelle der in der Thora vorgeschriebenen Steinigung führten jüdische Gelehrte Gesichtsschwärzung und Auspeitschung ein, um wohlhabende Straftäter zu schonen.
- Die dreizehnjährige friedliche Zeit des Propheten صلى الله عليه وسلم in Mekka inmitten zahlreicher Götzen und Götzendiener widerlegt die Behauptung, das islamische Glaubensbekenntnis verpflichte notwendig zur gewaltsamen Bekämpfung aller nicht-islamischen Einrichtungen.
- Die richtige Auslegung einer Qur'an-Stelle lässt sich nicht allein durch die arabische Sprache erschließen, sondern erfordert die Berücksichtigung des Kontexts, der Offenbarungsgründe und des überlieferten Verständnisses der Sahabah und Tabi'un.
- Die frühe Methodik der Tafsir-Überlieferung unterscheidet sich von jener der allgemeinen Hadith-Wissenschaft: Tafsir-Überlieferungen mit vergleichsweise schwächeren Ketten wurden von den frühen Gelehrten dennoch angenommen, da die Bedeutung der jeweiligen Ayah ohnehin bekannt und verbreitet war.
- Die heute verbreitete Praxis, jeden einzelnen Überlieferungsweg des Tafsir nach den strengen Maßstäben der allgemeinen Hadith-Wissenschaft zu prüfen und bei Schwächen zu verwerfen, entspricht nicht der Vorgehensweise der frühen Gelehrten und nähert sich eher der literalistischen Methode der Dhahiriyyah-Ausrichtung von Ibnu Hazm al-Andalusi an.
- Ein umfangreiches Vorwort widerlegt anhand mehrerer Zitate des Islamwissenschaftlers Tilman Nagel dessen Behauptung, die Rückbesinnung auf die frühislamischen Quellen münde zwangsläufig in Gewaltbereitschaft gegenüber säkularen Institutionen und Gesellschaften – als Gegenbeispiel für einen sachlichen wissenschaftlichen Zugang zum islamischen Recht werden Auszüge aus dem Vorwort von Prof. Matthias Rohe angeführt.
Inhaltliche Gliederung des Buches
- Vorwort zur zunehmenden Kriminalisierung theologischer Abhandlungen: Kritik an den Thesen von Prof. Tilman Nagel, Gegenbeispiel anhand von Prof. Matthias Rohe und Prof. Rüdiger Lohlker, Zielsetzung des Buches.
- Inhaltliches Vorwort und methodische Anmerkungen: Einführung in die Fragestellung, Warnung vor der Irrlehre des Irja', Hinweis auf die Anwendbarkeit der Aussage von Ibnu 'Abbas auf die heutige Zeit, Abgrenzung zu entschuldigten Fällen wie Ijtihad-Fehlern oder fehlerhafter Ta'wil, die nicht als Kufr gelten.
- Methode der frühen Gelehrten bei der Tafsir-Überlieferung: Besonderheiten der Tafsir-Überlieferung gegenüber der allgemeinen Hadith-Wissenschaft.
- Belege für den Tafsir von Ibnu 'Abbas: Annahme der Aussage durch die Salaf, die einzelnen Überlieferungswege, der Offenbarungsgrund der Ayah, weitere Aussagen wie jene von 'Ata' ibnu Abi Rabah.
- Diskussion der Einwände: Schwäche einzelner Überlieferer (u. a. die Frage des Tadlis), angebliche Gegenaussagen, Meinungsunterschiede unter den Sahabah, Kontext (das Gespräch mit den Khawarij) und Wortlaut der Ayah, Grenzen einer rein sprachlichen Auslegung.
- Abstand von der Methode der Salaf: Kritik an verallgemeinernden Formulierungen späterer Autoren, etwa der Gleichsetzung jedes Regierens mit nichtislamischem Recht mit Taghut, am Beispiel der Da'wah Najdiyyah.
- Abschluss: Zusammenfassung der Ergebnisse und Anhang mit Umschrift-Hinweisen, Autoren- und Quellenverzeichnis.
Zentrale Begriffe (Glossar)
- Hadith / Isnad
- Prophetenüberlieferung bzw. deren Überlieferungskette, zentrales Prüfinstrument der islamischen Hadith-Wissenschaft.
- Ijtihad
- Die eigenständige, nach bestem Wissen und Gewissen vorgenommene Ableitung eines religionsrechtlichen Urteils durch einen dazu befähigten Gelehrten.
- Irja' / Murji'ah
- Die Irrlehre, dass Sünden und Kufr-Handlungen einem Menschen nicht schaden, solange er im Herzen glaubt; ihre Anhänger werden Murji'ah genannt.
- Khawarij
- Frühislamische Sekte, die Muslime bereits wegen großer Sünden per Takfir aus dem Islam ausschloss — ein historisches Beispiel für Übertreibung (Ghuluww) im Takfir.
- Kufr
- Gewöhnlich als „Unglaube" übersetzt, jedoch nicht auf bloße Unkenntnis oder Nicht-Glauben reduzierbar.
- Kufr Akbar / Kufr Asghar
- Der große, einen Menschen aus dem Islam befördernde Kufr, im Unterschied zum kleinen Kufr, der eine schwere Sünde bleibt, ohne den Islam zu verlassen.
- Sahabah / Tabi'un
- Die Prophetengefährten (Sahabah) und die ihnen nachfolgende Generation (Tabi'un), die noch Zeitgenossen der Sahabah war.
- Salaf
- Die frühen, rechtschaffenen Generationen – und im Besonderen ihre Gelehrten.
- Shari'ah
- Islamisches Recht.
- Shirk
- Polytheismus, Beigesellung; die Zuschreibung von Anbetung oder göttlichen Eigenschaften an ein Wesen neben Allah. Gegensatz zu Tauhid.
- Tadlis / Mudallis
- Eine Überlieferungspraxis, bei der ein Überlieferer einen ihm vorausgehenden Überlieferer in der Kette unerwähnt lässt, ohne dass aus der Formulierung eindeutig hervorgeht, ob er selbst unmittelbar von ihm gehört hat; ein so verfahrender Überlieferer wird Mudallis genannt.
- Tafsir
- Die Wissenschaft der Qur'an-Exegese bzw. die Auslegung eines Qur'an-Verses selbst.
- Taghut
- Alles, dem neben Allah gedient oder bedingungslos gehorcht wird (Götzen, Tyrannen).
- Takfir
- Das Urteil, dass eine Person Kafir (kein Muslim) ist.
- Ta'wil
- Die Auslegung eines religiösen Textes, die von dessen naheliegender, wörtlicher Bedeutung abweicht. Dies ist die Bedeutung von Ta'wil bei den späteren Generationen der islamischen Geschichte. Die frühen Gelehrten verwendeten das Wort in seiner ursprünglichen sprachlichen Bedeutung und benannten damit auch häufig die Qur'an-Auslegung (Tafsir).
- Dhahiriyyah
- Rechts- und Theologieschule, die sich bei der Auslegung religiöser Texte ausschließlich am äußeren Wortlaut (Dhahir) orientiert und den Analogieschluss weitgehend ablehnt.
Methodik und Quellen
Die Argumentation verfährt Hadith- und Tafsir-wissenschaftlich: Statt jede einzelne Überlieferungskette (Isnad) der Tafsir-Aussage von Ibnu 'Abbas isoliert nach den strengen Maßstäben der allgemeinen Hadith-Wissenschaft zu prüfen, wird gezeigt, dass die frühen Gelehrten der Salaf diesen Tafsir insgesamt kannten und annahmen – was nach deren eigener Methodik bereits ausreicht, um seine Gültigkeit zu belegen. Als Belege dienen u. a. die Bücher über den Iman von Abu 'Ubaid al-Qasim ibnu Sallam, Ahmad ibnu Hanbal (überliefert in As-Sunnah von Abu Bakr al-Khallal) und Muhammad ibnu Nasr al-Marwazi sowie die Tafsir-Werke von Sufyan ath-Thawri, 'Abdu r-Razzaq as-San'ani, At-Tabari und Ibnu Abi Hatim ar-Razi. Zur Absicherung einzelner Überlieferungswege werden zudem die beiden Sahih-Werke von Al-Bukhari und Muslim sowie die Masa'il-Werke von Abu Dawud as-Sijistani und Ibnu Hani' herangezogen. Alle zitierten arabischen Quelltexte wurden vom Verfasser selbst direkt aus dem Arabischen übersetzt. Als Textgrundlage dient überwiegend die digitale Bibliothek al-Maktabatu sh-Shamilah; jede zitierte Gelehrtenperson wird mit Sterbedatum vorgestellt (siehe Autorenverzeichnis am Ende dieser Seite).
Für wen ist Wer nicht nach dem richtet, was Allah herabgesandt hat … relevant?
Das Buch richtet sich in erster Linie an Leser, die sich zum Islam bekennen, sowie an alle, die sich bereits mit dem Islam beschäftigt haben und über gewisse Vorkenntnisse verfügen – es erhebt keinen Anspruch auf eine umfassende, für Einsteiger konzipierte Abhandlung des Themas. Angesprochen sind damit vor allem Studenten des islamischen Wissens sowie Muslime, die sich mit der Methodik der frühislamischen Tafsir-Wissenschaft und den Hintergründen der innerislamischen Diskussion über das Regieren mit nichtislamischen Gesetzen auseinandersetzen möchten. Das umfangreiche Vorwort zur Kriminalisierung islamischer Theologie richtet sich darüber hinaus an alle, die sich mit der öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte über Salafismus, Orientalistik und die Zuschreibung von Gewaltaffinität an islamische Glaubensinhalte befassen.
Weiterführende Inhalte
- Die Lehre des Monotheismus — behandelt die theologischen Grundlagen von Tauhid, Shirk und Takfir, auf die im Vorwort dieses Buches mehrfach verwiesen wird.
- Das islamische Glaubensbekenntnis — vertieft die Unterscheidung zwischen Iman und Kufr, auf die auch im vorliegenden Buch Bezug genommen wird.
- Erklärung des Vorworts zum Tafsir von Ibnu Abi Hatim ar-Razi — eine Einführung in die Tafsir-Wissenschaft und die frühe Tafsir-Überlieferung, deren Methodik auch dem vorliegenden Buch zugrunde liegt.
- Unwissenheit über die Gelehrten der Salaf – Beispiel Ibnu Abi Hatim ar-Razi — zur Einordnung eines der in diesem Buch als Tafsirquelle herangezogenen frühen Gelehrten.
- Islamverfolgung in Österreich — zum im Vorwort dieses Buches behandelten Thema der zunehmenden Kriminalisierung islamischer Theologie.
- Einführung in die Hadith-Wissenschaft und das Studium des Sahihu l-Bukhari — Unterricht zu den methodischen Grundlagen der Hadith-Wissenschaft, die auch der in diesem Buch angewandten Analyse der Überlieferungswege zugrunde liegen.
- Tafsir-Grundlagen und Tafsir von Suratu l-Fatihah nach den Aussagen der Salaf — Unterricht zu den Grundlagen der Tafsir-Wissenschaft und ihrer Überlieferung.
- Die Hadith-Wissenschaft – Ein Überblick — Vortrag zu den methodischen Grundlagen, die auch der in diesem Buch angewandten Analyse der Überlieferungswege zugrunde liegen.
Chronologisches Verzeichnis der frühislamischen Autoren
Sortiert nach Sterbedatum (zuerst nach der Hijrah-Zeitrechnung, danach nach christlicher Zeitrechnung).