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Die Entstehung von Abspaltungen - Der Hadith über die firaq/Sekten

Einführung · Volltext-Kapitel aus dem Buch Die Lehre des Monotheismus · Als PDF lesen

Dieser einheitlichen Gemeinschaft standen in der islamischen Frühzeit schon bald zahllose Gruppen und Abspaltungen gegenüber, die sich in ihrer Glaubenslehre weiter und weiter zersplitterten. Auf diese Zersplitterung wird im Arabischen mit dem Wort firaq (Arabisch: Gruppe, Abspaltung, Sekte, Sg. firqah) hingewiesen, welches ebenfalls auf einen bekannten Hadith zurückgeht, und zwar den sogenannten „Hadith der firaq“, also der verschiedenen Sekten und Splittergruppen.

Dieser Hadith über die Abspaltungen und Sekten wurde in zahlreichen Überlieferungen bei Ahmad, at-Tirmidhi, Abu Dawud, Ibnu Majah رحمهم الله 39 und in vielen anderen grundlegenden und frühen Werken der Hadith-Überlieferung und der Glaubenslehre überliefert40.

So findet man z. B. im Sunan-Werk von Ibnu Majah folgenden Wortlaut:

عَنْ عَوْفِ بْنِ مَالِكٍ، قَالَ: قَالَ رَسُولُ اللَّهِ صَلَّى اللَّهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَ: افْتَرَقَتْ الْيَهُودُ عَلَى إِحْدَى وَسَبْعِينَ فِرْقَةً، فَوَاحِدَةٌ فِي الْجَنَّةِ، وَسَبْعُونَ فِي النَّارِ، وَافْتَرَقَتْ النَّصَارَى عَلَى ثِنْتَيْنِ وَسَبْعِينَ فِرْقَةً، فَإِحْدَى وَسَبْعُونَ فِي النَّارِ، وَوَاحِدَةٌ فِي الْجَنَّةِ، وَالَّذِي نَفْسُ مُحَمَّدٍ بِيَدِهِ، لَتَفْتَرِقَنَّ أُمَّتِي عَلَى ثَلَاثٍ وَسَبْعِينَ فِرْقَةً، فوَاحِدَةٌ فِي الْجَنَّةِ، وَثِنْتَانِ وَسَبْعُونَ فِي النَّارِ قِيلَ: يَا رَسُولَ اللَّهِ، مَنْ هُمْ؟ قَالَ: الْجَمَاعَةُ

Die Juden spalteten sich in einundsiebzig Gruppen, eine davon ist im Paradies und siebzig davon sind im Feuer.

Und die Christen spalteten sich in zweiundsiebzig Gruppen, eine davon ist im Paradies und einundsiebzig davon sind im Feuer.

Meine Gemeinschaft wird sich in dreiundsiebzig Gruppen spalten, eine davon ist im Paradies und zweiundsiebzig davon sind im Feuer.

Da wurde gesagt: „Oh Gesandter Allahs! Wer sind sie?“ Er erwiderte: „Die Gemeinschaft (al-jama'ah).“

Entsprechend dieser überlieferten Aussage des Propheten صلى الله عليه وسلم kam es also zu jener Aufspaltung in etliche Gruppen und Strömungen, die über die Geschichte hinweg zu beobachten war.

Es ist an dieser Stelle auch zu bemerken, dass in diesem Hadith deutlich ausgesagt wird, dass es auch bei den Juden und Christen jeweils eine Gemeinschaft gab, die der ursprünglichen, unveränderten Lehre folgte – also eine jama'ah.

Gemäß dem zitierten Text wurde der Prophet صلى الله عليه وسلم zudem nach jener einen Gruppe gefragt, die von Fehlern in der Glaubenslehre verschont bleibt, und antwortete darauf: „Sie sind die Gemeinschaft (al-jama'ah).

Gerade weil jene jama'ah an den Texten der Sunnah festhielt, wurden diese Texte umso mehr zum Angriffspunkt jener Splittergruppen, was teilweise in der vollständigen Ablehnung der Sunnah mündete.

Die offene Ablehnung des Koran war zur damaligen Zeit ein deutliches Eingeständnis des Unglaubens und deshalb nicht ohne weiteres möglich. Die teilweise Ablehnung der Sunnah hingegen war eher durchführbar, weshalb die einzelnen Überlieferungen mehr und mehr diskutiert wurden.

Häufig behaupteten die verschiedenen Sekten sogar, dem Islam einen Dienst zu erweisen und die Religion durch die Ablehnung gewisser Texte schützen zu wollen. Trotz ihrer deutlichen Unwissenheit über die Überlieferungen, Überlieferungsketten und die Hadith-Wissenschaften, lehnten sie manche Überlieferungen mit dem Vorwand neuer, von ihnen erdachter Voraussetzungen ab, andere verwarfen sie grundlos.

Auf diesem Wege entstanden schließlich Strömungen, wie die sogenannten qur'aniyyun und die Schiiten, die der Sunnah ganz grundsätzlich mit Ablehnung begegnen und bis zum heutigen Tage bestehen.

Weitere Gruppen, wie die Khawarij, Mu'tazilah, Ash'ariyyah, maturidiyyah und andere lehnten hingegen jene Teile ab, die mit ihren philosophischen Lehren nicht zu vereinbaren waren. Dabei verwarfen sie manche Texte von Grund auf, während sie andere Texte nicht gänzlich ablehnten, sondern versuchten, sie durch theologisch und/oder sprachlich unzulässige Auslegungen zu entkräften.

Je deutlicher die Abweichungen wurden, umso mehr betonten die Leute des Hadith ihr Festhalten an der Sunnah. Aus diesem Grund sieht man, dass zahlreiche alte Bücher über die Glaubensgrundlagen als „Buch der Sunnah“ oder in ähnlicher Weise betitelt wurden. So z. B. die Werke bekannter früher Gelehrter, wie 'Abdullah (gest. 290 n. H.) dem Sohn des bedeutenden Gelehrten Ahmad ibnu Hanbal41, Ibnu Abi 'Asim (gest. 287 n. H.), und Abu Bakr al-Khallal (gest. 311 n. H.) رحمهم الله, welche alle in dieser Weise betitelt wurden.

Fußnoten

  1. Arabisches Schriftsymbol. Zu Deutsch etwa: „Möge Allah sich ihrer erbarmen.“
  2. Wie bereits erwähnt, wurde der hier erwähnte Hadith der firaq sehr zahlreich von den frühen Gelehrten überliefert, wobei auch klar ist, dass diese Gelehrten mit dem Text argumentierten, ihn also im Allgemeinen als authentisch befanden. Hierbei sei allgemein darauf hingewiesen, dass nicht jede einzelne Überlieferung dieses Hadith oder eines Hadith ganz allgemein als authentisch (sahih) eingestuft werden muss, damit die Überlieferungen in ihrer Gesamtheit akzeptiert werden. Bei manchen Hadithen können die einzelnen Überlieferungsketten Mängel aufweisen, die sich in Grenzen halten, während der Hadith in seiner Gesamtheit bei den frühen Gelehrten durchaus als authentisch galt. Dies ist auch einer der Hauptgründe, warum schwache Überlieferungen weitergegeben wurden, da diese nämlich durch andere Überlieferungen gestärkt werden können. Dass eine Überlieferung als „schwach“ (da'if) eingestuft wurde, hieß übrigens nicht, dass dieser Wortlaut definitiv als erlogen oder falsch beurteilt wird, denn so etwas müsste erst durch eine „erhebliche Schwäche“ (shadidu d-da'f) belegt werden. Vielmehr sagt die Beurteilung „schwach“ nur aus, dass man diese Aussage nicht mit Sicherheit dem Propheten صلى الله عليه وسلم bzw. der jeweiligen Person zuschreiben kann. Jedoch kann man auch nicht mit Sicherheit verneinen, dass diese Aussage wirklich so getätigt wurde. Es wurde also durchaus als möglich angesehen, dass die Überlieferung an sich den Tatsachen entspricht.
  3. Ahmad ibnu Hanbal (164-241 n. H./780-855 n. Chr.) war jener bekannte Gelehrte, nach dessen Lehre sich in weiterer Folge die hanbalitische Rechtsschule entwickelte. Ahmad war nicht nur ein bedeutender Rechtsgelehrter. Auch seine Leistungen im Bereich der Hadith-Überlieferung sind von beachtlichem Umfang und von tragender Bedeutung. Mit seinem Musnad legte er eines der umfassendsten Werke der Hadith-Überlieferung vor. Ahmad ibnu Hanbal erreichte ein Alter von etwa 75 Jahren.