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Judentum und Christentum im Hinblick auf authentische Überlieferung – Textkritik, Bart D. Ehrman und seine Kritiker

Einführung · Volltext-Kapitel aus dem Buch Die Lehre des Monotheismus · Als PDF lesen

Die historische Tatsache, dass sowohl das Alte wie auch das Neue Testament heute nicht in authentisch überlieferter Form vorliegen, wird kein ernstzunehmender Historiker abstreiten.

Bart D. Ehrman, welcher weltweit in Fachkreisen unbestritten zu den bedeutendsten Fachleuten bezüglich biblischer Urschriften zählt17, verdeutlichte diese Thematik in seinem Buch „Abgeschrieben, falsch zitiert und missverstanden – Wie die Bibel wurde, was sie ist“18.

Das genannte Buch dreht sich nur um dieses Thema und die Kernaussage tritt z. B. im folgenden Zitat des Autors deutlich zutage (S. 23, 24):

„Wir haben nicht nur keine Originale, wir haben auch nicht die ersten Abschriften der Originale. Wir haben noch nicht einmal Abschriften der Abschriften der Originale oder Abschriften der Abschriften der Abschriften der Originale.

Was wir haben, sind Abschriften, die später angefertigt wurden – viel später. In den meisten Fällen handelt es sich um Kopien, die Jahrhunderte nach den darin beschriebenen Ereignissen angefertigt wurden. Und diese Abschriften unterscheiden sich untereinander an vielen tausend Stellen. Wie wir später in diesem Buch sehen werden, unterscheiden sich diese Abschriften an so vielen Stellen voneinander, dass wir noch nicht einmal genau wissen, wie viele Unterschiede es gibt. Insgesamt gibt es wohl mehr Unterschiede zwischen den Manuskripten als Worte im neuen Testament.“

Jeder, der auch nur eine sehr grundlegende Einsicht in die islamischen Überlieferungswissenschaften hat, steht verwundert vor dieser und vielen anderen gleichlautenden Aussagen der renommiertesten Wissenschaftler in Bezug auf die alten Schriften des Juden- und Christentums. Sie alle sagen klar aus, dass die Problematik der jüdischen und christlichen Quellen eine unbestreitbare Tatsache ist.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass auch christliche Theologen dieses Faktum als völlig normale, gegebene Tatsache behandeln und dagegen überhaupt keine Einwände haben.

So sagten mir renommierte und namhafte österreichische Theologen im persönlichen Gespräch, sowohl der katholischen wie auch der evangelischen Kirche, dass es bei ihnen unbestrittene Lehrmeinung wäre, dass die Bibel sicher nicht als das unverfälschte und unvermittelte Wort Gottes angesehen werden kann! Sie bewerteten es zudem ausdrücklich als eine Tatsache, dass die Bibel unzweifelhaft im Nachhinein und über einen langen Zeitraum von vielen verschiedenen Autoren zusammengetragen wurde.

So ist beispielsweise im Buch Bibelkunde19 über das ganze Buch verteilt bei der Besprechung der einzelnen Teile der Bibel immer die Rede von zahlreichen verschiedenen Verfassern der Bibel, sowohl beim Alten, wie auch beim Neuen Testament.

In Bezug auf das Alte Testament heißt es in dem Buch (S. 35) darüber hinaus ganz grundsätzlich:

„Die ältesten alttestamentlichen Handschriften stammen aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. (in Qumran gefundene Schriftrollen aus Leder).“

In der Chronologie der Luther-Bibel20 liest man, dass die Bibelforschung das Leben von Moses und die eigentliche Herabsendung der Thora etwa auf 1200 bis 1300 v. Chr. datiert.

Bei der Diskussion mit Christen werden oft die Qumran-Schriftrollen als Argument für eine angebliche Authentizität der (christlichen) Bibel erwähnt. Diese Schriftrollen haben aber nichts mit dem christlichen Evangelium zu tun. Des Weiteren entstanden diese Abschriften, gemäß dem obigen Zitat, erst etwa eintausend Jahre (!) nach der eigentlichen Zeit der Offenbarung zu Moses – zumindest nach den allgemeinen Erkenntnissen der Bibelforschung.

Demgegenüber wird in der islamischen Überlieferungswissenschaft eine Überlieferung bereits als schwach und damit grundsätzlich als nicht authentisch eingestuft, wenn nur ein einziger Überlieferer in der Überlieferungskette fehlt oder den früheren Biografen nicht ausreichend bekannt war!

Man sei sich hier also des gewaltigen Unterschieds bewusst – auch wenn eine genaue Darlegung dieser Thematik, wie bereits erwähnt, eine gesonderte Befassung erfordert.

Christliche Kritiker, wie James White und andere, die gegen Ehrman argumentieren, versuchen natürlich irgendwie darzulegen, warum Christen im Großen und Ganzen auf die hauptsächliche Aussage der Bibel vertrauen könnten. Dabei erwähnen White und Seinesgleichen z. B. das Zugeständnis Ehrmans, dass die etwa 400.000 Textvarianten, also Unterschiede im Text (!), zu 99 Prozent nicht sinnverändernd sind und der Erhalt des Textes über die Jahrhunderte trotzdem eine bemerkenswerte Leistung vieler Kopisten wäre.

Die teilweise grundlegende Veränderung tragender Inhalte von Thora und Evangelium ist aus Sicht der islamischen Theologie jedoch ein Faktum, welches im Koran21 auch ausdrücklich erwähnt wird.

Selbst wenn man diesen beiden von Christen vorgebrachten Feststellungen eine gewisse Berechtigung einräumen will, ändert dies nichts an der Tatsache, dass eine tiefgreifende Veränderung des Textes über eine Zeitspanne von hunderten oder gar von eintausend Jahren bis zur Niederschreibung niemals ausgeschlossen werden könnte.

Dies ganz abgesehen von der Tatsache, dass aus dem Bibeltext an sich an unzähligen Stellen eindeutig hervorgeht, dass die vielen Einzelteile von zahlreichen, teils völlig unbekannten Autoren verfasst wurden – wie aus den vorausgehenden Ausführungen deutlich wurde.

Wie bereits angemerkt, kann in diesem Rahmen nicht umfassend auf die Thematik der Überlieferungswissenschaft eingegangen werden. Es besteht jedoch nach dem Gesagten – und umso mehr für denjenigen, der sich in solchen Fragen vertieft – nicht der geringste Zweifel, dass mit den islamischen Überlieferungswissenschaften keine einzige andere historische Überlieferung auch nur annähernd vergleichbar wäre.

Im nächsten Kapitel wird sich diese Erkenntnis weiter verdeutlichen, auch anhand der Aussage eines führenden britischen Orientalisten des letzten Jahrhunderts.

Fußnoten

  1. Die Reputation und jahrzehntelange Erfahrung Ehrmans auf diesem Gebiet lässt sich an sich nicht bestreiten. Demgegenüber werden die Ausführungen Ehrmans über die fehlende Authentizität der Bibel von vielen Christen sehr wohl vehement bestritten. Etwas anderes ist bei so einer fundamentalen Kritik jedoch auch nicht zu erwarten. Jedoch können diese Kritiken an der prinzipiellen Aussage Ehrmans vonseiten mancher Christen nicht als stichhaltig und vor allem nicht als entscheidend eingestuft werden. Im nächsten Kapitel soll dieser Angelegenheit noch eine weitere kurze Erklärung hinzugefügt werden. Im Rahmen des vorliegenden Buches kann jedoch nicht im Detail auf diese Diskussion eingegangen werden. Vielmehr erfordert dies eine eigene Abhandlung über die Grundlagen der Überlieferungswissenschaften im Allgemeinen und in Bezug auf religiöse Überlieferungen im Speziellen. Es muss jedoch klar sein, dass es sich bei der fehlenden Authentizität der Bibel nicht um eine neuartige These Ehrmans handelt, sondern um eine altbekannte historische Tatsache. In Kürze soll dies auch an einem weiteren Zitat deutlich gezeigt werden.
  2. Originaltitel „Misquoting Jesus: The Story Behind Who Changed the Bible and Why“, 2005 von Bart D. Ehrman. Deutsche Ausgabe, Gütersloher Verlagshaus, 2008, 1. Auflage.
  3. Bibelkunde, Christa Zerbst und Christoph Weist, Evangelischer Presseverband in Österreich „Mit Bescheid des Evangelischen Oberkirchenrates A. u. H. B. vom 1. Oktober 1985“, Ausgabe 1987. Dieses Buch wird in Österreich von der Evangelischen Kirche als Schulbuch verwendet und ist somit als offizielle Lehrmeinung anzusehen.
  4. Zeittafel, Seite 349. Lutherbibel - Standardausgabe mit Apokryphen, Durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, 2006, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
  5. Wie am Ende des vorliegenden Buches in den Hinweisen zur Umschrift und Formatierung dargelegt, werden arabische Fachausdrücke in diesem Buch zur besseren Leserlichkeit für den deutschen Leser kursiv und klein gehalten. Bei sehr bekannten, eingedeutschten Begriffen wie „Muslim, Islam, Koran, Zakat, Ramadan, …“ wird der deutsche Sprachgebrauch und die gängige Schreibweise vorgezogen. Weitere Informationen hierzu sind den genannten Anmerkungen zu entnehmen.