Die eigentliche Aussage des Monotheismus im Islam und das weitverbreitete Missverständnis darüber
Betrachtet man nun den Koran, so besteht die tatsächliche Botschaft aller Propheten عليهم السلام – zur Verwunderung vieler Menschen, die sich zum Islam bekennen – nicht im Wissen darüber, dass es nur einen Schöpfer gibt. Denn die überwiegende Mehrheit der Völker, zu denen die Propheten عليه السلام entsandt wurden, wusste dies sehr genau. Selbst jene, die mehreren Wesen göttliche Eigenschaften zuschrieben, waren in der Regel von einem einzigen Schöpfer überzeugt, der letztlich über all diese Wesen Macht hat.
Der Polytheismus dieser Völker bestand islamisch gesehen jedoch vielmehr darin, dass sie neben dem einen Schöpfer weitere Dinge oder Personen verehrten. Sie brachten ihnen also verschiedene Arten des Gottesdienstes, der Anbetung und der Ehrfurcht entgegen, die nur dem einen Schöpfer gebühren.
Wie im Folgenden noch anhand von frühen islamischen Texten gezeigt wird, wussten dies ohne Zweifel auch die vorislamischen Araber sehr genau42. Das Wort Götzendiener wird heute in der Regel immer mit der Idee von mehreren „Göttern“ bzw. Schöpfern in Verbindung gebracht. Wenn aber nur dies der klassische Polytheismus ist, dann müssten die damaligen Araber, wie auch die meisten anderen Völker, Monotheisten gewesen sein. Der tatsächliche Monotheismus muss also mehr als nur dieses Wissen sein.
Die heutige Vorstellung vieler Menschen in Bezug auf die tatsächliche Bedeutung des Wortes Islam und des Glaubensbekenntnisses weicht von der ebengenannten Erklärung jedoch stark ab. Sie meinen, dass der im Glaubensbekenntnis bezeugte Monotheismus bedeute, es gäbe nur einen Schöpfer.
In dem Moment, wo ein Mensch diese Überzeugung in sich trägt, ist er nach dieser Auffassung sicher als Muslim einzuordnen, selbst wenn er gleichzeitig verschiedene Formen des Polytheismus in der Anbetung praktiziert.
Die islamischen Quellen zeigen aber, dass es vor allem diese Beigesellung in der Anbetung ist, die einen Menschen zum Polytheisten macht, weshalb ebendiese Beigesellung im Islam auch aufs Schärfste verurteilt wird.
Damit ein Mensch aus islamischer Sicht wirklich zum Muslim wird, erfordert es weit mehr als ein bloßes Lippenbekenntnis. In diesem Sinne ist es nicht denkbar, dass ein Mensch Polytheismus betreibt, aber aufgrund seines bloßen Bekenntnisses dennoch ein tatsächlicher Monotheist ist. Ein polytheistischer Muslim bzw. ein polytheistischer Monotheist wäre schließlich eine absurde Annahme43.
Genau dieser völlig widersprüchliche Gedanke ist aber heute weit verbreitet. Deshalb ist es ein zentrales Anliegen des vorliegenden Buches auch diese Problematik aufzuarbeiten.
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Fußnoten
- Im Sinne des zu Beginn bei der Begriffserklärung des Wortes „Monotheismus“ schon Gesagten kann hier Folgendes angemerkt werden: Das Wissen oder die bloße Anerkennung der Existenz des einen Schöpfers erfüllt vielleicht die Monotheismus-Definitionen mancher westlicher Religionswissenschaftler und Historiker, jedoch noch lange nicht diejenige des islamischen Monotheismus. Wie zuvor bereits gesagt, geht es hier nicht um irgendein beliebiges Verständnis und auch nicht um die Frage der jeweiligen Definition, sondern darum, zu welcher Vorstellung des Monotheismus (Tauhid) der Koran aufruft und welchen Polytheismus (Shirk) er anprangert. ↩
- Hier sei nochmal an den im Vorwort dieses Buches erwähnten Hinweis erinnert: Nicht nur für Muslime ist die Vorstellung eines „polytheistischen Muslims“ eine Absurdität. So antwortete mir ein namhafter, mir bekannter christlicher Theologe aus Österreich beipflichtend auf eine Abhandlung, in der ich auf genau diesen Punkt einging: „Aussagen […] ohne Verständnis des Sinns (polytheistischer Muslim) ... sind wirklich erschreckend.“ Man bedenke also: Hier ist die Rede von Gesichtspunkten der islamischen Theologie, die auch für viele nicht-muslimische Theologen als Selbstverständlichkeit der islamischen Sicht gelten, und keineswegs um irgendwelche überhaupt nicht nachvollziehbaren Standpunkte, die es unbedingt zu kriminalisieren gilt – wie dies jetzt z. B. in Österreich vorangetrieben wird. ↩