Die Behauptung, Polytheismus wäre immer mit der Idee einer zweiten Gottheit verbunden
Wie bereits erläutert, glauben viele Leute heute, dass es beim Glaubensbekenntnis lediglich um das Bekenntnis zum Glauben an einen einzigen Schöpfer geht. Aus diesem Grunde erkennen Personen mit so einer Ansicht auch keine Form des Polytheismus in der Anbetung an. Dies wirft die Frage auf, was die Bedeutung jener im Koran vielfach erwähnten Anbetung der Götzendiener sein soll und ebenso ihrer Angebeteten, wenn die Anbetung an sich nicht das Problem darstellt.
Einige Leute erklären hierzu, dass die eigentliche „Anbetung/'Ibadah“ prinzipiell erst zustande kommen könnte, wenn eine Person in dem „Angebeteten“ göttliche Eigenschaften vermutet. Gemäß dieser Aussage und der Vorstellung von Leuten, die so argumentieren, wäre die Anbetung an sich also gar nicht das Problem. Das eigentlich Verwerfliche wäre nicht die Anbetung, sondern die Überzeugungen (I'tiqadat, Sg. I'tiqad), die hinter diesen Handlungen und Aussagen stehen.
Manche gehen schließlich so weit in dieser Behauptung, dass gemäß ihrer Vorstellung ein Mensch nur dann etwas anbetet, wenn er in diesem Angebeteten auch die völlige Eigenständigkeit und Unabhängigkeit (al-istiqlal) sieht. Aus diesem Grunde sieht man solche Leute – nicht selten aus dem sufistischen Spektrum – häufig mit der angeblichen Bedingung des istiqlal argumentieren, um auf diesem Wege auch Anhänger von diversen Gräberkulten zu verteidigen.
Leute, die z. B. solchen Arten der Totenverehrung anhängen, müssten demnach als Muslime bezeichnet werden, da sie schließlich nicht behaupten, dass diese Toten ihre wundersamen Taten völlig unabhängig (mustaqill) vom Schöpfer vollbringen können. Ihre angeblich wundersamen Taten würden nur mit der Erlaubnis des Schöpfers getan, was in der Glaubenslehre nichts Ungewöhnliches wäre – so die Argumentation.
Man muss sich in Bezug auf diese Diskussion um das Wort Ilah und die tatsächliche Bedeutung des Glaubensbekenntnisses nun Folgendes vor Augen halten:
Der grundlegendste Inhalt des Islam ist die alleinige Anbetung des Schöpfers und die völlige Unterlassung der Anbetung anderer Dinge oder Wesen. Um dies zu formulieren wird in den Offenbarungstexten ständig das Wort „Anbetung/'Ibadah“ benutzt. Selbst bei der Erklärung der Grundlage des Islam, wie dies bereits an dem bekannten Hadith über die fünf Säulen gezeigt wurde und an zahlreichen anderen Texten, wird ausdrücklich über Anbetung gesprochen. In diesen Texten wird wörtlich erklärt, dass der Islam die Unterlassung der Anbetung von etwas anderem als dem Schöpfer erfordert und dies die zentrale Bedeutung des Islam ist.
Wie absurd erscheint danach also die Behauptung, die Anbetung an sich wäre nicht das Problem, sondern nur die Überzeugungen dahinter, also der sogenannte I'tiqad. Dies würde nämlich bedeuten, dass in der Offenbarung unzählige Male wörtlich die Anbetung der Götzendiener angeprangert wird, wobei es in Wirklichkeit gar nicht um diese Anbetung geht, sondern nur um die Überzeugungen dahinter! Hierbei stellt sich nun die zwingende Frage, warum die ganze Zeit über ein Wort verwendet werden sollte, wobei in Wirklichkeit etwas anderes gemeint ist.
Warum sollten Muslime z. B. täglich mindestens 17 Mal bei der Rezitation der eröffnenden Sure al-Fatihah in ihren Gebeten immerzu „Nur Dir dienen wir“ sagen, wo doch der entscheidende Unterschied angeblich in der Überzeugung liegt. Vielmehr müsste es heißen „Nur an dich alleine glauben wir“.
Auch bei der vorausgehenden Erklärung des Islam durch den Propheten صلى الله عليه وسلم selbst heißt es ausdrücklich „Der Islam ist, dass du nur Allah anbetest und Ihm nichts beigesellst.“
Laut der beschriebenen verzerrten Sichtweise müsste es hier viel eher lauten: „Der Islam ist, dass du nicht glaubst, Allah hätte einen Sohn oder eine Mutter, oder dass es jemanden gäbe, der von Ihm völlig unabhängig ist (al-istiqlal).“ In derselben Weise dürfte hier nicht die Beigesellung in der Anbetung untersagt werden, sondern ebensolche Überzeugungen.
Die Anbetung selbst, die Taten an sich, würden überhaupt keine Rolle spielen. Dies deckt sich jedoch überhaupt nicht mit der Ausdrucksweise in den islamischen Offenbarungstexten.
Dasselbe ließe sich über unzählige Stellen in den islamischen Quelltexten sagen. Auch hierin zeigt sich also ein unlösbarer Widerspruch für Leute, die einen Polytheismus in der Anbetung grundsätzlich verneinen.