Die islamischen Quellen: Koran, Sunnah und Konsens
Die bereits genannte Zielsetzung des Buches, das islamische Monotheismus-Verständnis aus den frühesten Quellen herauszuarbeiten, erfordert die Konzentration auf die Hauptquellen des Islam, den Koran und die Sunnah des Propheten صلى الله عليه وسلم.
Diesen beiden Hauptquellen müssen sodann die Konsensmeinungen (Ijma') der frühen Gelehrten und im Besonderen der Prophetengefährten (sahabah) رضي الله عنهم31 hinzugefügt werden.
Es ist undenkbar, dass sich innerhalb der ersten Jahrhunderte eintausend oder mehr Fachleute für die Überlieferung von Texten in Bezug auf einen speziellen Glaubensinhalt einig waren und sich dabei allesamt irrten. Deshalb galt es bei der frühen islamischen Gelehrsamkeit als zweifelsfrei, dass solche Konsensmeinungen die authentische islamische Glaubenslehre anzeigen. Insbesondere auch wegen der bereits angesprochenen Zuhilfenahme von sehr vielen Überlieferungsketten.
Dabei ist natürlich klar, dass jeglicher Konsens sich immer an die Hauptquellen des Islam anlehnen muss, da der Konsens überhaupt erst aufgrund einer eindeutigen Aussage des Koran oder des Propheten صلى الله عليه وسلم entstanden sein kann. In diesem Sinne ist der Konsens also nicht als eigenständige Rechtsquelle zu betrachten, da aus Sicht der islamischen Theologie in Übereinstimmung der Muslime niemand nach dem Propheten direkte Offenbarung erhielt.32
Als Beispiel für die Überlieferung des Konsenses durch die frühen Hadith-Gelehrten, also die Fachleute der islamischen Überlieferung, soll uns hier die folgende Aussage des wahrscheinlich bekanntesten Hadith-Gelehrten überhaupt dienen, Muhammad ibnu Isma'il al-Bukhari.
So überliefert Abu l-Qasim Hibatullah al-Lalaka'i in seinem Buch Sharhu Usuli 'tiqadi Ahlissunnati wa-l-Jama'ah folgende Aussage von al-Bukhari. Anzumerken ist dabei, dass auch al-Lalaka'i selbst ein Hadith-Gelehrter war und nach der gängigen Tradition seines Wissensgebietes diese Aussage von al-Bukhari ebenfalls mit einer Überlieferungskette tradierte33:
أَخْبَرَنَا أَحْمَدُ بْنُ مُحَمَّدِ بْنِ حَفْصٍ الْهَرَوِيُّ , قَالَ: حَدَّثَنَا مُحَمَّدُ بْنُ أَحْمَدَ بْنِ مُحَمَّدِ بْنِ سَلَمَةَ , قَالَ: حَدَّثَنَا أَبُو الْحُسَيْنِ مُحَمَّدُ بْنُ عِمْرَانَ بْنِ مُوسَى الْجُرْجَانِيُّ قَالَ:
سَمِعْتُ أَبَا مُحَمَّدٍ عَبْدَ الرَّحْمَنِ بْنَ مُحَمَّدِ بْنِ عَبْدِ الرَّحْمَنِ الْبُخَارِيَّ بِالشَّاشِ يَقُولُ: سَمِعْتُ أَبَا عَبْدِ اللَّهِ مُحَمَّدَ بْنَ إِسْمَاعِيلَ الْبُخَارِيَّ يَقُولُ: لَقِيتُ أَكْثَرَ مِنْ أَلْفِ رَجُلٍ مِنْ أَهْلِ الْعِلْمِ أَهْلِ الْحِجَازِ وَمَكَّةَ وَالْمَدِينَةِ وَالْكُوفَةِ وَالْبَصْرَةِ وَوَاسِطَ وَبَغْدَادَ وَالشَّامِ وَمِصْرَ لَقِيتُهُمْ كَرَّاتٍ قَرْنًا بَعْدَ قَرْنٍ ثُمَّ قَرْنًا بَعْدَ قَرْنٍ , أَدْرَكْتُهُمْ وَهُمْ مُتَوَافِرُونَ مُنْذُ أَكْثَرَ مِنْ سِتٍّ وَأَرْبَعِينَ سَنَةً , أَهْلَ الشَّامِ وَمِصْرَ وَالْجَزِيرَةِ مَرَّتَيْنِ وَالْبَصْرَةِ أَرْبَعَ مَرَّاتٍ فِي سِنِينَ ذَوِي عَدَدٍ بِالْحِجَازِ سِتَّةَ أَعْوَامٍ , وَلَا أُحْصِي كَمْ دَخَلْتُ الْكُوفَةَ وَبَغْدَادَ مَعَ مُحَدِّثِي أَهْلِ خُرَاسَانَ , مِنْهُمُ الْمَكِّيُّ بْنُ إِبْرَاهِيمَ , وَيَحْيَى بْنُ يَحْيَى ...
Ich habe Abu 'Abdillah Muhammad ibnu Isma'il al-Bukhari gehört als er sagte: Ich habe mehr als eintausend Männer von den Leuten des Wissens getroffen, von den Leuten des Hijaz, von Mekka, Medina, Kufa, Basra, Wasit, Bagdad, ash-Sham34 und Ägypten.
Ich habe sie immer wieder getroffen, von Generation zu Generation und wieder von Generation zu Generation. Ich habe sie erlebt, sehr zahlreich vorhanden, seit mehr als 46 Jahren35.
Die Leute des Sham, Ägyptens und der arabischen Halbinsel zwei Mal und (die Leute von) Basra vier Mal innerhalb mehrerer Jahre, im Hijaz sechs Jahre.
Und ich kann kaum aufzählen, wie oft ich Kufa und Bagdad gemeinsam mit den Hadith-Gelehrten von den Leuten aus Khurasan36 betreten habe.
Unter ihnen (war) al-Makkiyy ibnu Ibrahim und Yahya ibnu Yahya …
Nun erwähnt al-Bukhari – nach meiner Zählung – insgesamt 45 Namen der bekannten Gelehrten aus den verschiedenen Großstädten und damaligen Wissenszentren der islamischen Welt, bis es in der Überlieferung schließlich heißt:
... وَاكْتَفَيْنَا بِتَسْمِيَةِ هَؤُلَاءِ كَيْ يَكُونَ مُخْتَصَرًا وَأَنْ لَا يَطُولَ ذَلِكَ , فَمَا رَأَيْتُ وَاحِدًا مِنْهُمْ يَخْتَلِفُ فِي هَذِهِ الْأَشْيَاءِ: أَنَّ الدِّينَ قَوْلٌ وَعَمَلٌ؛ وَذَلِكَ لِقَوْلِ اللَّهِ: {وَمَا أُمِرُوا إِلَّا لِيَعْبُدُوا اللَّهَ مُخْلِصِينَ لَهُ الدِّينَ حُنَفَاءَ وَيُقِيمُوا الصَّلَاةَ وَيُؤْتُوا الزَّكَاةِ وَذَلِكَ دِينُ الْقَيِّمَةِ} [البينة: 5] وَأَنَّ الْقُرْآنَ كَلَامُ اللَّهِ غَيْرُ مَخْلُوقٍ
[…] Wir haben uns mit den Namen dieser Leute begnügt, um es kurz zu fassen und nicht in die Länge zu ziehen. Bei all diesen Leuten habe ich keinen einzigen gesehen, der in den folgenden Dingen eine (von den anderen) abweichende Meinung gehabt hätte:
- Dass der Din37 Aussage und Tat ist. Dies, aufgrund der Aussage Allahs: „Und doch war ihnen nichts anderes befohlen worden, als nur Allah alleine anzubeten, das Gebet zu verrichten und die Zakat38 zu entrichten. Und dies ist die Religion der Geradlinigkeit.“ (al-bayyinah:5)
- Und dass der Koran das Wort Allahs ist und nicht erschaffen wurde. […]
Die hier von al-Bukhari erwähnten Personen waren nicht irgendwelche unbekannten Menschen, mit denen er selbst persönliche Kontakte pflegte. Diese Leute waren allesamt in der gesamten islamischen Welt bekannte Persönlichkeiten, Gelehrte und ihrerseits Überlieferer des Hadith. Abgesehen von diesen beispielhaft aufgezählten Personen gab es wie gesagt unzählige ebenfalls bekannte Überlieferer und Gelehrte, die die erwähnten Glaubensgrundlagen ebenso in genau dieser Weise überlieferten.
Neben diesen Gelehrten der Überlieferung, begannen sich in den ersten Jahrhunderten des Islam, auch unter dem Einfluss der griechischen Philosophie, viele neue Meinungen herauszubilden. Diejenigen, die sich von der Philosophie beeinflussen ließen, begannen mehr und mehr, ihren eigenen Intellekt als Quelle der Religion zu betrachten. Schließlich fingen sie auf diesem Weg bald damit an, die eigenen Meinungen der textuell überlieferten Aussage vorzuziehen. Je nachdem, wie weit die genannten Personen dabei gingen, verwarfen sie durchaus auch starke Überlieferungen oder sogar Konsensmeinungen und widersprachen der eindeutigen Aussage von Koran-Versen in gravierendem Ausmaß.
Zu den Fragestellungen, die in den frühen Jahrhunderten heftig diskutiert wurden, zählte auch die Frage, ob die Taten ein Teil des Iman sind oder nicht sowie die Frage, ob der Koran erschaffen sei oder nicht.
Wie aus dem obigen Zitat ersichtlich, herrschte aber eine überlieferte Konsensmeinung unter den damaligen Gelehrten in diesen Fragen, weshalb andere Meinungen darin auch nicht legitim sein konnten.
In derartigen Glaubensfragen wurden die anderen Meinungen deshalb von ebendiesen Gelehrten einhellig als unerlaubte Neueinbringung in die Religion (Bid'ah, Pl. Bida') verurteilt.
Fußnoten
- Arabisches Schriftsymbol. Zu Deutsch etwa: „Allahs Wohlgefallen auf ihnen.“ ↩
- Ebenso zählt dies für den sogenannten Qiyas, den Analogieschluss, welcher gewöhnlicherweise ebenfalls als eine Rechtsquelle der Muslime angegeben wird. Zweifelsohne ist der Qiyas auch eine Quelle der islamischen Rechtsprechung. Da bei Analogieschlüssen aber keine Überlieferung eines gesonderten Textes vorliegt, sondern nur versucht wird, die Aussage des bestehenden Textes zu verstehen und auf einen weiteren Fall in der Realität anzuwenden, wurde der Qiyas hier nicht als tragende Quelle erwähnt. Darüber hinaus wurden im Speziellen die Glaubensinhalte bereits durch zahlreiche Texte der zuvor genannten Quellen überliefert und belegt. Im Gegensatz zum Analogieschluss, der dabei grundsätzlich nicht zum Tragen kam. ↩
- Die Überlieferungsketten werden im vorliegenden Buch im Allgemeinen der Kürze halber nicht vollständig erwähnt. Bei dieser konkreten Überlieferungskette befinden sich z. B. vier Personen zwischen al-Lalaka'i und al-Bukhari. ↩
- Die Levante. Es handelt sich dabei im alten arabischen Sprachgebrauch um die Länder im Norden der arabischen Halbinsel. Heutzutage wird mit dem Wort ash-Sham vorwiegend Syrien gemeint. ↩
- Al-Bukhari meint hiermit, dass er die verschiedenen, zahlreich vorhandenen Gelehrten über diesen Zeitraum erlebte, sie bei seinen Reisen antraf, mit ihnen studierte und ihre bekannten Ansichten und Äußerungen kennenlernte. Im Folgenden zählt er einige dieser Reisen auf. ↩
- Im Deutschen auch als Chorasan bekannt. Eine historische, für die islamische Geschichte und vor allem für die Hadith-Wissenschaft sehr bedeutsame Region in Zentralasien, die große Gebiete der heutigen Länder Afghanistan, Iran, Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan umfasste. Es handelt sich dabei um jene Region, die auch unter dem Namen „Khurasan al-kubra“, also „das große Khurasan“ bekannt ist. ↩
- Das Wort Din wird im Deutschen häufig als Religion oder umfassender Lebensweg beschrieben. In diesem Buch wird es in der Regel mit Religion übersetzt. Auf die allgemeine Problematik bei der Übersetzung solcher Begriffe wurde zuvor bereits eingegangen. ↩
- Das ursprüngliche Wort schreibt sich im Arabischen zakah (bzw. in der Kontextform zakatun). ↩