Vorwort
بسم الله والحمد لله والصلاة والسلام على رسول الله
Immer mehr Menschen beginnen, sich in dieser Zeit auf die Salaf, also die rechtschaffenen Muslime und Gelehrten der ersten Generationen und Jahrhunderte des Islam zu beziehen.
Überall hört man nun von „manhaj/Methode/Weg der Salaf“2. Viele Strömungen, Gruppen und Einzelpersonen meinen, diesen Weg zu vertreten. Dabei behaupten all diese Ausrichtungen und Personen im Regelfall auch, als Einzige auf der Welt der unverfälschten Lehre der Salaf zu folgen.
Sehr schnell wird deshalb auch der tabdi' vorgenommen. Dabei wird der Vertreter einer anderen Meinung (mukhalif) der bid'ah, also der unerlaubten Neuerung in der Religion, bezichtigt. Damit einhergehend wird die Person dann auch vom Kreis der ahlu s-sunnati wa-l-jama'ah „ausgeschlossen3“, einer falschen Glaubenslehre bezichtigt und häufig mit ziemlicher Härte behandelt.
Oder es geht noch weiter, bis hin zum takfir, also der Betrachtung einer Person als Nicht-Muslim.
Das Merkwürdige ist nun, dass man alleine bei den Menschen, die sich heute äußerlich zu den Salaf bekennen und sich selbst als „salafiyyah“ bezeichnen, sicherlich hundert oder mehr Strömungen ausmachen kann, die sich deutlich unterscheiden.
Die Unterschiede sind dabei scheinbar - zumindest aus Sicht dieser Strömungen - so groß, dass es zu keiner Einigung kommen kann. Jeder meint, auf der einzig wahren „Lehre der Salaf“ zu sein, widerspricht aber beim Verständnis der Aussagen der Salaf allen anderen Strömungen.
Es ist also zweifelsohne nicht möglich, dass all diese Strömungen Recht haben und gleichzeitig alle die reine Glaubenslehre der Salaf vertreten, denn diese Lehre ist eine einzige und lässt sich auch auf einen einzigen Ursprung zurückführen. Es dürfte also überhaupt keine nennenswerten Unterschiede geben, wenn all diese Gruppen ebendiese eine Lehre vertreten würden.
Nun, es ist nicht das Ziel dieser kurzen Schrift, diese einzig wahre Lehre hier in allen Belangen herauszustellen. Weder würde das in diesem kleinen Umfang Sinn ergeben, noch erhebe ich überhaupt den Anspruch, diese Lehre in vollem Umfang zu kennen oder alle Meinungsunterschiede auflösen zu können.
Niemand, der weiß, wie enorm die Fülle des islamischen Wissens ist, welch gewaltige Entwicklungen es in der islamischen Geschichte gab und wie extrem auch die Umwälzungen sind, die derzeit im Gange sind, wird leichtfertig behaupten, er wüsste alles und könne alles erklären.
Solche großen Ansagen sieht man eigentlich nur bei Leuten, die überhaupt keine Ahnung haben, und noch nicht einmal verstanden haben, dass sie keine Ahnung haben – die niederste Stufe des Wissens bzw. Unwissens, wie die Gelehrten mehrfach verdeutlichten.
Einige davon meinen, schlicht und einfach alles zu wissen, weil sie alles auf „einen Scheikh“ zurückführen, den einzigen und wahren Vertreter der ahlu s-sunnah in dieser Zeit. Für unwissende Menschen ist der eigene Scheikh immer der größte, bis man schließlich zum nächsten Scheikh wechselt, dann ist dieser der größte usw.
Das ist vielleicht als Standard-Erkrankung zu bezeichnen. Solche Leute haben aber häufig überhaupt keine Ahnung, was ihr Scheikh eigentlich sagt. Viele müssen noch einen langen Weg zurücklegen, bevor sie die Fehler und Widersprüche ihres Scheikh's erkennen, aufgrund derer schon viel wissendere Schüler lange vor ihnen diesen Scheikh verlassen haben. Sie sind sich dessen noch nicht bewusst.
Wer diese Erscheinung beobachtet und – zumindest ansatzweise – erkannt hat, der sollte sich bewusst ständig selbst überprüfen.
Dies soll hier als Hinweis und Ratschlag für mich selbst und für die Leser genügen, aber es ist wie gesagt nicht das Hauptthema dieser Schrift.
Wenn man beginnt, sich mit den Aussagen der Salaf zu beschäftigen, um das frühe Verständnis des Islam zu ergründen, dann fallen einem schnell sehr viele Widersprüche zur heute vertretenen Lehre auf. Auch wenn hier nicht im Detail herausgestellt werden soll, wer genau was sagt und wie dies einzuordnen ist, so ist es doch sehr wichtig, auf die vielleicht wesentlichsten Punkte allgemein hinzuweisen.
Tatsächlich findet man schnell heraus, dass die heutigen Vertreter der salafiyyah in ihrer überwiegenden Mehrheit, das von ihnen vertretene Prinzip der „Rückkehr zu den Salaf“ gar nicht wirklich umsetzen. Die meisten Menschen, die dies heute vorgeben und von sich selbst wohl auch wirklich glauben, widersprechen in grundlegenden Dingen fundamental dem, was man in den Büchern der Salaf vorfindet, wenn man diese selber studiert.
Deshalb soll hier zumindest auf die wichtigsten Punkte hingewiesen werden. Es soll gleich zu Beginn gesagt sein, dass es heutzutage kaum bis gar nicht möglich ist, sich von Anfang an vollständig auf der Lehre der Salaf zu befinden, diese voll und ganz verstanden zu haben und in jedem Punkt umzusetzen. Ebenso deutlich soll hier gesagt sein, dass dies auch auf mich selbst zutrifft. Die folgenden Abweichungen von der Methode und Herangehensweise der Salaf nimmt heute im Grunde jeder einzelne mit der Muttermilch auf.
Wenn man dies erkennt ist die einzig vernünftige Konsequenz, das neue Wissen anzunehmen und das Gelernte umzusetzen.
In den Sunan von ad-Daraqutni und anderen Büchern wird überliefert:
كَتَبَ عُمَرُ بْنُ الْخَطَّابِ إِلَى أَبِي مُوسَى الْأَشْعَرِيِّ ...
لَا يَمْنَعُكُ قَضَاءٌ قَضَيْتَهُ بِالْأَمْسِ رَاجَعْتَ فِيهِ نَفْسَكَ وَهُدِيتَ فِيهِ لِرُشْدِكَ أَنْ تُرَاجِعَ الْحَقَّ فَإِنَّ الْحَقَّ قَدِيمٌ وَمُرَاجَعَةَ الْحَقِّ خَيْرٌ مِنَ التَّمَادِي فِي الْبَاطِلِ
Sinngemäß übersetzt bedeutet dies:
'Umar ibnu l-Khattab رضي الله عنه schrieb zu Abu Musa l-Asch'ari رضي الله عنه:
„ … Ein Urteil, dass du gestern gefällt hast, bei dem du dich dann selbst überprüft hast und in dem du nun zum Richtigen geleitet wurdest, soll dich nicht daran hindern, die Wahrheit anzunehmen, denn die Wahrheit ist alt, und der Wahrheit zu folgen, ist wahrlich besser, als stur auf dem Falschen zu beharren.“
Deshalb kann ich hier feststellen, dass auch ich eigentlich in so gut wie jedem einzelnen Punkt von diesen Abweichungen beeinflusst war. Dies ist auch völlig natürlich und wie gesagt im Grunde nicht zu vermeiden. Wer den Menschen in Bezug auf sich selbst etwas anderes vorgaukelt, der ist schlicht und einfach nicht aufrichtig.
Fußnoten
- In dieser Schrift wurde die DMG-Umschrift verwendet. Bei eingedeutschten Wörtern – und in wenigen Ausnahmefällen – wurde in der Regel der im Deutschen bekannte bzw. ein gängiger Sprachgebrauch vorgezogen. ↩
- Im Sinne von „als Außenstehender betrachtet“, da letztlich niemand eine Person aus eigener Kraft aus einer Glaubensgemeinschaft ausschließen kann. ↩