Anmerkungen zum Takfir der frühen Gelehrten auf die Jahmiyyah
بسم الله والحمد لله والصلاة والسلام على رسول الله وعلى آله وصحبه ومن والاه
In der Schrift Der Ghuluww – Die Krankheit der Übertreibung im Din wurde bereits darauf hingewiesen, dass es sich beim sogenannten Ketten-Takfir um eine philosophische Bid'ah handelt, die von den frühen Muslimen niemals als Teil der Glaubenslehre thematisiert wurde.
Allein, dass die Salaf nie solche Abhandlungen, Ableitungen und verschachtelten Schlussfolgerungen machten, muss einem normalen Menschen überdeutlich zeigen, dass es sich bei dieser Sache zweifelsohne um eine Bid'ah handeln muss.
Dass ein Muslim einen eindeutigen Nicht-Muslim nicht als seinen Glaubensbruder im Islam betrachten darf, das ist eine klare Sache und ein Grundsatz der islamischen Glaubenslehre. Dies dann jedoch hemmungslos in einer Kette fortzusetzen, die womöglich noch bis ins (theoretisch) Unendliche weitergeht, und den Glauben daran zu einer Voraussetzung für die Richtigkeit des Islam eines Menschen zu machen, ist eine ziemlich krankhafte und somit deutlich abzulehnende Neuerung im Din.
Die Gelehrten der Salaf sprachen durchaus den Takfir auf deutliche Kuffar aus, wie z. B. auf die Sekte der Jahmiyyah1, und machten dies auch bindend für einen Muslim, um nicht selbst den Islam zu verlassen.
So überliefert z. B. Ibnu Schahin in Scharhu Madhahibi Ahli s-Sunnah, dass Abu Khaithamah sagte:
... قَالَ أَحْمَدُ، قَالَ يَزِيدُ، قَالَ أَبُو خَيْثَمَةَ «وَمَنْ شَكَّ فِي كُفْرِ الْجَهْمِيَّةِ، فَهُوَ كَافِرٌ»
Wer am Kufr der Jahmiyyah zweifelt, der ist ein Kafir.
Für die Gelehrten der Salaf war dies so, weil nach ihrem Verständnis die Jahmiyyah genauso deutlich keine Muslime waren, wie die Juden und Christen oder Anhänger anderer Religionen. Das war der Grund, warum sie dieses Urteil zahlreich formulierten und auch von den Muslimen einforderten.
Dies liest man z. B. konkret in den Masa'il von Harb al-Kirmani:
أتيت الكوفة فلقيت أبا بكر بن عياش فسألتُه فقال: كافر، وكل من لم يقل إنه كافر فهو كافر، قال أبو بكر: أيشك في اليهودي والنصراني أنهما كافران؟ فمن شك في هؤلاء أنهم كفار فهو كافر، والذي يقول القرآن مخلوق مثلهما
Ich kam nach Kufa und traf Abu Bakr al-'Ayyasch. Dabei fragte ich ihn [wie ein Jahmiyy zu beurteilen ist]. Er sagte: „Kafir. Und jeder, der nicht sagt, dass er ein Kafir ist, so ist er (ebenso) ein Kafir.“
Abu Bakr sagte (weiter): „Wird gezweifelt bezüglich des Juden und Christen, dass sie beide Kuffar sind? Wer Zweifel hat, dass jene Kuffar sind, der ist (selbst) ein Kafir. Und wer sagt, der Qur'an sei erschaffen, ist wie diese beiden [also wie ein Jude oder Christ].“
Zu diesen Aussagen können folgende Dinge angemerkt werden:
Die Gelehrten sagten also, dass jemand, der am Kufr der Juden, Christen oder Jahmiyyah zweifelt, kein Muslim ist. Manchmal formulierten sie dabei die Aussage: „Derjenige ist genauso wie er.“
In der arabischen Sprache bedeutet dies nicht, dass die Person in jeder Hinsicht und hundertprozentig genau gleichzusetzen ist mit dem Juden, Christen oder Jahmiyy. Leute, die keine Ahnung darüber haben, bauen deshalb auf solche Aussagen ihre Philosophien auf und ziehen sie als Schubuhat/Scheinargumente heran.
Des Weiteren muss darauf hingewiesen werden, dass die Gelehrten manchmal allgemeine Aussagen erwähnten. An anderen Stellen werden diese Aussagen jedoch konkretisiert und es werden zusätzliche Dinge erwähnt. Der Jahil/Unwissende glaubt, dass sich diese Aussagen widersprechen, weil er nicht weiß, in welcher Art die arabischen Gelehrten zu sprechen pflegten.
Hieraus entsteht auch die Problematik, die man aktuell in derjenigen Szene beobachten kann, die sich auf die Salaf zurückbesinnt und diese zahlreich zitiert. Anfänger im Wissen lesen einige Kurztexte über 'Aqidah und glauben, dass sie dadurch die 'Aqidah voll und ganz verstanden haben. Manche fühlen sich quasi wie Gelehrte, die nun mit anderen Streitgespräche führen können.
Ihnen ist dabei nicht klar, dass einige Formulierungen in diesen Kurztexten nicht so allgemein zu verstehen sind, wie sie an jener Stelle gesagt wurden und dass die jeweilige Aussage nicht völlig uneingeschränkt vom Verfasser bezweckt wurde.
Die Gelehrten kannten den Aufbau der Schari'ah genau und wussten deshalb, dass sich dieser Takfir im praktischen Leben nicht in philosophischer Weise weiter verketten lassen kann, schon gar nicht endlos. Deshalb wiesen sie zahlreich auf diesen Umstand hin.
So sagten z. B. die beiden Raziyyan, Abu Zur'ah ar-Razi und Abu Hatim ar-Razi, in ihrer 'Aqidah, in der sie den Konsens der Gelehrten überliefern und welche al-Lalaka'i in seinem Buch anführt:
ومن زعم أن القرآن مخلوق فهو كافر بالله العظيم كفرا ينقل عن الملة. ومن شك في كفره ممن يفهم فهو كافر.
Und wer behauptet, dass der Qur'an erschaffen sei, der ist ein Kafir gegenüber Allah, dem Gewaltigen, einen Kufr (begehend), der ihn aus der Religion befördert.
Und wer einen Zweifel an seinem Kufr hat – von jenen, die verstehen – so ist er (ebenso) ein Kafir.
Dasselbe sagte Abu Hatim ar-Razi in der von ihm im selben Werk überlieferten 'Aqidah.
Diese Aussagen sind eine klare Einschränkung und lassen sich bei den Gelehrten immer wieder finden. Auch wenn in diesem kurzen Text nicht auf Details eingegangen werden kann, muss klar sein, dass die Salaf also bemüht waren, auf diese Einschränkung hinzuweisen.
Fußnoten
Siehe dazu die Schrift „Die Sekte der Jahmiyyah“. ↩