Das frühe Erscheinen dieser Bid'ah bei der Sekte der Mu'tazilah – Erklärung der Aussage von al-Malati
Wie bereits gesagt, war die hier thematisierte Philosophie unter den Gelehrten des Islam von Anfang an niemals ein Bestandteil der islamischen Glaubenslehre und Grundüberzeugung. Umso erwähnenswerter ist in diesem Zusammenhang, dass diese Bid'ah aber schon in den ersten Jahrhunderten bei einigen abgeirrten, philosophischen und übertreibenden Sekten auftrat.
So berichtet Abu l-Hussain al-Malati2 (gest. 377 n. H.) in seinem Buch At-Tanbihu wa r-Raddu 'ala Ahli l-Ahwa'i wa-l-Bida'3, dass die Sekte der Mu'tazilah genau in dieser oben beschriebenen Weise philosophische Verkettungen vornahm.
Die Mu'tazilah waren im Vergleich zu den muslimischen Gelehrten sehr unwissend über die Texte der Schari'ah. Tatsächlich interessierten sie sich gar nicht dafür. Bei ihnen stand ihr eigener Verstand völlig im Vordergrund. Wenn sie mit Texten argumentierten, dann in erster Linie deshalb, um ihre eigenen Thesen zu stützen und zu verteidigen. Insofern ist es also verständlich, warum gerade bei diesen Leuten derartige Irrgedanken auftraten.
Al-Malati schildert die wirren Gedanken jener Sekten mit den folgenden Worten:
وَاعْلَم أَن للمعتزلة سوى من ذَكَرْنَاهُمْ جمَاعَة كَثِيرَة قد وضعُوا من الْكتب والهوس مَا لَا يُحْصى وَلَا يبلغ جمعه وَهِي فِي كل بلد وقرية لَا تَخْلُو مِنْهُم الأَرْض
فَأَما الْبلدَانِ الَّتِي غلب عَلَيْهَا الاعتزال حَتَّى لَا يظْهر فِيهَا غير الاعتزال فَعَسْكَرَ مكرم من أَرض الأهواز والصيمرة ومدينة بِأَرْض فَارس يُقَال لَهَا جهرم وهراة واصطخر من أَرض كرمان نصفهم خوارج ونصفهم معتزلة إِلَّا أَن الاعتزال أغلب عَلَيْهِم
Und wisse, dass es bei den Mu'tazilah – abgesehen von jenen, die wir bereits erwähnt haben – viele Gruppen gibt, die an Büchern und Wahnvorstellungen hervorgebracht haben, was nicht gezählt oder gesammelt werden könnte, und es gibt sie in jedem Land und jedem Dorf, kein Teil der Erde ist frei von ihnen.
Was jene Länder betrifft, in denen der I'tizal vorherrschend ist, so dass in ihnen nichts anderes sichtbar ist, so sind diese: 'Askar Makram aus dem Gebiet al-Ahwaz und as-Saimarah, (sowie) eine Stadt in Persien, welche Jahrum genannt wird, sowie Herat und Istakhr aus der Gegend Kerman. Die Hälfte von ihnen sind Khawarij und die Hälfte von ihnen Mu'tazilah, wobei der Anteil der Mu'tazilah bei ihnen überwiegt.
فَأَما الَّذِي يكفر فِيهِ معتزلةُ بَغْدَادَ معتزلةَ الْبَصْرَةِ فَالْقَوْل فِي الشاك والشاك فِي الشاك وَمعنى ذَلِك أَن معتزلة بَغْدَاد وَالْبَصْرَة وَجَمِيع أهل الْقبْلَة لَا اخْتِلَاف بَينهم أَن من شكّ فِي كَافِر فَهُوَ كَافِر لِأَن الشاك فِي الْكفْر لَا إِيمَان لَهُ لِأَنَّهُ لَا يعرف كفرا من إِيمَان
فَلَيْسَ بَين الْأمة كلهَا الْمُعْتَزلَة وَمن دونهم خلاف أَن الشاك فِي الْكَافِر كَافِر ثمَّ زَاد معتزلة بَغْدَاد على معتزلة الْبَصْرَة أَن الشاك فِي الشاك والشاك فِي الشاك إِلَى الْأَبَد إِلَى مَا لَا نِهَايَة لَهُ كلهم كفار وسبيلهم سَبِيل الشاك الأول
Was nun die Sache angeht, wegen der die Mu'tazilah von Bagdad die Mu'tazilah von Basra zu Kuffar erklärten, so geht es dabei um ihr Urteil über den Zweifler und den Zweifler über den Zweifler.
Und die Bedeutung davon ist, dass (zwar) die Mu'tazilah von Bagdad, die Mu'tazilah von Basrah und alle Leute der Qiblah/Gebetsrichtung keinen Meinungsunterschied in dem Punkt haben, dass derjenige, der Zweifel am Kufr eines Kafirs hat, (selbst) ein Kafir ist. Denn wer Zweifel in Bezug auf den Kufr hat, der hat keinen Iman, weil er den Kufr vom Iman nicht unterscheiden kann.
So gibt es also keine Uneinigkeit in der gesamten Ummah, weder bei den Mu'tazilah, noch bei sonst jemandem, dass der Zweifler am Kafir selbst ein Kafir ist.
Jedoch erweiterten die Mu'tazilah von Bagdad dies stärker als die Mu'tazilah von Basrah und fügten hinzu, dass der Zweifler am Zweifler und sodann der Zweifler an jenem Zweifler, bis ins Unendliche, allesamt Kuffar sind, genau in derselben Art, wie der erste Zweifler (in der Kette).
وَقَالَ معتزلة الْبَصْرَة الشاك الأول كَافِر لِأَنَّهُ شكّ فِي الْكفْر والشاك الثَّانِي الَّذِي هُوَ شَاك فِي الشَّك لَيْسَ بِكَافِر بل هُوَ فَاسق لِأَنَّهُ لم يشك فِي الْكفْر إِنَّمَا شكّ فِي هَذَا الشاك أيكفر بشكه أم لَا
فَلَيْسَ سَبيله فِي الْكفْر سَبِيل الشاك الأول وَكَذَلِكَ عِنْدهم الشاك فِي الشاك والشاك فِي الشاك إِلَى مَا لَا نِهَايَة لَهُ كلهم فساق إِلَّا الشاك الأول فَإِنَّهُ كَافِر وَقَوْلهمْ أحسن من قَول أهل بَغْدَاد
Die Mu'tazilah von Basrah (hingegen) sagten: Der erste Zweifler ist ein Kafir, weil er am Kufr gezweifelt hat, und der zweite Zweifler – welcher (lediglich) Zweifel hat bezüglich des Zweifels [der Person vor ihm und nicht am eigentlichen Kufr] – ist kein Kafir, sondern lediglich ein Fasiq, weil er nicht am Kufr selbst gezweifelt hat, sondern nur Zweifel bezüglich des (ersten) Zweiflers hat, ob dieser durch seinen Zweifel nun Kufr begeht oder nicht.
Die Art seines Kufr ist somit nicht dieselbe Art des ersten Zweiflers. Jedoch gehen sie genauso mit dem Zweifler des Zweiflers und mit dem Zweifler jenes Zweiflers um, bis ins Unendliche, dass diese alle bei ihnen Fussaq/Frevler sind, außer dem ersten Zweifler, denn dieser ist (bei ihnen ebenfalls) ein Kafir.
Und (diese) ihre Aussage ist (zumindest noch) besser4 als die Ansicht der Leute von Bagdad.
Diese Schilderung von al-Malati ist bemerkenswert und wichtig. Das zitierte Werk ist eine Beschreibung und Widerlegung der verschiedenen Sekten der islamischen Frühzeit. Es zählt zu den ältesten Werken zu diesem Thema überhaupt.
Bedeutend ist diese Aussage, weil sie folgende Punkte aufzeigt:
- Die Gelehrten waren sich darüber einig, dass ein Mensch nicht am Kufr eines eindeutigen Kafirs zweifeln darf und in diesem Fall selbst kein Muslim sein kann.
- Der Verfasser begründete dies damit, dass so eine Person den Islam und den Kufr nicht unterscheiden kann, also ein grundlegendes Problem bei essentiellen islamischen Glaubensfragen hat.
- Beim Ketten-Takfir handelt es sich um eine philosophische Bid'ah, also eine unerlaubte Neueinbringung. Es handelt sich dabei nicht um einen Bestandteil der islamischen Glaubenslehre. Von den muslimischen Gelehrten der Salaf wurde dieser Gedanke niemals vertreten, sondern klar abgelehnt.
- Diese Bid'ah trat schon sehr früh auf, und zwar bei den Mu'tazilah. Manche Splittergruppen gingen dabei tatsächlich so weit, eine Kette bis ins Unendliche als unerlässliche islamische Glaubensgrundlage zu definieren!
- Der Verfasser führt deutlich aus, wie verworren und absurd die Gedanken der einzelnen Splittergruppen zu diesem Thema waren und dass es sich dabei um bloße Philosophien handelt, die von jenen Sekten nicht durch eindeutige Texte begründet wurden, sondern durch ihre eigenen Gedanken.
Fußnoten
Al-Malati stammte aus Malatya, welches in der heutigen Türkei liegt. Gemäß den Biografien war al-Malati ein schafi'itischer Rechtsgelehrter und ein Gelehrter der Qur'an-Lesung und der Lesarten. ↩
Diese Aussage erwähnte ich in einer schriftlichen Abhandlung im deutschsprachigen Raum bereits vor mehr als einem Jahrzehnt. Nach wie vor ist sie in der vorliegenden Thematik von großer Bedeutung und wird deshalb hier angeführt und erklärt. ↩
Das Wort „besser“ heißt in der arabischen Sprache auch „weniger schlecht“. Manche völlig unwissende Übertreiber machen bei vielen Dingen allein aufgrund dieses Wortes Takfir auf andere, unter Umständen auch auf frühere Gelehrte, weil sie in ihrem extremen Unwissen glauben, man würde dadurch etwas Gutes in den beschriebenen Personen sehen! ↩