Die Salaf unterschieden beim Takfir auf die Jahmiyyah nicht zwischen Einzelperson (Takfiru l-Mu'ayyan) und allgemeinem Urteil
Die Einzelpersonen der Jahmiyyah sind keine Muslime und es wurde bei den Salaf nicht unterschieden zwischen allgemeinem und speziellem Takfir bei ihnen.
Es wurde bereits gesagt, dass der Takfir der Jahmiyyah so zahlreich von den Gelehrten der Salaf überliefert wurde, dass man eigentlich nichts anderes findet, das dem hierin gleichkommt. Die Aussagen sind dabei sehr deutlich darin, dass die Gelehrten die Einzelpersonen als Kuffar betrachteten.
Sie sagten also nicht, man solle zunächst mal einen allgemeinen Takfir auf die Jahmiyyah sprechen (Takfiru n-Nau'i), aber den Einzelnen von ihnen müsse man als Muslim bezeichnen, bis man ganz sicher ist, dass alle Hinderungsgründe des Takfir (Mawani'u t-Takfir) weggefallen sind – erst dann dürfe man also den sogenannten Takfiru l-Mu'ayyan vornehmen.
Im Folgenden sollen als Beispiel zwei Aussagen zitiert werden, an denen sich sehr deutlich zeigt, dass die obengenannte Behauptung nicht stimmt und die Salaf mit ihrem Urteil sicherlich die Einzelpersonen meinten.
So überliefert Abdullah, der Sohn von Ahmad ibnu Hanbal, im Buch as-Sunnah – wie oben bereits erwähnt wurde – von Waki' ibnu l-Jarrah, dass dieser gefragt wurde:
قِيلَ لِوَكِيعٍ فِي ذَبَائِحِ الْجَهْمِيَّةِ، قَالَ: «لَا تُؤْكَلُ هُمْ مُرْتَدُّونَ»
Waki' wurde gefragt bezüglich des von den Jahmiyyah geschächteten Fleisches, er sagte: „Es wird nicht gegessen, sie sind Abtrünnige.“
Ibnu Battah überliefert in al-Ibanatu l-Kubra, dass Abu Bakr al-Marrudhi sagte:
سَأَلْتُ أَبَا عَبْدِ اللهِ عَنِ الْجَهْمِيِّ يَمُوتُ وَلَهُ ابْنُ عَمٍّ لَيْسَ لَهُ وَارِثٌ غَيْرُهُ، فَقَالَ: قَالَ النَّبِيُّ صَلَّى اللهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَ: «لَا يَرِثُ الْمُسْلِمُ الْكَافِرَ». قُلْتُ: فَلَا يَرِثُهُ؟ قَالَ: لَا. قُلْتُ: فَمَا يُصْنَعُ بِمَالِهِ؟ قَالَ: بَيْتُ الْمَالِ، نَحْنُ نَذْهَبُ إِلَى أَنَّ مَالَ الْمُرْتَدِّ لَبَيْتِ الْمَالِ.
Ich fragte Abu Abdillah [Anm.: Ahmad ibnu Hanbal] nach einem Jahmi, wenn dieser stirbt und er hinterlässt den Sohn des Onkels [Anm.: also seinen Cousin] und hat keinen anderen Erben.
Da sagte er: „Der Prophet صلى الله عليه وسلم sagte: ‚Der Muslim beerbt nicht den Kafir.'
Darauf sagte ich: „Also er beerbt ihn nicht?“
Und er sagte: „Nein.“
Daraufhin sagte ich: „Und was wird mit seinem Besitz gemacht?“
Er sagte: „Baitu l-Mal [Anm.: Das Finanzhaus des Staates]. Wir sind der Meinung, dass der Besitz des Abtrünnigen an das Baitu l-Mal geht.“
Durch die zuvor genannten Aussagen wurde verdeutlicht, dass die Gelehrten der Salaf sehr zahlreich den Takfir auf die Jahmiyyah aussprachen. Und es wurde deutlich, dass diese Aussagen sich konkret auf das Urteil von Einzelpersonen beziehen.
Die Gelehrten behandelten den Takfir der Jahmiyyah also nicht in dem Sinne, dass der einzelne Jahmiyy entschuldigt ist, bis ganz klar wird, dass die Einzelperson keinen Entschuldigungsgrund hat.
Heute ist im Allgemeinen aber die gegenteilige Auffassung vorherrschend.
Wer nun meint, dass zwischen dem allgemeinen Takfir der Jahmiyyah und dem Takfir der Einzelperson zu unterscheiden wäre, der muss sich folgende Fragen stellen:
- Warum wurden gerade in Bezug auf den Takfir der Jahmiyyah derartig viele Aussagen überliefert? Was bewegte die Gelehrten dazu, wenn diese Angelegenheit ohnehin so zu behandeln wäre, wie viele andere Angelegenheiten, bei denen man nicht sofort den Takfir auf die Einzelperson vornimmt, sondern sich vorher der Umstände vergewissert?
- Warum füllten die Gelehrten der Salaf gerade ihre Bücher über 'Aqidah/Glaubensgrundlagen mit solchen Aussagen? Wir finden in Büchern wie as-Sunnah von Abdullah ibnu Ahmad ibni Hanbal und as-Sunnah von Abu Bakr al-Khallal große Kapitel über den Takfir der Jahmiyyah. In vielen Büchern und Texten über 'Aqidah ist der Takfir der Jahmiyyah ein zentraler Bestandteil. Warum wurde dieser Sache eine so zentrale Bedeutung gegeben? Es ist offensichtlich, dass die Verfasser jener Bücher über die Jahmiyyah uneingeschränkt mit dem Kufr urteilten.
- Warum wurde bei so einer Fülle von Aussagen nie deutlich herausgestellt, dass die Einzelperson grundsätzlich mal entschuldigt ist und sich das Urteil nur auf die Gedanken der Jahmiyyah bezieht – in dem Sinne: „Ihre Gedanken sind Kufr, aber bei der Einzelperson müssen wir zuerst schauen, welche speziellen Umstände vorliegen.“?
Ein solcher Standpunkt wurde erst von Leuten geäußert, die später lebten, vor allem ab dem 5. Jahrhundert der Hijrah. Diese übermittelten Aussagen früherer Gelehrter, wie z. B. von Ahmad ibnu Hanbal, offensichtlich gemäß ihrem eigenen Verständnis, denn die Wortlaute unterscheiden sich klar von jenen in früheren Büchern.
Es mag sein, dass auch aus der Zeit der Schüler von Ahmad vereinzelt und sehr selten eine Aussage vorkommt, aus der man den obigen Gedanken verstehen könnte. Jedoch sind solche Aussagen nicht eindeutig und stehen hunderten anderen Aussagen gegenüber, die das Gegenteil beschreiben.
Zudem ist zu bedenken, dass kaum von jemandem mehr Aussagen überliefert wurden als von Ahmad. Dabei ist es nicht zu vermeiden, dass sich manchmal falsche Inhalte unter diese Aussagen mischen.
Die zahlreichen bekannten und frühen Schüler Ahmads hatten hier eine klare Vorgehensweise. Wenn eine Aussage z. B. fünf Mal auf eine Art überliefert wurde, dann aber einmal anders, und sich die Aussagen nicht irgendwie vereinen ließen, betrachteten sie die widersprüchliche Aussage nicht als korrekte Überlieferung von Ahmad. Diese Vorgehensweise wurde von den Schülern selbst umgesetzt. Es handelt sich also nicht um irgendeinen neuartigen Umgang mit den überlieferten Aussagen.
- Wenn die Jahmiyyah ohnehin gleich zu behandeln wären wie viele andere abgeirrte Gruppen, warum wurden sie nicht einfach mit ihnen zusammen und in derselben Weise erwähnt?
- Wie sind die zahlreichen Aussagen zu erklären, in denen die Gelehrten sofort und direkt den Takfir auf eine konkrete Einzelperson formulierten, ohne überhaupt zu wissen, um wen es konkret geht?