Eine sonderbare Aussage von Nouman Ali Khan über den Tafsir
Abschließend noch ein Hinweis auf eine Aussage in Bezug auf den Tafsir von at-Tabari. Nouman Ali Khan ist an sich jemand, der unter anderem nützliche Informationen aus dem Tafsir für ein großes Publikum verarbeitet und sich auch mit der Sprache des Qur'an befasst. Deshalb wirkt es zunächst verwirrend, dass so jemand über den bekannten Tafsir-Gelehrten at-Tabari behauptet, er wäre lediglich ein Chronist (Mu'arrikh), ein Geschichtsschreiber, der einfach alles zusammentrug - egal wie unsinnig - und dessen Überlieferungen nicht ernstgenommen werden könnten. Der Tafsir von at-Tabari sei nur eine Sammlung aller möglichen Geschichten, die keineswegs authentisch wären.
Man stellt sich die Frage, wie eine Person einerseits als jemand auftritt, der eine gewisse Kenntnis der Tafsir-Wissenschaft hat, dann aber eine solche Aussage über at-Tabari und seinen Tafsir tätigt, der eines der bedeutendsten Werke der Koranauslegung darstellt. Wer den Tafsir studieren will, kommt an dem Tafsir von at-Tabari sicher nicht vorbei – selbst, wenn dies manchen Leuten nicht gefällt, weil sie die Inhalte dieses Tafsir und die Vorgehensweise des Autors nicht verstehen6. Alle Autoren im Bereich des Tafsir nach at-Tabari schöpften unweigerlich von seinem Werk. Wer also in einer breiten Öffentlichkeit den Tafsir von at-Tabari derart abwertet, der kann überhaupt kein Bewusstsein für die Bedeutung dieses Tafsir haben.
Ganz allgemein ist zu sagen, dass gerade die Tafsir-Wissenschaften sehr komplex sind. Einen guten Überblick zu bekommen, erfordert eine lange Zeit und intensive Befassung – vor allem auch mit den Grundlagen dieser Wissenschaft (Usulu t-Tafsir) und den Vorgehensweisen der Mufassirin (Manahiju l-Mufassirin). Und wer ohne Bedenken eine solche Aussage tätigt, der kann keinesfalls eine fundierte Kenntnis in diesen Bereichen aufweisen.
So eine Vorgehensweise - ohne gegründetes Wissen über derart komplizierte Themen und bekannte Persönlichkeiten der islamischen Frühzeit zu sprechen - erinnert an die Qussas, also jene Geschichtenerzähler, die in den allermeisten Fällen von den frühen Gelehrten abgelehnt wurden, weil sie ohne fundierte Kenntnisse alles Mögliche erzählten, um die Leute zu binden und ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Leute, die derart vorgehen, sind es also, die eher so eine Beschreibung verdienen, wie sie von Nouman Ali Khan geäußert wurde, nicht jemand wie at-Tabari.
Auch hier ist wieder darauf hinzuweisen, dass solche Ideen natürlich nicht irgendwo im nicht-arabischen Raum zum ersten Mal entwickelt wurden. Es handelt sich wiederum um Ideen, die schon seit längerem im arabischen Raum kursieren. Wer Einblicke in die zeitgenössische Literatur zu den Tafsir-Wissenschaften hat, der findet darin genau solche Aussagen, die vom völligen Unverständnis der jeweiligen Autoren zeugen. Gerade in Bezug auf den Tafsir von at-Tabari sieht man Aussagen, die eine unglaubliche Geringschätzung für diesen Tafsir und ganz allgemein für den überlieferten Tafsir der Salaf (at-Tafsiru l-ma'thur) beinhalten. Die Verfasser solcher Bücher haben dabei die Zielsetzung von at-Tabari oder anderen Gelehrten des Tafsir überhaupt nicht verstanden, weshalb viele Aussagen solcher bekannten Autoren des Tafsir ihnen dann auch als völlig sinnlos erscheinen.
Fußnoten
- Dies sei hier unabhängig von einzelnen Aussagen und Standpunkten at-Tabaris gesagt. Es geht hier darum, dass viele Leute kein Verständnis für diese alten Werke im Allgemeinen haben, sie aber sofort ablehnen, wenn sie darin irgendetwas sehen, das sie selbst nicht einordnen können. ↩