Abschließende Anmerkungen
Am Ende soll noch auf folgende Punkte hingewiesen werden:
1) Es stellt sich die Frage, ob in den Überlieferungen und somit auch in den Rechtsgutachten der Fuqaha' gemeint ist, dass jeweils die ganzen Suren gelesen werden sollten oder nur ein Teil davon. Von den Gelehrten wird mehrfach darauf hingewiesen, dass aus dem allgemeinen Wortlaut der Überlieferungen zu verstehen ist, dass die ganze Sure gelesen wird und dies deshalb der Sunnah entspricht.
2) Es wird ebenfalls die Frage diskutiert, ob man ohne Ausnahme immer diese Suren rezitieren sollte. Für diesen und ähnliche Fälle wird es von manchen als besser angesehen, manchmal bewusst eine andere Sure zu lesen, damit bei den Menschen nicht der Eindruck entsteht, es wäre völlig verpflichtend, diese Suren zu lesen.
Von Sufyan ath-Thauri (97 - 161 n. H.) wird überliefert, dass er sagte:
وَقَالَ الثَّوْرِيُّ لَا يَتَعَمَّدُ أَنْ يَقْرَأَ فِي الْجُمُعَةِ بِالسُّورَةِ الَّتِي جَاءَتْ فِي الْآثَارِ، وَلَكِنْ يَتَعَمَّدُ ذَلِكَ أَحْيَانًا وَيَدَعُ أَحْيَانًا
Man sollte nicht absichtlich immer die Sure[n] rezitieren, die in den Überlieferungen erwähnt ist [bzw. sind], sondern manchmal sollte man dies bewusst tun und manchmal davon ablassen.
Andere sehen dies jedoch nicht so und meinen, man solle dauerhaft nur diese Suren lesen und sich immer an die überlieferte Sunnah halten.
3) Ebenso weisen manche Leute darauf hin, dass es stellenweise Sinn machen kann und eventuell auch erforderlich sein könnte, situationsbedingt kürzere Suren zu lesen, um das Gebet dadurch etwas zu verkürzen und eine Erleichterung zu bewirken.
Hierbei fügen einige hinzu, dass man in einem solchen Fall jedoch andere Suren wählen sollte und nicht einen kleinen Teil der in den Überlieferungen genannten Suren, damit sich unter den Menschen nicht die Annahme verbreitet, dass dies ebenfalls der Sunnah entsprechen würde.
Demgemäß wird die Sunnah also nur erreicht, indem man die genannten Suren ganz liest. Es ist auch tatsächlich festzustellen, dass manche Leute bewusst einen Teil der genannten Suren lesen. Gemäß der geäußerten Ansicht ist so eine Vorgehensweise jedoch zu vermeiden.
4) In der oben zitierten Aussage von Ibnu Qudamah wird gesagt, dass auch das Lesen anderer Suren gut und in Ordnung sei. Jedoch weist der Verfasser selbst darauf hin, dass das Befolgen der Sunnah besser ist. Tatsächlich ist es wichtig, die Sunnah im Allgemeinen und soweit möglich zu befolgen – auch um zu verhindern, dass sich andere Vorgehensweisen verbreiten und durchsetzen, wie es in diesem Fall auch geschehen ist, worauf am Anfang dieser kurzen Schrift bereits hingewiesen wurde.
Außerdem zeigt die Vorgehensweise der Salaf, dass sie dies sehr konsequent umsetzten. Insbesondere wird dabei Sure al-Jumu'ah erwähnt. Dies geht so weit, dass der bedeutende Gelehrte und herausragende Faqih Abu 'Amr al-Auza'i (88 - 175 n. H.) sagte:
وَقَالَ الْأَوْزَاعِيُّ مَا نَعْلَمُ أَحَدًا مِنْ أَئِمَّةِ الْمُسْلِمِينَ تَرَكَ سُورَةَ الْجُمُعَةِ يَوْمَ الْجُمُعَةِ
Wir wissen von keinem der Imame der Muslime, der die Sure al-Jumu'ah am Freitag weggelassen hätte.
Bezüglich der anderen Sure in der zweiten Rak'ah wird zumindest eine weitere seltene Gelehrten-Aussage erwähnt, worauf hier nicht näher eingegangen werden muss, da die Überlieferungen und die ihnen entsprechenden Aussagen der Gelehrten bereits verdeutlicht wurden.
Auch die bedeutenden Hadith-Gelehrten wiesen in den bekannten Werken der Hadith-Überlieferung in den Kapitelüberschriften häufig darauf hin, was der Prophet صلى الله عليه وسلم beim Freitagsgebet rezitierte.
5) Ibnu 'Abdi l-Barr erwähnt an jener Stelle der obigen Zitate lediglich von Abu Hanifah und seinen Gefährten die Aussage, man könne lesen, was auch immer man will. Von den anderen Gelehrten erwähnt er klar, dass diese obengenannten Suren im Allgemeinen zu lesen sind, wer sie nicht liest, der hat schlecht gehandelt, jedoch ist das Gebet dadurch nicht ungültig.
6) Wer alles bisher Gesagte betrachtet und überdenkt, dem sollte klar sein, dass es zwar notwendig ist, diese Hadithe und die frühe Vorgehensweise der Muslime unter den Menschen zu verbreiten, man aber gleichzeitig besonnen vorgehen muss. Wie bereits verdeutlicht wurde, sind diese Überlieferungen häufig nicht bekannt bzw. werden sie von vielen Leuten im Sinne einer Empfehlung oder eines bloßen Vorschlags gedeutet. Weit unbekannter sind deshalb die Rechtsgutachten der Gelehrten der Salaf und ihr konsequentes Vorgehen bei dieser Thematik.
Wer diese Umstände versteht und fähig ist, sie einzuberechnen, dem sollte klar sein, dass übermäßige Härte und Boykott in dieser Angelegenheit nicht angebracht sind. Es sollte eher darum gehen, die Sunnah zu verbreiten, als den großen Kenner zu spielen. Die meisten, die so agieren, haben den hier beschriebenen Umstand ohnehin unmittelbar vor ihrer Inszenierung erfahren und ihn darüber hinaus auch nur in seinen Grundzügen erfasst.
Möge Allah uns ermöglichen, die Sunnah zu erlernen und sie umzusetzen, und möge Er uns zu einem ehrlichen Umgang mit allen Angelegenheiten des Din verhelfen, Amin.
Wallahu a'lam ... und Allah weiß es am besten.
وصلّى الله على نبيّنا محمّد وآله وصحبه ومن والاه
والحمد لله ربّ العالمين