3. Der vergessene Monotheismus – Teil 1: Was bedeutet Islam?
Über den Tafsīr von at-Tabarī und das Zitieren von Gelehrten ganz allgemein
Abu Jaʿfar Muhammad ibnu Jarīr at-Tabarī – von dem ich z. B. in dieser Khutbah zitiert habe – lebte von 224 – 310 n. H.
Sein Tafsīr ist im Grunde der erste Tafsīr dieser Art, der vollständig bis zum heutigen Tage erhalten blieb. Es ist somit ein Tafsīr, der ziemlich aus der Frühzeit des Islam kommt.
Der Tafsīr von at-Tabarī nimmt unter den Tafsīr-Werken der islamischen Geschichte eine außerordentliche Stellung ein, da es sich um ein ziemlich umfassendes Werk handelt, in dem die Überlieferungen der ersten Generationen zum Tafsīr sehr zahlreich gesammelt wurden.
Eine vergleichbare Sammlung dieses Umfangs innerhalb eines einzelnen Werkes, die zudem bis heute vollständig erhalten geblieben ist und aus der Frühzeit des Islam stammt, ist nicht bekannt. Wer den Tafsīr und seine Wissenschaften bzw. Teilbereiche studieren will, kommt keinesfalls um dieses Werk herum.
At-Tabarī überliefert zu den Ayāt des Qur’ān die Aussagen der Sahābah رضي الله عنهم bzw. der ersten drei Generationen nach dem Propheten ﷺ mit seinen Überlieferungsketten zu diesen Personen.
Diese Umstände führten dazu, dass der Tafsīr von at-Tabarī als Grundlage für die Tafsīr-Werke nach ihm herangezogen wurde.
Dabei ist auf einige Dinge hinzuweisen:
1) At-Tabarī begnügt sich nicht ausschließlich mit Überlieferungen, wie andere Gelehrte dieser Zeit, sondern er erwähnt zusätzlich auch immer seine Schlussfolgerung, also sein eigenes Verständnis dieser Überlieferungen.
Manche Leute sehen diesen Umstand für sich genommen bereits als einen Kritikpunkt. Jedoch ist darauf hinzuweisen, dass diese Vorgehensweise des Verfassers äußerst nützliche Einblicke in das Verständnis der Gelehrten der frühen Jahrhunderte, ihre Auslegungen des Qur’an und ihre Meinungsunterschiede gibt.
Andere frühe Werke beschränken sich zwar auf die bloße Überlieferung der ihnen vorausgehenden Aussagen zum Tafsīr – was sicher auch seine Vorzüge hat. Diese Aussagen sind aber häufig nicht eindeutig und die Interpretationen können unterschiedlich ausfallen.
2) Die Überlieferungen von at-Tabarī sind nicht automatisch als richtig anzusehen, und dies gilt im Allgemeinen auch für die anderen frühen Werke der Tafsīr-Überlieferungen (at-Tafsīru l-ma’thūr).
Die bloße Tatsache, dass etwas in seinem Tafsīr überliefert wurde, z. B. von einem Prophetengefährten, ist entgegen der Annahme mancher Personen kein Beweis dafür, dass die entsprechende Stelle im Qur’an nur so und nicht anders verstanden werden darf.
Viele dieser Überlieferungen sind bei Betrachtung der Überlieferungsketten aus rein Hadīth-wissenschaftlicher Sicht nicht als korrekt zu betrachten. Dies heißt wiederum nicht, dass solche Überlieferungen im Tafsīr von Grund auf abgelehnt werden können, wie dies viele Menschen heute denken.
Wie mit den Überlieferungen zum Tafsīr umgegangen werden sollte, kann in diesem kurzen Hinweis nicht abgehandelt werden. Für eine Einführung in die Tafsīr-Wissenschaften und einen Überblick zum Thema sei auf das folgende Buch verwiesen:
3) At-Tabarī selbst war nicht von den ersten drei Generationen, sondern lebte längere Zeit danach.
4) In Bezug auf seine Verständnisse oder sonstigen Dingen, die er auch in dem Tafsīr erwähnt, oder außerhalb, darf nicht vergessen werden, dass er ein Mensch war. Auch die ersten drei Generationen waren Menschen und Menschen machen Fehler. Auf at-Tabarī trifft dies also genauso – oder noch eher als auf die Gelehrten vor ihm – zu.
5) At-Tabarī galt über seine Zeit hinaus als anerkannter Gelehrter in Bezug auf die arabische Sprache. Auch in diesem Zusammenhang werden seine Aussagen häufig zitiert und die Zitate in dieser Khutbah haben auch mehrfach mit sprachlichen Erklärungen zu tun.
Allgemein ist deshalb zu sagen:
Die bloße Tatsache, dass von ihm oder einem anderen Gelehrten zitiert wird, darf nicht im Sinne einer Bestätigung verstanden werden, dass jede einzelne Aussage dieses Gelehrten korrekt oder ein unzweifelhaftes Argument in der Religion ist.
Die Dinge, die jedoch hier in der Khutbah erwähnt wurden, gehören zu den grundlegendsten Dingen im Islam überhaupt. At-Tabarīs Erklärung unterscheidet sich hierbei also keinesfalls von den Erklärungen der anderen Gelehrten.
Das hier Gesagte gilt allgemein auch für alle anderen Gelehrten, von denen zitiert wird. Im Speziellen gilt dies auch für Sprachgelehrte und Verfasser von Wörterbüchern, insbesondere wenn diese später gelebt haben, wie Ibnu Mandhūr (gest. 711 n. H.) und sein Werk Lisānu-l-ʿArab. Bei solchen Zitaten geht es ausschließlich um sprachliche Aspekte.
Dadurch soll auch gezeigt werden, dass diese Dinge weithin bekannt waren und in den Wörterbüchern über die Jahrhunderte hindurch erwähnt wurden. Die weiteren Ansichten solcher Verfasser sind somit überhaupt nicht relevant, und die Tatsache, dass so ein Zitat erwähnt wird, sagt nichts über den Standpunkt zu ihren weiteren Ansichten aus.
Wallahu aʿlam.