ibnu-musafir.com

Der große Shirk ist die Gleichstellung Allahs und Seiner Geschöpfe in Dingen, die dem Schöpfer zu eigen sind

Der Polytheismus · Volltext-Kapitel aus dem Buch Die Lehre des Monotheismus · Als PDF lesen

Beim Shirk handelt es sich also um die Gleichstellung des Schöpfers mit Seinen Geschöpfen. Diese Gleichstellung kann in Bezug auf Seine Taten, Eigenschaften und Namen stattfinden, oder – und vor allem – in Anbetung und Gehorsam.

Die Gleichstellung bzw. das Ebenbürtig-Machen bedeutet hier, dass man einem Geschöpf eine Sache beimisst, die ausschließlich dem Schöpfer gebührt. Deshalb wird der Shirk auch damit definiert, dass man einem Geschöpf etwas von den Eigenheiten Allahs (Im Arabischen: khasa'is) zuschreibt.

Die beschriebene Gleichstellung, im Arabischen auch als taswiyah bezeichnet, wird im Koran z. B. im folgenden Vers ausdrücklich erwähnt:

﴿فَكُبْكِبُوا فِيهَا هُمْ وَالْغَاوُونَ (94) وَجُنُودُ إِبْلِيسَ أَجْمَعُونَ (95) قَالُوا وَهُمْ فِيهَا يَخْتَصِمُونَ (96) تَاللَّهِ إِنْ كُنَّا لَفِي ضَلَالٍ مُبِينٍ (97) إِذْ نُسَوِّيكُمْ بِرَبِّ الْعَالَمِينَ﴾

Dann wurden99 sie immer wieder in sie [die Hölle] hineingeworfen, sie und die Abgeirrten, und die Heerscharen von lblis [d.h. des Satans] alle zusammen. Sie sagten, während sie darin miteinander stritten: „Bei Allah! Wir waren gewiss in einem eindeutigen Fehlgehen, als wir euch dem Herrn aller Schöpfung gleichstellten.“

(Sure ash-Shu'ara', 26:94-98)

Durch die taswiyah/Gleichstellung dieses Ausmaßes unterscheidet sich der große Shirk von allen anderen Sünden. Die Bedeutung der Gleichstellung ist ansatzweise jedoch in allen Sünden enthalten. Bei jeder Sünde wird das Recht Allahs in einem gewissen Ausmaß verletzt, weshalb der Diener im Anschluss auch um Vergebung bitten muss.

Ebenso, wie nicht jede Sünde als Polytheismus gilt, ist klar, dass nicht jede Liebe oder Unterwürfigkeit einem Geschöpf gegenüber Polytheismus in der Anbetung sein kann. So ist z. B. die Liebe zu den Propheten sowie die natürlich veranlagte Liebe zu anderen Menschen und Ähnliches nicht gemeint, wenn von polytheistischer Beigesellung die Rede ist – solange diese Liebe in einem annehmbaren Maß bleibt.

Im Koran wird z. B. im folgenden Vers über das grundsätzliche Verhalten gegenüber den Eltern gesagt:

﴿وَاخْفِضْ لَهُمَا جَنَاحَ الذُّلِّ مِنَ الرَّحْمَةِ وَقُلْ رَبِّ ارْحَمْهُمَا كَمَا رَبَّيَانِي صَغِيرًا﴾

Und sei ihnen gegenüber demütig100aus Barmherzigkeit und sage: „Mein Herr! Erweise ihnen Gnade, so wie sie mich von klein an aufgezogen haben.“

(Sure al-Isra', 17:24)

Wenn die Liebe eines Menschen zu einem Mitmenschen hingegen so weit geht, dass er dem anderen Menschen zuliebe den Islam verweigert, Polytheismus begeht oder Ähnliches, so ist die Grenze zweifelsohne überschritten. In so einem Fall hat diese Person den anderen Menschen in der Liebe und im Gehorsam dem Schöpfer gleichgestellt.

In diesem Sinne gilt in der islamischen Glaubenslehre der Grundsatz, dass ein Muslim jede beliebige Sache nur um Allahs Willen liebt. Diese Liebe ist also stets der Liebe zum Schöpfer untergeordnet.

Über den großen Shirk in der Liebe heißt es im Koran z. B.:

﴿وَمِنَ النَّاسِ مَن يَتَّخِذُ مِن دُونِ اللّهِ أَندَاداً يُحِبُّونَهُمْ كَحُبِّ اللّهِ وَالَّذِينَ آمَنُواْ أَشَدُّ حُبًّا لِلَّهِ وَلَوْ يَرَى الَّذِينَ ظَلَمُواْ إِذْ يَرَوْنَ الْعَذَابَ أَنَّ الْقُوَّةَ لِلّهِ جَمِيعاً وَأَنَّ اللّهَ شَدِيدُ الْعَذَابِ﴾

Und unter den Menschen sind einige, die sich neben Allah101 etwas als Ebenbürtige102 nehmen. Sie empfinden für sie Liebe wie die Liebe zu Allah. Doch diejenigen, die den Iman verinnerlicht haben, lieben Allah noch viel mehr…

(Sure al-Baqarah, 2:165)

Aus dem zuvor über die Unterteilung des Shirk Gesagten wird auch klar, warum der Prophet صلى الله عليه وسلم die Begriffe Shirk und 'adl auch für den kleinen Shirk verwendet hat. Zuvor wurde diese Verwendung der Begriffe schon aus der zitierten Aussage des Propheten „Hast du mich und Allah gleichgestellt?“ ersichtlich, da im arabischen Text dieses Hadith das Wort 'adl verwendet wurde.

Auch in dem folgenden Hadith, in dem die Augendienerei (Riya') thematisiert und als Shirk bezeichnet wird, verdeutlicht sich diese Unterteilung. Es wird das Wort Shirk gebraucht, wobei der Riya' bei einem Muslim im Allgemeinen nicht das Ausmaß des großen Shirk erreichen wird.

Im Gegensatz zu den eigentlichen und tatsächlichen Heuchlern/Munafiqin würde ein Muslim eine Tat nicht ausschließlich für einen anderen Menschen tun. Deshalb ist also ziemlich offensichtlich, dass der Prophet صلى الله عليه وسلم im Folgenden den kleinen Shirk meinte, als er sagte:

عَنْ أَبِي سَعِيدٍ، قَالَ: خَرَجَ عَلَيْنَا رَسُولُ اللَّهِ صَلَّى اللهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَ وَنَحْنُ نَتَذَاكَرُ الْمَسِيحَ الدَّجَّالَ، فَقَالَ: «أَلَا أُخْبِرُكُمْ بِمَا هُوَ أَخْوَفُ عَلَيْكُمْ عِنْدِي مِنَ الْمَسِيحِ الدَّجَّالِ؟» قَالَ: قُلْنَا: بَلَى، فَقَالَ: «الشِّرْكُ الْخَفِيُّ، أَنْ يَقُومَ الرَّجُلُ يُصَلِّي، فَيُزَيِّنُ صَلَاتَهُ، لِمَا يَرَى مِنْ نَظَرِ رَجُلٍ»

Von Abu Sa'id, dass er sagte: Der Prophet صلى الله عليه وسلم kam zu uns heraus, während wir uns (gemeinsam) an den al-Masihu d-Dajjal erinnerten103, da sagte er: „Soll ich euch nicht berichten, was ich noch mehr um euch fürchte?“ Wir sagten: „Doch“.

Darauf sagte er: „Der verborgene Shirk. Dass ein Mensch sich hinstellt und betet und dabei sein Gebet verschönert wegen des Blickes eines (anderen) Menschen.“104

Fußnoten

  1. bzw. „werden“. In dieser Passage wird – wie sehr oft im Koran – mehrfach das Vergangenheitsverb verwendet, um einen Vorgang in der Zukunft zu beschreiben. Im Arabischen wird dieser Stil benutzt, um zu zeigen, dass eine Sache so sicher vorfallen wird, dass man sie sprachlich als bereits eingetreten behandeln kann.
  2. Im Arabischen wird hier das zuvor bei der Verdeutlichung der 'Ibadah/Anbetung genannte Wort dhull verwendet.
  3. bzw. an Seiner statt
  4. Im Arabischen wird hier das Wort andad verwendet, das zuvor bei der Beschreibung des Shirk/Polytheismus erwähnt wurde.
  5. Der Dajjal ist der Lügenprophet, welcher sich laut den islamischen Quellen als der wiederkehrende Messias ausgeben wird. Mit der Erinnerung ist hier gemeint, dass sie gemeinsam über diesen Dajjal nachdachten und über die diesbezüglichen prophetischen Worte und Warnungen.
  6. Überliefert bei Ahmad und Ibnu Majah, wobei in ihrer Überlieferung der Ausdruck „der verborgene Shirk“ ausdrücklich erwähnt wird. Der hier angegebene Wortlaut entstammt der Überlieferung von Ibnu Majah.