Die Hadithe über die Prüfung einiger Menschen am jüngsten Tag
Es gibt einige Überlieferungen, die besagen, dass einige Menschen, die im Diesseits die Botschaft der Propheten nicht erhielten oder diese nicht ausreichend verstehen konnten, am jüngsten Tag mit ihren speziellen Umständen argumentieren und hierauf von Allah einer eigenen Prüfung unterzogen werden.
Überliefert wird dieser Bericht in unterschiedlichen Hadithen von mehreren Prophetengefährten, vor allem von al-Aswad ibnu Sari' und Abu Hurairah126. So überliefert beispielsweise Ahmad in seinem Musnad folgenden Hadith mit seiner Überlieferungskette von al-Aswad ibnu Sari' رضي الله عنه vom Propheten صلى الله عليه وسلم:
... عَنِ الْأَسْوَدِ بْنِ سَرِيعٍ أَنَّ نَبِيَّ اللَّهِ صلى الله عليه وسلم قَالَ أَرْبَعَةٌ يَوْمَ الْقِيَامَةِ رَجُلٌ أَصَمُّ لَا يَسْمَعُ شَيْئًا وَرَجُلٌ أَحْمَقُ وَرَجُلٌ هَرِمٌ وَرَجُلٌ مَاتَ فِي فَتْرَةٍ فَأَمَّا الْأَصَمُّ فَيَقُولُ رَبِّ لَقَدْ جَاءَ الْإِسْلَامُ وَمَا أَسْمَعُ شَيْئًا وَأَمَّا الْأَحْمَقُ فَيَقُولُ رَبِّ لَقَدْ جَاءَ الْإِسْلَامُ وَالصِّبْيَانُ يَحْذِفُونِي بِالْبَعْرِ وَأَمَّا الْهَرِمُ فَيَقُولُ رَبِّي لَقَدْ جَاءَ الْإِسْلَامُ وَمَا أَعْقِلُ شَيْئًا وَأَمَّا الَّذِي مَاتَ فِي الْفَتْرَةِ فَيَقُولُ رَبِّ مَا أَتَانِي لَكَ رَسُولٌ فَيَأْخُذُ مَوَاثِيقَهُمْ لَيُطِيعُنَّهُ فَيُرْسِلُ إِلَيْهِمْ أَنِ ادْخُلُوا النَّارَ قَالَ فَوَالَّذِي نَفْسُ مُحَمَّدٍ بِيَدِهِ لَوْ دَخَلُوهَا لَكَانَتْ عَلَيْهِمْ بَرْدًا وَسَلَامًا
... عَنْ أَبِي هُرَيْرَةَ مِثْلَ هَذَا غَيْرَ أَنَّهُ قَالَ فِي آخِرِهِ فَمَنْ دَخَلَهَا كَانَتْ عَلَيْهِ بَرْدًا وَسَلَامًا وَمَنْ لَمْ يَدْخُلْهَا يُسْحَبُ إِلَيْهَا
Vier (Menschen argumentieren127) am jüngsten Tage (vor ihrem Herrn). Ein Gehörloser, ein geistig Behinderter, ein Altersschwacher und ein Mann, der in der Zeit der fatrah128 starb.
Der Gehörlose sagt: „Mein Herr, der Islam ist gekommen, doch ich konnte nichts hören.“
Der geistig Behinderte sagt: „Mein Herr, der Islam ist gekommen und die Jungen haben mich mit Mist beworfen“.
Der Altersschwache sagt: „Mein Herr, der Islam ist gekommen und ich habe nichts verstanden“.
Und derjenige, der in der Zeit der fatrah starb, sagt: „Mein Herr, der Islam ist gekommen, doch zu mir kam kein Gesandter von dir“.
Da nimmt Allah ihnen das Versprechen129 ab. Dann lässt er ihnen die Botschaft zukommen: „Tretet ein in das Feuer!“ Wahrlich bei dem, in dessen Hand die Seele Muhammads ist, wenn sie es betreten, wird es für sie kühl und angenehm sein.
[...] von Abu Hurairah wird dasselbe überliefert, jedoch sagte er am Ende: „Wer es also betritt, für den wird es kühl und angenehm sein, und wer sich weigert, der wird hineingezerrt [in das echte Feuer].“
Wie aus dem Hadith ersichtlich ist, argumentieren die darin genannten Personen damit, dass in ihrem irdischen Leben die eigentliche Prüfung, der alle Menschen unterzogen werden, nicht stattfand.
Diese Angelegenheit ist erwähnenswert, da manche Menschen heute diese Hadithe missverstehen und damit argumentieren, ein Polytheist, der sich zum Islam bekennt, könnte demgemäß aus einer solchen Prüfung als Muslim hervorgehen und ins Paradies eintreten.
Die Idee ist also etwa: Ein Mensch, der sich zum Islam bekennt, aber aus Unwissenheit über die Grundlage des Islam Polytheismus begeht, würde am jüngsten Tag geprüft und kann somit auch im Diesseits als entschuldigter Muslim gelten.
Das offenkundige Missverständnis besteht darin, dass jene im Hadith erwähnten Menschen zweifelsohne nicht als Muslime gelebt haben und nicht als Muslime gestorben sein können, denn im Konsens aller muslimischen Gelehrten wird ein Muslim sicher nicht einer solchen Prüfung unterzogen.
Wer dies versteht, dem wird klar, dass es sich bei den hier erwähnten Hadithen in Wirklichkeit um einen weiteren äußerst starken Beweis gegen die Irrmeinung handelt, ein Polytheist könne als Muslim beurteilt werden, weil er sich äußerlich zum Islam bekennt. Die Tatsache, dass diese Menschen einer solchen – in den Hadithen erwähnten – Prüfung unterzogen werden, zeigt eindeutig, dass es sich dabei nicht um Muslime handeln kann, weil eine Prüfung in dem Fall hinfällig wäre.
Der Grundsatz ist schließlich, dass alle Menschen ihre Prüfung in ihrem diesseitigen Leben erfahren. Der primäre Sinn ihres irdischen Lebens ist ja, herauszustellen, ob jemand als gottergebener Mensch gelebt hat oder nicht. Diese Prüfung macht also überhaupt erst bei einem Menschen Sinn, der im diesseitigen Leben kein Muslim war. Wäre er ein Muslim gewesen, gäbe es für diese Prüfung keinerlei Notwendigkeit.
Das zu diesem Thema Gesagte soll hier genügen, um auf die relevanten Aspekte dieser Hadithe hinzuweisen. Eine detaillierte Besprechung dieser Überlieferungen und der darin erwähnten Prüfung würde sich jedoch zu weit vom Kernthema des vorliegenden Buches entfernen.
Im Vorwort am Anfang dieses Buches wurde deshalb bereits darauf hingewiesen, dass gewisse Fragestellungen, auch wenn sie mit dem islamischen Monotheismus-Verständnis verbunden sind, in eigenen Schriften unabhängig vom Hauptthema behandelt werden müssen – und eine dieser Fragestellungen ist die in diesen Hadithen erwähnte Prüfung.
Fußnoten
- Die Überlieferung dieses Hadith von mehreren Quellen lässt auf eine authentische Grundlage dieses Berichts schließen. Deshalb überlieferten die muslimischen Gelehrten diesen Hadith zahlreich in ihren Büchern, ohne darauf mit Ablehnung zu reagieren. ↩
- Das Wort „argumentieren“ (Arabisch: yahtajjuna) wird ausdrücklich in einigen Überlieferungen erwähnt. ↩
- Als fatrah wird die Zeitspanne zwischen den Propheten عليهم السلام bezeichnet, in der die Botschaft kaum noch verbreitet war. Es handelt sich dabei jedoch um einen relativen Begriff, da es durchaus möglich ist, dass manche Leute in einer solchen Zeit den Tauhid kennengelernt haben. So ist es z.B. historisch zweifelsfrei, dass die vorislamischen Mekkaner sich – trotz der Vermischung mit der Götzenanbetung – der Religion Abrahams zuzählten und entsprechende Riten kannten und vollzogen. Vereinzelt gab es zu jener Zeit auch die bereits erwähnten hunafa', welche den Götzendienst ablehnten und anprangerten und den unverfälschten Resten der Religion Abrahams folgten. Je nach Ort und Umständen war es also auch zu jener Zeit manchen Menschen möglich, die Grundlagen der Botschaft zu erfahren. In dem hier genannten Hadith sind jedoch offensichtlich Personen gemeint, welche die Botschaft der Propheten überhaupt nicht erreicht hat und die somit keine Möglichkeit hatten, etwas darüber zu erfahren. ↩
- Bzw. den Vertrag. Gemeint ist hier der Vertrag zwischen Allah und seinen Geschöpfen, nur Ihm allein zu dienen. ↩