Das Befolgen mehrdeutiger Offenbarungstexte und Gelehrtenaussagen
Wie schon angesprochen wurde, besteht ein Grundproblem vieler Menschen in der fehlerhaften Auslegung mehrdeutiger Texte (Mutashabihat, Sg. Mutashabih). Bei einer solchen Auslegung gerät der mehrdeutige Text unweigerlich mit anderen eindeutigen Stellen der Offenbarung (Muhkamat, Sg. Muhkam) in Konflikt.
Interessanterweise wird diese Tatsache im Koran selbst explizit angesprochen. So wird im siebten Vers der Sure Ali 'Imran deutlich ausgesagt, dass der Koran über Muhkamat und Mutashabihat verfügt, also über eindeutige und über mehrdeutige Verse.
﴿هُوَ الَّذِي أَنْزَلَ عَلَيْكَ الْكِتَابَ مِنْهُ آيَاتٌ مُحْكَمَاتٌ هُنَّ أُمُّ الْكِتَابِ وَأُخَرُ مُتَشَابِهَاتٌ فَأَمَّا الَّذِينَ فِي قُلُوبِهِمْ زَيْغٌ فَيَتَّبِعُونَ مَا تَشَابَهَ مِنْهُ ابْتِغَاءَ الْفِتْنَةِ وَابْتِغَاءَ تَأْوِيلِهِ﴾
Er ist Derjenige, Der auf dich die Schrift hinabgesandt hat, in der eindeutige Verse (ayat Muhkamat) sind – sie sind der Kern des Buches140 – und andere mehrdeutige (Mutashabihat). Was jene betrifft, in deren Herzen Abweichung ist, so folgen sie dem, was darin mehrdeutig ist141, im Streben nach Irreführung (fitnah) und in Bestrebung nach (irriger) Auslegung.
(Sure Ali 'Imran, 3:7)
Das Wort Muhkam bedeutet im Arabischen „fest gegründet“, Mutashabih hingegen bedeutet „sich ähnelnd“, womit hier „undeutlich bzw. unklar in der betreffenden Angelegenheit und für die jeweilige Person“ gemeint ist.
Die Araber verstanden und benutzten das Wort Mutashabih in dieser Weise, weil sich ähnelnde Dinge schwer zu trennen sind, weshalb es leicht zur Verwechslung kommen kann. Hat jemand aber das entsprechende Wissen, kann er genau zwischen den Dingen unterscheiden.
Aus diesem Grund wird von den Gelehrten stets darauf hingewiesen, dass eine solche Unklarheit nicht immer und für jeden besteht. Je mehr Wissen und Verständnis einem Menschen gegeben werden, umso mehr wandeln sich für ihn die Mutashabihat in Muhkamat um – vor allem auch deshalb, weil er lernt, die mehrdeutigen Texte korrekt auszulegen, wie im Folgenden genauer erläutert wird.
Wenn ein Text der Offenbarung nun mehr als eine mögliche Bedeutung hat (Mutashabih), so muss man ihn gemäß den eindeutigen Texten (Muhkam) und in Übereinstimmung mit diesen auslegen.
Deshalb werden diese Muhkamat, also die festgegründeten und eindeutigen Verse, auch als „ummu l-kitab“ bezeichnet. Wörtlich übersetzt bedeutet das arabische Wort umm „Mutter“ oder „Quelle“ bzw. „Ursache“ oder „Ursprung“ im weiteren Sinne.
Dieser Zusammenhang kommt in der arabischen Sprache daher, dass jede Sache immer auf ihren Ursprung zurückzuführen ist, wie auch das Kind auf die Mutter zurückgeht. Aus diesem Grunde formulierten die Gelehrten die Regel: „Die Mutashabihat müssen zu den Muhkamat zurückgeführt werden.“
Sodann werden im selben Vers diejenigen beschrieben, die Abweichung in ihren Herzen tragen. Es handelt sich um jene Menschen, die solche mehrdeutigen Stellen bewusst und mit schlechter Absicht im Widerspruch zu den vielen eindeutigen Stellen auslegen.
Al-Bukhari überliefert in seinem Sahih-Werk von der Frau des Propheten 'A'ishah رضي الله عنها, dass der Prophet صلى الله عليه وسلم diesen Vers las und daraufhin zu ihr sagte:
فَإِذَا رَأَيْتِ الَّذِينَ يَتَّبِعُونَ مَا تَشَابَهَ مِنْهُ فَأُولَئِكِ الَّذِينَ سَمَّى اللَّهُ فَاحْذَرُوهُمْ
Wenn du diejenigen siehst, die dem folgen, was davon Mutashabih ist, so handelt es sich bei ihnen um jene, die Allah genannt hat, also hütet euch vor ihnen.
In einer weiteren Überlieferung dieses Hadith bei Muslim findet sich derselbe Wortlaut, wobei die Ansprache aber im Plural gehalten ist:
إِذَا رَأَيْتم الَّذِينَ ...
Wenn ihr diejenigen seht…
Der Prophet صلى الله عليه وسلم warnte demgemäß seine Frau und seine gesamte Gemeinschaft vor jenen, die den mehrdeutigen Texten folgen. Die Anweisung, sich vor diesen Leuten zu hüten, ist offensichtlich an alle Muslime gerichtet, weshalb die Ansprache in der zweitgenannten Überlieferung auch im Plural formuliert wurde.
Des Weiteren wurde im Zusammenhang mit dem zuvor genannten Vers der Sure Ali 'Imran eine Begebenheit überliefert, an der sich der gesamte Sachverhalt sehr gut veranschaulichen lässt.
Ibnu Hisham erwähnt in seiner bekannten Prophetenbiografie/Sirah Folgendes über eine Delegation der Christen von Najran:
وَيَحْتَجّونَ فِي قَوْلِهِمْ (إنّهُ ثَالِثُ ثَلَاثَةٍ) بِقَوْلِ اللّهِ فَعَلْنَا ، وَأَمَرْنَا ، وَخَلَقْنَا ، وَقَضَيْنَا . فَيَقُولُونَ لَوْ كَانَ وَاحِدًا مَا قَالَ إلّا فَعَلْتُ وَقَضَيْت ، وَأَمَرْت ، وَخَلَقْت ؛ وَلَكِنّهُ هُوَ وَعِيسَى وَمَرْيَمُ.
… Und sie argumentierten für ihre Behauptung „Allah sei der Dritte von Dreien“ mit den Worten Allahs (im Koran): „Wir machten“, „Wir befahlen“, „Wir erschufen“, „Wir entschieden“.
Sie meinten (damit): „Wenn Er einer wäre, hätte Er bei allem nur ‚Ich‘ gesagt, aber es handelt sich um Ihn, 'Isa (Jesus) und Maryam (Maria).“
Ibnu Hisham erklärt hier also, wie jene christlichen Abgesandten mit mehrdeutigen Texten des Koran argumentierten. Gemäß ihrer Argumentation spricht Allah سبحانه وتعالى von Sich selbst im Plural, worin sie eine Bestätigung für die Dreifaltigkeit erkennen wollten.
Tatsächlich kann das Wort „Wir“ in der arabischen Sprache jedoch zwei Bedeutungen haben:
- Jemand, der von einer Gruppe von Personen berichtet, der er selber angehört – also eine tatsächliche Mehrzahl von Personen.
- Der sogenannte Majestätsplural, bei dem eine einzelne Person von sich selbst in der Mehrzahl spricht. Diese Form ist auch im Deutschen geläufig und wurde bekanntermaßen z. B. für Monarchen verwendet.
Das Wort „Wir“ ist somit Mutashabih, also mehrdeutig. Wie man hier auch deutlich sieht, ist das Wort bei seiner Verwendung im Koran, selbst bei Grundkenntnissen über den Islam, sicher nicht unklar, auch wenn es in der Sprache an sich zwei unterschiedliche Bedeutungen trägt.
Der Leser des Koran ist verpflichtet, das Mehrdeutige auf das Eindeutige zurückzuführen142. Tut er dies nicht, wird dies sicher zu starken Widersprüchen und völlig falschen Schlussfolgerungen führen.
In Bezug auf den oben erwähnten Fall des Wortes „Wir“ liest man im Koran z. B. in einem Vers, den so ziemlich jeder Muslim kennen dürfte:
﴿قُلْ هُوَ اللَّهُ أَحَدٌ﴾
Sag: Er ist Allah, ein Einziger.
(Sure al-Ikhlas, 112:1)
Des Weiteren gibt es unzählige Stellen im Koran, die diesen Inhalt unzweifelhaft und explizit ausdrücken. Das Problem jener christlichen Abgesandten lag nicht daran, dass sie überhaupt keine Kenntnis über diese Stellen besaßen. Es ist auszuschließen, dass sie noch nie von der Ablehnung der Dreifaltigkeit im Koran gehört hatten und ihnen darüber hinaus auch kein einziger Text im Rahmen der Diskussionen über den Islam mitgeteilt wurde.
Spätestens in den von Ibnu Hisham beschriebenen Gesprächen hätten sie, ob der Klarheit des Sachverhalts, sofort einlenken müssen. Jedoch hielten sie in irrationaler Weise an ihrer falschen Auslegung fest, um die eigene Argumentation nicht aufgeben zu müssen. Genau diese Vorgehensweise legten auch viele Sekten der frühislamischen Geschichte an den Tag.
Ebenso sieht man diese falsche Methodik bei der in diesem Buch diskutierten Frage, ob ein Mensch trotz Polytheismus als Muslim bezeichnet werden könne. Die eindeutigen und zahlreichen islamischen Texte dazu verneinen dies ausdrücklich.
Bei der muslimischen Gelehrsamkeit gilt es seit jeher als theologisches Grundprinzip, dass man mehrdeutige Stellen nie gegensätzlich zu den festen und unumstößlichen Grundsätzen der Religion, den sog. kulliyyat auslegen darf. Wie sollte es sich dann beim Fundament verhalten, auf dem die gesamte Religion aufgebaut ist und um welches sich all ihre weiteren Gesetze und Angelegenheiten drehen?
Wer jedoch irgendwelche vereinzelten Texte unbedingt isoliert betrachten und aus dem Kontext reißen will, der wird dazu – ebenso wie jene christlichen Abgesandten oder diverse frühislamische Sekten – immer eine Möglichkeit finden.
Unter den tausenden Überlieferungen vom Propheten صلى الله عليه وسلم findet man natürlich nicht selten mehrdeutige Texte, die sich hierfür missbrauchen lassen.
Die frühen Gelehrten der Muslime waren sich voll über die Grundlage des Islam und seine grundlegenden Prinzipien (kulliyyat) im Klaren. Aus diesem Grund war es für sie selbstverständlich, dass solche Texte in jedem Fall im Einklang mit dem Koran und der Sunnah ausgelegt werden müssen. Wenn ein solcher mehrdeutiger Text eine für sie unklare Aussage hatte, versuchten die muslimischen Gelehrten diesen auf verschiedenste Art und Weise auszulegen, jedoch bewusst nicht auf die eine Art, die mit dem Glaubensfundament in Konflikt gerät. Die verschiedenen überlieferten Auslegungsmöglichkeiten zu einigen solchen Texten zeigen dieses Bestreben der islamischen Gelehrsamkeit ausgesprochen deutlich.
Je mehr die Zeit jedoch voranschritt und je größer die Unwissenheit über die ursprünglichen Texte wurde, umso öfter kam es bei den Anhängern des Islam auch zu Unklarheiten über das Fundament und die grundlegenden Prinzipien. Aus diesem Grund tun sich viele Menschen heute schwer, solche mehrdeutigen Texte in der richtigen Art und Weise auszulegen. Es ist schwer möglich, derartige Texte im Einklang mit den islamischen Grundprinzipien auszulegen, wenn man die Grundprinzipien an sich nicht richtig verstanden hat.
In der heutigen Zeit entwickelte sich dieser Zustand schließlich so weit, dass auch studierte Menschen einzelne Hadithe vorbringen, um die Irrmeinung zu stützen, ein unwissender Polytheist könne durchaus ein Muslim sein. Solche Leute setzen dabei tausende eindeutige Texte der Shari'ah außer Kraft, suggerieren der Allgemeinheit aber gleichzeitig, es würde sich dabei um legitimen Ijtihad, also eine legitime Rechtsableitung bzw. Rechtsfindung handeln.
Dies, wobei es solche legitimen Rechtsableitungen von Grund auf nur in den Angelegenheiten geben kann, für die gar kein eindeutiger Text existiert! Gerade deshalb gab es in den tatsächlichen Angelegenheiten des legitimen Ijtihad eigentlich immer unterschiedliche Ergebnisse, welche zu Meinungsunterschieden zwischen den Gelehrten in der Rechtslehre führten. Im Gegensatz zu Meinungsunterschieden über die konsensuale Glaubenslehre handelt es sich bei solchen Unterschieden im Ijtihad nicht um verpönte und abzulehnende Meinungsverschiedenheiten.
Deshalb formulierten die Gelehrten auch die deutliche Regel:
لا اجتهادَ مع النصّ
Es gibt keinen Ijtihad bei Vorhandensein eines eindeutigen Textes143.
Merkwürdig ist, dass manche Personen, die heute als Gelehrte angesehen werden, ebendiese Regel bei deutlichen Grundfragen der Glaubenslehre außer Kraft setzen, während sie dieselbe Regel bei untergeordneten Fragen der Hadith-Wissenschaften und des islamischen Rechts lehren und ihre Umsetzung vehement einfordern – ein überaus klarer Widerspruch.
Viele nichtstudierte Menschen wiederum nehmen solche Scheinargumente dankend an. Bei den meisten davon scheint es ziemlich gleichgültig zu sein, wie absurd eine Aussage ist, solange sie von einem ihrer angesehenen Großgelehrten kommt. Die Möglichkeit des Fehlers wird bei Personen mit einer solchen Denkweise in Bezug auf solche Gelehrte im Grunde völlig ausgeschlossen. Daraus entsteht ein Personenkult, der im Islam sicher keinen Platz haben dürfte, da der Muslim verpflichtet ist, sich an den klaren Text zu halten und es ihm sicher nicht erlaubt ist, eine Gelehrtenaussage diesem klaren Text vorzuziehen.
Um den praktischen Bezug dieser Problematik zu verdeutlichen, sollen im Folgenden einige mehrdeutige Texte und Behauptungen im Sinne des Beispiels angeführt werden, von dem sich leicht auf weitere Beispiele schließen lässt. Das Ziel ist dabei ausdrücklich nicht, alle mehrdeutigen Texte und jedes erdenkliche Scheinargument anzuführen und zu besprechen. Dies wäre ohnehin nicht möglich, da sich in den zahlreichen Überlieferungen wie gesagt immer wieder Texte finden lassen, die aus dem Kontext gerissen werden können.
Fußnoten
- Im Arabischen „ummu l-kitab“, was wörtlich „Mutter“, oder eher „Quelle/ Grundlage des Buches“ bedeutet. ↩
- Wörtliche Übersetzung eher: „sich ähnelnd“. Es wird wiederum das Wort tashabaha verwendet, welches derselben Wortwurzel entstammt, wie das zuvor beschriebene Wort Mutashabih. ↩
- Eigentlich handelt es sich bei diesem Vorgehen um eine Selbstverständlichkeit – auch in Bezug auf schriftliche Werke von Autoren ganz allgemein. In jedem verfassten Text gibt es Aussagen, die potentiell aus dem Kontext gerissen oder missverstanden werden können. Es ist eigentlich eine Banalität, dass solche Stellen immer im Kontext aller anderen Aussagen des jeweiligen Autors verstanden werden müssen. Eine wissenschaftliche Vorgehensweise und ein ehrlicher Umgang mit Texten wären anders gar nicht denkbar. Das Problem ist vielmehr, dass viele Leute plötzlich beginnen diesen Grundlagen bewusst oder unbewusst zuwiderzuhandeln, wenn die eigentliche Aussage eines Textes für sie unangenehme Konsequenzen hat. ↩
- Im Arabischen bei der Gelehrsamkeit oft als „nass bzw. an-nass“ bezeichnet. ↩