Die Mehrheit der Menschen verfällt in den Shirk durch Unwissenheit
Eine weitere Problematik liegt in der Vorstellung, alle, oder die allermeisten Polytheisten früherer Völker oder anderer Religionen, hätten die Lehre der Propheten in vollem Bewusstsein abgelehnt. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall.
Wie bereits erwähnt, waren die Götzendiener der Araber vor dem Islam einer großen Unwissenheit über den Monotheismus ausgesetzt. Wäre es möglich einen Polytheisten als Muslim anzusehen, würde dies auf solche Leute sicherlich eher zutreffen, als auf Leute, die den Koran in Händen halten, vielleicht sogar Teile davon oder das ganze Buch auswendig gelernt haben.
Bei vielen Menschen heute scheint es jedoch so zu sein, dass ein Polytheist umso mehr entschuldigt sein kann, je mehr Wissen er besitzt bzw. je mehr Wissen ihm zugänglich ist! Ein klarer Widerspruch.
Wie könnte z. B. ein Götzendiener vor zweitausend Jahren, der in der Wüste lebte, des Lesens unkundig war und keinen einzigen geschriebenen Vers bei sich hatte, weniger entschuldigt sein als jemand, der Arabisch liest und vom Koran auswendig lernt?!
Auch viele heutige Juden und Christen müssten bei jenen Verfechtern dieser theologischen Irrmeinung viel eher entschuldigt sein, da auch ihr Zugang zu den islamischen Quellen zweifelsohne um vieles schwerer ist.
Im Gegensatz dazu wird in den islamischen Quellen erwähnt, dass die meisten Menschen gerade über die Unwissenheit in den Shirk geführt wurden.
In diesem Sinne werden im Koran z. B. in Sure Nuh namentlich vier Personen erwähnt, die von ihren Nachfahren schließlich angebetet wurden.
Im Sahih-Werk von al-Bukhari wird vom Prophetengefährten Ibnu 'Abbas رضي الله عنهما überliefert, dass er diese Schilderung des Koran erläuterte und dabei erklärte, wie im Volk von Nuh/Noah der erste Polytheismus entstand:
عَنْ ابْنِ عَبَّاسٍ رَضِيَ اللَّهُ عَنْهُمَا صَارَتْ الْأَوْثَانُ الَّتِي كَانَتْ فِي قَوْمِ نُوحٍ فِي الْعَرَبِ بَعْدُ أَمَّا وَدٌّ كَانَتْ لِكَلْبٍ بِدَوْمَةِ الْجَنْدَلِ وَأَمَّا سُوَاعٌ كَانَتْ لِهُذَيْلٍ وَأَمَّا يَغُوثُ فَكَانَتْ لِمُرَادٍ ثُمَّ لِبَنِي غُطَيْفٍ بِالْجَوْفِ عِنْدَ سَبَإٍ وَأَمَّا يَعُوقُ فَكَانَتْ لِهَمْدَانَ وَأَمَّا نَسْرٌ فَكَانَتْ لِحِمْيَرَ لِآلِ ذِي الْكَلَاعِ أَسْمَاءُ رِجَالٍ صَالِحِينَ مِنْ قَوْمِ نُوحٍ فَلَمَّا هَلَكُوا أَوْحَى الشَّيْطَانُ إِلَى قَوْمِهِمْ أَنْ انْصِبُوا إِلَى مَجَالِسِهِمْ الَّتِي كَانُوا يَجْلِسُونَ أَنْصَابًا وَسَمُّوهَا بِأَسْمَائِهِمْ فَفَعَلُوا فَلَمْ تُعْبَدْ حَتَّى إِذَا هَلَكَ أُولَئِكَ وَتَنَسَّخَ الْعِلْمُ عُبِدَتْ
(Es sind) die Namen von rechtschaffenen Männern, vom Volk von Nuh. Als diese starben, gab ihnen der Satan ein, Statuen mit ihren Namen zu benennen und (diese) in ihren Sitzungen aufzustellen.
Schließlich taten sie dies auch. Diese Statuen wurden aber nicht angebetet, bis diese Leute starben und das Wissen ausgelöscht wurde. Erst danach wurden sie angebetet.
Nuh عليه السلام wurde also – wie auch alle anderen Propheten عليهم السلام – zu einem Volk von Mushrikin geschickt, die sich auf Grund ihrer Unwissenheit selbst für Muslime und Befolger der prophetischen Lehre hielten.
Trotz dieser vorherrschenden Unwissenheit beurteilte Nuh, ebenso wie auch alle anderen Propheten عليهم السلام, sein Volk als Mushrikin. Deshalb spricht er zu seinem Volk, wie im folgenden Koran-Vers beschrieben:
﴿لَقَدْ أَرْسَلْنَا نُوحًا إِلَى قَوْمِهِ فَقَالَ يَا قَوْمِ اعْبُدُوا اللَّهَ مَا لَكُمْ مِنْ إِلَهٍ غَيْرُهُ إِنِّي أَخَافُ عَلَيْكُمْ عَذَابَ يَوْمٍ عَظِيمٍ﴾
Wir hatten bereits Nuh zu seinem Volk geschickt. Da sagte er: Oh mein Volk! Betet Allah (alleine) an. Es gibt für euch nichts anderes Anbetungswürdiges. Ich fürchte um euretwillen einen Tag von gewaltiger Strafe.
(Sure al-A'raf, 7:59)
﴿وَلَقَدْ أَرْسَلْنَا نُوحاً إِلَى قَوْمِهِ فَقَالَ يَا قَوْمِ اعْبُدُوا اللَّهَ مَا لَكُم مِّنْ إِلَهٍ غَيْرُهُ أَفَلَا تَتَّقُونَ﴾
Wir hatten bereits Nuh zu seinem Volk geschickt. Da sagte er: Oh mein Volk! Betet Allah (alleine) an. Es gibt für euch nichts anderes Anbetungswürdiges. Wollt ihr also nicht gottesfürchtig sein?
(Sure al-Mu'minun, 23:23)
Dieses eine Beispiel soll an dieser Stelle genügen. Wer den Koran aufmerksam liest, wird definitiv feststellen, dass der Monotheismus als eigentliche Botschaft aller Propheten immer wieder in dieser Art verdeutlicht wird.
Auch sei hier an die Aussage des frühen Koran-Exegeten Ibnu Jarir at-Tabari über den Vers in Sure az-Zumar [39:29] erinnert, als er sagte:
﴿بَلْ أَكْثَرُهُمْ لا يَعْلَمُونَ﴾ يَقُولُ جَلَّ ثَنَاؤُهُ: وَمَا يَسْتَوِي هَذَا الْمُشْتَرَكُ فِيهِ، وَالَّذِي هُوَ مُنْفَرِدٌ مُلْكُهُ لِوَاحِدٍ، بَلْ أَكْثَرُ هَؤُلَاءِ الْمُشْرِكِينَ بِاللَّهِ لَا يَعْلَمُونَ أَنَّهُمَا لَا يَسْتَوِيَانِ، فَهُمْ بِجَهْلِهِمْ بِذَلِكَ يَعْبُدُونَ آلِهَةً شَتَّى مِنْ دُونِ اللَّهِ.
„Die meisten aber wissen es nicht“, d.h.: Dieser unter mehreren (Herren) Aufgeteilte und derjenige, der nur einem Herrn gehört, sind sich nicht gleich.
Aber die meisten dieser „Allah etwas Beigesellenden“ wissen nicht, dass diese beiden sich nicht gleichen. In ihrer Unwissenheit darüber beten sie etliche unterschiedliche Alihah neben Allah an.