ibnu-musafir.com

Die Frage der Länder (Diyar) und der Anzeichen für den Islam einer Person

Einzelne Fragestellungen und die große Unehrlichkeit im Umgang damit · Volltext-Kapitel aus dem Buch Die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte im deutschsprachigen Raum und der islamischen Welt im Allgemeinen · Als PDF lesen

Für einige Leute im deutschsprachigen Raum wurde diese Angelegenheit die allesentscheidende Frage, nämlich, ob die Menschen heute äußerlich von Beginn an als Muslime zu betrachten sind, wenn sie sich als solche zu erkennen geben und nichts dem fundamental widerspricht, oder ob sie nicht als solche anzusehen sind.

Über diese Angelegenheit habe ich in dem Buch „Das islamische Glaubensbekenntnis“ einiges geschrieben und habe auch nach wie vor nicht die Absicht, dem etwas hinzuzufügen. Für die erwähnten Leute ist es quasi das größte Verbrechen, bei dieser Frage nicht eine deutliche, allgemeine, immer gültige Aussage zu formulieren. Dieses vermeintliche Verbrechen löscht aus ihrer Sicht jede gute Eigenschaft oder Tat aus, egal wie viele wichtige Grundsätze des Islam sie vorher von dieser Person gelernt und zum ersten Mal gehört hatten.

Manche inszenieren sich seit einiger Zeit anhand dieser Fragestellung als die großen Beschützer der Ummah vor dem Ghuluww, wobei sie gleichzeitig in diversen Fragen selbst übertreiben und sich an Aussagen ihres Shaikhs orientieren, die überhaupt nicht durch die Methode der Salaf begründet oder nie bei ihnen in dieser Form besprochen wurden.

Der eigentliche Grund, warum solche Leute gerade diese Frage zur wichtigsten überhaupt erheben, ist bei den allermeisten nicht, dass sie so sehr die Bid'ah ablehnen oder es die einzige Frage wäre, in der einige Leute widersprechen. Der tatsächliche Grund bei den meisten – das sieht man deutlich an der unehrlichen Haltung, dem Messen mit zweierlei Maß und der sonstigen Vorgehensweise – ist reiner Pragmatismus. Es geht also um einen praktischen Nutzen. Nachdem solche Leute gesehen hatten, dass die Da'wah zu gewissen islamischen Grundlagen auf Ablehnung stieß, waren sie voller Freude, nun jeden in die Arme schließen und sich gemeinsam von irgendwelchen Ghulat abgrenzen zu können.

Ganz allgemein ist vielen Leuten die Da'wah ein sehr zentrales und primäres Anliegen, wobei sie selbst nicht ausreichend gelernt haben und von den Voraussetzungen für eine Wissensweitergabe – wie sie auch die Salaf formulierten – zumeist weit entfernt sind. Man versteht vieles selbst nicht und lernt auch nicht konsequent, aber das scheinbar Wichtigste muss erfüllt sein: die Da'wah. Diese Da'wah wird dann krampfhaft aufrechterhalten – auch wenn sie mit wenig Wissen und sehr oberflächlich abläuft.

Jedenfalls wurde auch mein teilweises Schweigen im Zusammenhang mit der hier thematisierten Frage der Länder und Anzeichen des Islam von einigen Leuten sehr übel ausgelegt. Manche bauten jenes zuvor beschriebene Weltbild auf – der wahre Gelehrte dieser Zeit auf der einen und der Hauptverursacher des gesamten Ghuluww im deutschsprachigen Raum auf der anderen Seite, da sich Letzterer zumindest nicht eindeutig positioniert hatte.

In Wirklichkeit ist die Sache nicht so einfach, wie sich dies manche einreden. Es ist sicherlich so, dass diese Frage am Anfang – also vor mehr als einem Jahrzehnt – eine Zeit lang diskutiert wurde, es Unklarheiten gab und auch ständig Argumente und Gegenargumente vorgebracht wurden.

Letzteres passiert nach wie vor und die Diskussion unter einigen Leuten im arabischen Raum hält in dieser Thematik bis jetzt an und wird nach und nach von einigen Anhängern auch wieder in den deutschsprachigen übertragen – ohne dabei zu erwähnen, dass man alle Inhalte eins zu eins von einer Person aus dem Arabischen übernimmt. Man wird nicht müde, Argumente anzuführen, diesmal jedoch – wie man behauptet – von den Aussagen und nach der Methode der Salaf.

Dies zeigt auch, warum es nicht so leicht ist, das Thema umfassend abzuhandeln. Es hätte keinen Sinn, irgendetwas hinauszuwerfen, da andere Leute mit ihren Argumenten sofort einhaken würden. Der Vertreter der Gegenmeinung ist dann sofort ein Mubtadi', Zindiq, Munafiq, Mushrik und alles Mögliche dieser Art.

Den Muslimen im deutschsprachigen Raum entgeht diese Ebene des Geschehens im arabischen Raum völlig. Sie haben selbst eine gewisse Sicht und verstehen nicht, warum man nicht einfach einen Satz sagt und die Sache wäre damit erledigt.

Ich halte es auch nicht für sehr sinnvoll – wie manche es handhaben –, ein Buch mit viel Beschimpfung für seine Mukhalifin zu verfassen, und mit der Feststellung, das Glaubensbekenntnis sei immer und überall ohne Ausnahme ein Zeichen für den Islam, dann aber in einem Absatz dieser Grundannahme ihres gesamten Buches zu widersprechen27. Immer wieder sieht man, wie Leute sich voller Selbstvertrauen in diese argumentative Schlacht begeben, dann aber z. B. plötzlich in Bezug auf den Iran ihre eigene Aussage von Grund auf widerlegen.28

Überall ist ein Mensch als Muslim anzusehen … außer im Iran. Und die Argumentation der Mukhalifin mit dem Iran sei gemein und hinterhältig, da dies ja etwas ganz anderes sei. In Wirklichkeit ist es aber vom Grundsatz her nichts anderes. Denn auch hier geht es ja um Einzelpersonen, von denen noch kein Kufr sichtbar wurde! Entweder der Grundsatz ist allgemeingültig oder eben nicht.29 Genau solche Dinge muss man eben erklären können, oder auch nicht, aber langwierig Dinge aufzuzählen, die ohnehin der Befürworter und der Gegner eins zu eins bestätigen und dabei viel herumzuschimpfen, ist nicht etwas, das einen großen Sinn verwirklicht. Deshalb bin ich nicht der Meinung, dass ich etwas in dieser Art unbedingt nachahmen müsste.

Es mag schon sein, dass so jemand in mehreren Punkten recht hat, aber bevor ich etwas auf diese Art und Weise (nicht) erkläre und anderen Leuten nur Dinge in die Hand gebe, die sie aufwerfen können, begnüge ich mich lieber damit, allgemeine Dinge zu erwähnen, die jeder über diese Angelegenheit wissen sollte. Und genau dies habe ich in dem oben erwähnten Buch getan, wie z. B. die Erwähnung der Geschichte von Usamah ibnu Zaid رضي الله عنه und die Lehre, die man daraus ziehen kann.30

Das sind also einige Hinweise zu dieser Angelegenheit – vor allem auch für jene, die aufgrund eigener Neigungen zu einer verzerrten Sicht der Realität neigen. Dass ein al-Hazimi in dieser Angelegenheit quasi ein „Machtwort“ gesprochen hätte und irgendwelche Leute als Zanadiqah bezeichnete31, das ist auf jeden Fall kein Argument, da die Aussage irgendeiner heute lebenden Person ohnehin kein Argument ist. Und da die ganze Sache von seiner Seite ohnehin nicht einmal annähernd nach der Methode der Salaf besprochen wurde, spielt dies für niemanden eine Rolle, der auch nur ein bisschen Einblick in die jüngsten Entwicklungen hat.

Die Erklärungen von al-Hazimi in diesem Bezug waren aus meiner Sicht, trotz unzähliger Wiederholungen und sehr viel Kalam, völlig unzureichend. Heute widersprechen den Darstellungen von al-Hazimi teilweise Leute, die über die Sunnah, die Aussagen der Salaf und diese Thematik im Speziellen bei weitem mehr Wissen haben als er – mal ganz abgesehen davon, ob sie nun im Unrecht sind oder nicht. Al-Hazimi wäre jedenfalls seinerseits besser beraten, so bald wie möglich all seine Vorträge zurückzuziehen32 und sich von der Philosophie und anderen problematischen Dingen abzuwenden, die zuvor teilweise schon erwähnt wurden.

Jedenfalls gibt es gute Gründe, warum ich nicht zu allem derzeit Stellung nehme und warum ich gar nicht dazu fähig bin, alles in der gebührenden und dafür notwendigen Form zu veröffentlichen.

Fußnoten

  1. Es handelt sich hier nicht um ein einzelnes Buch. Ich habe in mehreren Büchern und Schriften gesehen, auf die genau das zutrifft.
  2. Es sei hier ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es hier nicht um meine eigene Argumentation geht. Ich sage hier also keineswegs, man müsse die Sache so oder so behandeln, oder einen Zwischenweg einschlagen.

    Da die gesamte Diskussion unter jenen, die solche Themen diskutieren, ziemlich aufgeladen ist, neigen die Leute sehr schnell dazu, aus meinen Worten immer das herauszulesen, was gerade ihrer eigenen Sichtweise dienen könnte.

    Ich habe hier keine Meinung geäußert und habe auch nicht eine bestimmte Sichtweise als falsch bezeichnet. Was ich tatsächlich hier sage, ist:

    1. Wenn man über dieses Thema schreibt, dann muss man solche Teilfragen auch zufriedenstellend behandeln und erklären können. Andernfalls ist das Thema nicht abgeschlossen und wird nur weitere Diskussionen hervorrufen.
    2. Es ist nicht zielführend, den Vertreter einer anderen Meinung – selbst, wenn diese falsch ist oder sogar eine Bid'ah – zu diffamieren und mit möglichst großer Härte zu behandeln, wenn dies dem Verständnis der Sache letztlich nicht dient oder sogar kontraproduktiv ist.

    Übrigens bekräftige ich hier auch Folgendes: Nur, weil ich mehrfach von „Sichtweisen“ oder Ähnlichem spreche und eine möglichst neutrale Ausdrucksweise wähle, habe ich damit nicht gesagt, es handle sich um zwei legitime Ansichten, vergleichbar mit einer Frage von legitimem Meinungsunterschied im Fiqh. Das habe ich nicht gesagt und ich glaube es auch nicht.

    Diese Angelegenheit hat durchaus eine große Relevanz in Bezug auf die 'Aqidah und sie ist auch dementsprechend wichtig. Trotzdem bekräftige ich auch, dass ich dies nach wie vor nicht als eine Frage sehe, bei welcher jede beliebige Person mit Takfir auf den Mukhalif um sich werfen kann. Abgesehen davon sollte man die verbreitete Unwissenheit einberechnen, wenn man sich überlegt, in dieser Angelegenheit irgendwelche Urteile über den Mukhalif zu formulieren oder Härte an den Tag zu legen.

    Ich wende mich hier nochmal an die Leser dieses Textes und sage: Versteht bitte, dass ich mich hier nicht äußern will, und akzeptiert das auch. Und versteht bitte, dass ich diese Dinge hier nicht deshalb sage, weil ich irgendetwas vermitteln will, ohne es deutlich anzusprechen! Jedenfalls sollten einige Leser davon ablassen, ständig irgendwelche Spekulationen anzustellen, Schlussfolgerungen zu ziehen und mir letztlich eine Ansicht zuzuschreiben, die ich gar nicht geäußert habe.

    Mein Ziel bei der Sache ist nur, dass diese ganze Diskussion mit mehr Ruhe, Zurückhaltung und Verständnis geführt wird. Das Ziel ist, dass wir alle weiterkommen und dass wir selbst oder Leute, die gewisse Missverständnisse in dieser Angelegenheit haben, alle Aspekte davon besser verstehen können.

    Ein erster Schritt dafür wäre zunächst mal, nicht immer von sich selbst anzunehmen, man sei – wie immer – der wahre Verfechter des Islam und der Sunnah, der als einziger mit reinem Herzen an die Dinge herangeht. In diesem Zuge sollte man also auch davon ablassen, ständig nach Gründen zu suchen, um allen, die das Thema nicht genau so angehen, wie man selbst, Nifaq, Bid'ah und üble Neigungen zu unterstellen. Diese hier genannten Schritte dürften für viele bereits sehr schwer sein – möge Allah uns dazu verhelfen.

  3. Natürlich ist dabei völlig klar, dass es Leute gibt, die diesen Grundsatz auch konsequent umsetzen. Wer also deutlich sagt, dass er jeden Menschen im Iran, der einen Bart hat, einen Mushaf in seiner Hand trägt, eine islamische Aussage wie „subhanallah“ ausspricht, den Salam gibt oder ähnliches, in seinem Herzen als Muslim betrachtet, ihn auch äußerlich so sieht und behandelt, der muss sich hier nicht angesprochen fühlen.

    Wer es so sieht, der sollte dies aber auch offen sagen, und nicht unklar herumreden, wie z.B. etwa: „Der Iran zählt nicht, weil diese Menschen einen ganz anderen Din haben, was auch immer sofort erkennbar ist.“ Diese Darstellung stimmt nicht. Wenn man sagt, dass der Grundsatz der Islam ist, dann ist auch jeder zuerst mal Muslim.

    Es bedeutet also konkret, dass im praktisch gelebten Alltag alle Menschen dort zuerst mal Muslime sind, da sie alle sich zum Islam bekennen. Erst wenn man bei einer Einzelperson tatsächlich deutlichen Kufr sieht, könnte man diese als Nicht-Muslim beurteilen. Schließlich sieht man dort auf der Straße auf einen Blick unzählige Leute, die islamische Zeichen an sich haben, wie z.B. ein Hijab (oder ein halbes Hijab als Zeichen einer sündigen Muslimah) und viele andere bereits genannte Dinge – ohne, dass man sofort erkennen würde, dass es sich um Schiiten handelt.

    Wer es also in dieser Art handhabt, der hat zumindest seinen Standpunkt klargemacht. Dass solche Leute dieses Prinzip immer anwenden, heißt aber noch nicht, dass sie das Ganze zufriedenstellend erklärt haben. Mit einigen Aussagen der Salaf um sich zu werfen, die vielleicht wenig oder gar keinen Bezug zur Frage an sich haben, das erfordert kein großes Wissen. In der Zeit von Copy und Paste im Internet kann das an sich jeder, weshalb man so etwas zahlreich sieht.

    Ebenfalls ein Grund, warum diese Sache hier angesprochen wurde und warum ich es auch als angemessen betrachte, dass sie angesprochen wird, ist Folgendes: Wie von den Gelehrten wiederholt bekräftigt wird, kann man eine Angelegenheit oder Situation nicht beurteilen, solange man ihre Realität nicht vollständig erfasst hat. Ich sehe nun seit vielleicht 15 Jahren Schriften zu diesem Thema, bei denen die Verfasser ganz offensichtlich die Realität einiger Dinge nicht erfasst haben, über die sie sprechen. Es soll hier also diese Realität verdeutlicht und darauf hingewiesen werden, dass in diesem Bezug – wie es mir scheint – einige abwegige Vorstellungen unter den Leuten verbreitet sind und diese auch beibehalten werden.

    Was auch immer von dem oben Gesagten also richtig ist, wir bitten Allah, dass er uns die Wahrheit stets als Wahrheit zeigt und uns hilft, ihr zu folgen. Wer dieses Thema aber erklären will, der sollte es deutlich erklären, wichtige Teilfragen beantworten und sich vor allem nicht selbst widersprechen.

  4. Ganz allgemein – und unabhängig von dem bisher Gesagten – sieht man bei einigen Leuten, die sich zu dieser Thematik heute äußern, dass sehr emotional und meistens auch sehr unehrlich vorgegangen wird. Man liest und hört Stellungnahmen, Erklärungen, Widerlegungen, usw., wo erstaunlich viel verdreht und über den Mukhalif gelogen wird. Bei manchen Leuten fragt man sich, ob sie einfach „nur“ bewusst viel lügen oder verdrehen, oder ob das bei ihnen schon psychotisch ist.
  5. Übrigens auch eine verallgemeinerte Aussage, die dazu führte, dass viele Anhänger auf jeden Takfir machten, der hierin widerspricht. Später wurde das wieder relativiert, da mit dem Wort Zindiq nun der Mubtadi' gemeint sein sollte, der nach wie vor Muslim sei. Dies also zum vorher schon angesprochenen Thema der zu allgemeinen Aussagen, welche zu Übertreibungen führen können.
  6. Das Zurückziehen früherer Inhalte ist ohnehin eine weitere Angelegenheit, in der die Unehrlichkeit mancher Leute klar zutage tritt. Der eigene Shaikh kann alles gesagt haben und man kann darüber immer hinwegsehen. Andere hingegen – wer auch immer – werden in jedem Fall boykottiert, selbst wenn sie alle ihre früheren Aussagen zurückgezogen und ihre neuen Standpunkte deutlich erklärt haben. Man fragt sich, wie eine derart widersprüchliche Haltung islamisch gesehen vertretbar sein könnte.