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Die Frage des Hukm und Tahakum

Einzelne Fragestellungen und die große Unehrlichkeit im Umgang damit · Volltext-Kapitel aus dem Buch Die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte im deutschsprachigen Raum und der islamischen Welt im Allgemeinen · Als PDF lesen

Auch in dieser Angelegenheit gibt es große Erwartungshaltungen und Forderungen – und Boykott, wenn ihnen nicht entsprochen wird.

Es handelt sich ebenfalls um ein komplexes Thema und in dem bereits erwähnten Buch33 habe ich dazu meine früheren Äußerungen ersetzt. Dieses Buch haben viele noch nicht gelesen. Widersprüchlich ist in diesem Zusammenhang auch die Aussage, man müsse ja nicht alles lesen, was jemand schreibt. Das stimmt schon, aber wie kann man auf der einen Seite eine Äußerung zu einem Thema fordern, dann aber sagen, man müsse es nicht lesen?

Ganz allgemein stellen viele Leute Fragen und Forderungen, wobei sie die bestehenden Bücher und Schriften gar nicht gelesen haben. Andere wiederum lesen die Bücher, wollen aber offensichtlich nicht verstehen, dass sich darin Aussagen befinden, die ihren vorgefassten Meinungen eventuell widersprechen.34

In dem genannten Buch habe ich einige sehr grundlegende Dinge über den Tafsir erwähnt, denen in vielen Kreisen heute direkt zuwidergehandelt wird. Selbst wenn die Salaf geschlossen einen Tafsir lehrten, wird er von vielen heutigen Gruppierungen und Strömungen, die sich selbst häufig auch der Salafiyyah zuschreiben, einfach ignoriert, wenn er nicht ins vorgefasste Konzept passt. Genau das war der Beweggrund, jenes Buch zu schreiben.

Auch hier hält man an den Aussagen der eigenen „Großgelehrten“ fest. Wen interessiert es, was die Salaf gesagt haben, wenn ein 'Alwan35, ein Tarifi oder ein Abdullah as-Sa'd etwas anderes gesagt haben. Auch hier glauben viele Anhänger, es handle sich um derart große Gelehrtenpersönlichkeiten, dass ihre Aussage von Grund auf nicht in Zweifel gezogen werden darf.

Die Argumentation ist immer dieselbe, ganz egal welcher Shaikh und welche Folger. Diesen Personen dürfe man nicht widersprechen, da sie schließlich das „wahre Wissen“ erlernt hätten, und zwar nach der „wahren Methode“, weshalb sich bei ihnen auch keine größeren Fehler einschleichen könnten.

Es stimmt auch tatsächlich, dass z. B. jemand wie Abdullah as-Sa'd ein großes Wissen über den Hadith und die damit verbundenen Wissenschaften aufgebaut hat. Er zählt sicher zu den Spezialisten auf diesem Gebiet und blickt auf jahrzehntelange Erfahrung zurück. Das kann jeder bestätigen, der seine Inhalte auch nur einigermaßen kennt. Und es ist auch durchaus so, dass er in einigen Punkten gute Ansätze hat und z. B. positive Anstrengungen unternimmt, auf falsche Entwicklungen in den späteren Hadith-Wissenschaften hinzuweisen. Es ist aber ein folgenschwerer Trugschluss anzunehmen, dass jemand mit so einem Wissensstand keine größeren Fehler begehen oder grundfalsche Ansichten übernehmen könne.

Wie bereits in der Schrift „Der Weg der Salaf“36 angesprochen, hat viele Leute ihr angeblich fehlerfreies Wissen nicht vor gravierenden Fehlern bewahrt – und dies über viele Jahrzehnte hinweg. So bewahrte es al-'Alwan z. B. nicht davor zu glauben, dass ein Mensch trotz Shirk akbar ein entschuldigter Muslim sein könne, bis er davon schließlich vor einigen Jahren abging. Und auch die anderen bewahrte es nicht vor sehr wirren Ausführungen zu diesem Thema.

So z. B. die Aussage von at-Tarifi, die Sahabah im Hadith von Dhatu Anwat hätten den großen Shirk verlangt, wären aber entschuldigt gewesen, da sie noch neu im Islam waren. Ebenso seine Erklärung zum Buch Mufidu l-Mustafid – als ich sie vor vielleicht zehn Jahren las, konnte ich zwischen den vielen Unklarheiten und Widersprüchen darin keine klaren Aussagen zu vielen wichtigen Fragen erkennen. Ebenso die Verallgemeinerung gewisser Aussagen der Salaf auf alle Gruppen der Jahmiyyah in seiner Erklärung zur 'Aqidah der Raziyyain.

Ganz allgemein sieht man bei den Leuten – auch bei den obengenannten – Dinge, wie die lobende Betitelung von Leuten wie Ibnu Hazm37 als Imam und die Behauptung, der Takfir auf die Asha'irah wäre eine unzulässige Erneuerung und es gäbe dafür überhaupt keine Berechtigung.

Wenn man die merkwürdigen Aussagen der Menschen dieser Zeit aufzählen wollte, würde man zu keinem Ende kommen. Ibnu Uthaimin z. B. sagte in einer Antwort bezüglich des Beispiels einer Frau, die sich zum Islam bekannte und aus völliger Unwissenheit den Tawaf um Gräber verrichtete, für diese Gräber Opfergaben erbrachte und in diesem Zustand verstarb, dass diese Frau als Muslimah zu betrachten wäre. Die Begründung war aus seiner Sicht, dass sich die Frau zum Islam bekannte und unwissend war. Er sagte ausdrücklich, dass die Frau im Beispiel den Namen „Muslimah“ verdient, man das Totengebet für sie verrichtet, sie gemeinsam mit den Muslimen begräbt und ihre Kinder für sie Du'a' machen sollen.

Ibnu Uthaimin ist einer der prominentesten Shuyukh der heutigen allgemeinen Salafiyyah. Man kann sich vorstellen, welchen Einfluss eine solche Fatwa – neben vielen anderen Aussagen dieser Art von ihm – in der islamischen Szene hat. Ein weiteres Beispiel zeigt ebenso deutlich, wie großräumig dieser Irrglaube verbreitet wird. Die wohl größte Fatwa-Plattform überhaupt, islamqa.info, verbreitet eine lange Fatwa mit den angeblichen Beweisen dafür, dass ein Mensch trotz Shirk akbar ein entschuldigter Muslim sein kann. 38

In der Fatwa befinden sich zahlreiche haarsträubende Aussagen der Shuyukh der zeitgenössischen Salafiyyah zu diesem Thema. Abgeschlossen wird das Ganze mit der Empfehlung, man solle für weiterführende Informationen das dort genannte Buch von einem gewissen Sultan al-'Umairi lesen. Wer nur ein bisschen Verständnis in dieser Angelegenheit hat, der weiß, dass das Buch jenes deutlich abgeirrten Verfassers Sultan al-'Umairi nur noch als Verrücktheit bezeichnet werden kann. Es handelt sich bei der Webseite wie gesagt wohl um die größte Plattform für Fatwas überhaupt und sie wird auch nach und nach ins Deutsche übersetzt und von manchen im deutschsprachigen Raum beworben. Auch die angesprochene lange Fatwa findet man auf der deutschen Seite übersetzt. 39

Wie gesagt, würde man beginnen, die Aussagen von Leuten aufzuzählen, die heute allgemein als Großgelehrte betrachtet werden, dann nähme es kein Ende und es würden sich ständig extreme Widersprüche in den Aussagen jener Leute zeigen, die in wichtigen Fragen angeblich keine nennenswerten Fehler begehen. All diese Unklarheiten bestehen, wie man sieht, seit langem bereits im arabischen Raum und es macht natürlich keinen Sinn, zu versuchen, für all diese Unklarheiten eine Einzelperson – welche auch immer – als Ursache auszumachen.

Zurückkehrend zur Frage des Hukm bewahrte es die obengenannten Leute (wie z. B. al-'Alwan) auch nicht davor, den (im zuvor bereits genannten Buch) von mir besprochenen Tafsir von Ibnu 'Abbas abzulehnen.

Die Diskussionen über die Angelegenheit des Hukm, Tahakum und Tashri' gehen in Wirklichkeit um einiges weiter zurück, vor allem im letzten Jahrhundert. Die Aufarbeitung war dabei von Anfang an falsch. Hierbei geht es also nicht um irgendwelche Dinge, die eine einzelne Person erfunden hat. Man überlege sich an dieser Stelle auch, was ich früher zu diesem Thema geschrieben und geäußert hatte. Diese Inhalte wurden nicht zum ersten Mal von mir selbst erdacht. Es handelte sich z. B. um die zahlreichen übersetzten, sehr allgemeinen und drastisch formulierten Aussagen von Muhammad Amin Ash-Shanqiti in seinem Tafsir Adwa'u l-Bayan und um die Aussagen von Muhammad ibnu 'Abdi l-Wahhab und seinen Nachkommen.

Wenn all diese von mir damals erwähnten Inhalte und zitierten Aussagen nach dem Verständnis mancher Leute im deutschsprachigen Raum zu allgemein waren und für einige Personen die Tür geöffnet hatten, um darauf zahlreiche falsche Verständnisse aufzubauen … wenn man dafür einen Ausgangspunkt finden will, dann muss man diesen sicherlich schon viel früher suchen und damit nicht in irgendeinem nicht-arabischen Land in den letzten 15 Jahren beginnen.

Diese Themen – und das sage ich hier ganz klar – müssen völlig neu aufgearbeitet werden. Und die ganzen Ausführungen vieler Gruppen, politischer und militanter, sind völlig untauglich, folgten einer ganz und gar falschen Methode und waren von Grund auf politisch und emotional motiviert40.

Das heißt nicht, dass alles früher Gesagte falsch ist. In dem neuen Buch war ich deshalb auch bemüht, wichtige Aussagen der Salaf zu erwähnen, aber trotzdem eine differenzierte Sichtweise zu bewahren, die auch den Kontext berücksichtigt. Dennoch müssen die Dinge neu erklärt und es müssen falsche Verständnisse korrigiert werden – und dabei muss man für alles offen sein, was die richtigen islamischen Beweise einem zeigen.

Diese Problematik beginnt also viel früher und es ist dabei abermals sehr deutlich, dass es sich um ein massives globales Phänomen der islamischen bzw. vor allem der arabischen Welt handelt. Es waren dabei extrem viele Faktoren im Spiel und es gab unzählige Äußerungen und darauf wiederum Reaktionen. Die überwiegende Mehrheit im deutschsprachigen Raum hat von diesen zurückliegenden Entwicklungen überhaupt keine Kenntnis. Für viele reicht es aus, dass in der Welt ihrer eigenen Vorstellungen alles heil ist und bei manchen wird dies durch eine vereinfachte Vorstellung einer Ursache für das Gute und einer anderen für das Schlechte gewährleistet.

Fußnoten

  1. „Wer nicht nach dem richtet, was Allah herabgesandt hat …“ – Die Überlieferung von Ibnu 'Abbas „Kufr, abseits von Kufr“ aus Sicht der frühislamischen Hadith- und Tafsir-Wissenschaften
  2. Dabei ist übrigens zu bedenken, dass ich schon in Publikationen vor mehr als zehn Jahren bei einigen Dingen in Bezug auf die Thematik des Hukm und Tahakum vor falschen Verallgemeinerungen warnte. Schon solche Dinge wurden von vielen einfach ignoriert. Es verwundert also nicht, dass dieselben Leute sich auch jetzt schwertun, Inhalte und Aussagen der Salaf in den neu verfassten Büchern anzuerkennen. Noch merkwürdiger ist dann jedoch, wenn ebensolche Personen sich als Beschützer der Ummah vor den Übertreibern hervortun.
  3. Der obige Name 'Alwan wird offenbar am Anfang mit a vokalisiert, auch wenn man in heutigen Ausgaben einiger älterer Bücher diesen Namen mit einem u vorfindet. Demgegenüber gibt es im Sprachgebrauch des Hocharabischen auch noch das Wort 'Ilwan mit i. Wallahu a'lam.
  4. Es war ein weiterer deutlicher Hinweis, den offenbar kaum ein Leser verstanden hatte, was mich dazu veranlasst, hier einige Dinge nun deutlich zu erwähnen.
  5. Ibnu Uthaimin wertete das Werk Al-Muhalla von Ibnu Hazm z. B. als eines der drei nützlichsten Fiqh-Bücher überhaupt. Das Buch sei „nützlich und gewaltig“, wie er in einer Aufnahme sagte.

    Und selbst wenn jemand auf die Fehler von Ibnu Hazm in einigen Bereichen hinweist, wie z. B. Abdullah as-Sa'd, spricht er den Tarahhum auf ihn und darüber hinaus auch auf den Begründer der Dhahiriyyah, Dawud ibnu 'Aliyy adh-Dhahiri, dem die Salaf diverse Kufr- und Bid'ah-Ansichten zugeschrieben und ihn dafür auch boykottiert haben.

    Die Idee, ein Mensch, der sich mit dem Wissen beschäftigt hat, müsse letztlich immer geschätzt, respektvoll behandelt und seine Fehler ihm nachgesehen werden – selbst, wenn er gravierende Fehler in der 'Aqidah hatte und diese verbreitete –, ist im Denken der Menschen heute äußerst fest verankert. Dieses Denken ist im Grunde eines der Hauptmerkmale der heute vorherrschenden Sicht – auch bei der gesamten allgemeinen Salafiyyah.

  6. mit dem Titel:

    الأدلة الشرعية على أن الجاهل يعذر في مسائل الشرك والكفر

  7. mit dem Titel: Die islamrechtlichen Beweise, dass der Unwissende (Jahil) in Angelegenheiten der Beigesellung (Shirk) und des Unglaubens (Kufr) entschuldigt ist
  8. Noch abwegiger ist es, wenn manche Leute sich krampfhaft an einigen Vorträgen eines Anfängers im Wissen im deutschsprachigen Raum festhalten. Manche Leute verbreiten kurze Niederschriften der Vorträge einer solchen Person, als ob es sich um die ultimative Antwort auf alles in dieser Thematik handelt. Dies zeigt sehr deutlich, dass man nichts anderes besitzt, auf das man sich stützen könnte. Deswegen hält man an solchen Texten fest.

    Und seit es eine verstärkte Rückbesinnung auf die Salaf gibt, streuen auch solche Leute hier und da einige Athar über gutes Benehmen von den Salaf ein und glauben deshalb, auf dem „Manhaj der Salaf“ zu sein – oder noch abwegiger, man tut so, als wäre man schon immer darauf gewesen.