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Einzelne Fragestellungen und die große Unehrlichkeit im Umgang damit

Hauptteil · Volltext-Kapitel aus dem Buch Die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte im deutschsprachigen Raum und der islamischen Welt im Allgemeinen · Als PDF lesen

Aus der eingangs besprochenen Frage über den Tauhid und den Shirk ergaben sich natürlich weitere Fragen, die über die letzten zehn bis zwanzig Jahre im deutschsprachigen Raum und weltweit zu Diskussionen und unterschiedlichen Haltungen führten.

Es entwickelten sich im deutschsprachigen Raum verschiedene Gemeinschaften, die sich mehr oder weniger jeweils an eine gewisse Person aus dem arabischen Raum hielten und diese als ihre geehrte Führungsperson ansahen.

Wobei es zahlreiche Widersprüche gab und die jeweiligen Anhänger gar keine klare Sicht hatten bezüglich aller Aussagen ihres jeweiligen Shaikhs, redeten sie sich weiter und weiter ein, ihr Shaikh hätte die völlig korrekte Methode und mit dieser auch alle wichtigen Fragen richtig und ausreichend erklärt. Für alles, was im deutschsprachigen Raum schiefgelaufen war, musste man jedoch eine Erklärung finden. Für manche davon war offenbar auch ich ein sehr geeigneter Sündenbock, den man für alles verantwortlich machen konnte, was im eigenen Leben hinsichtlich Din – und vielleicht sogar Dunya – falsch gelaufen war.

Egal, ob jemand in den extremen Ghuluww fiel, auf sich selbst Takfir machte und das Gebet unterließ, weil er so hoffnungslos war, da es (angeblich) ohnehin keinen Sinn mehr hätte, oder ob bei anderen die Ablehnung der Umgebung zu groß war und die stockende Da'wah sie lähmte … man begann häufig einfach, die Ursache von allem Übel im deutschsprachigen Raum bei einer einzelnen Person zu suchen. Einige Leute schrieben mir dies sogar direkt und offen. Selbst wenn man den Leuten das genaue Gegenteil bezüglich der Verpflichtung des Gebets und der Bewahrung des Gleichgewichts zwischen Hoffnung und Angst sagte, egal, für Leute dieser Art wurde man trotzdem die Ursache von jedem Fehler, den sie selbst begangen hatten, und von jedem Missstand in ihrem Leben.

Genau diese extrem banale und vereinfachte Sündenbock-Psychologie, mit der viele Fussaq seit jeher schon versuchen, all ihre Sünden und Fehler auf andere abzuwälzen, war mitunter ein Beweggrund, den vorliegenden Text zu verfassen und auf einige Entwicklungen hinzuweisen. Dabei ist es gar nicht so wichtig, wen genau man sich nun als Schuldigen gesucht hat. Es geht vielmehr darum, auf den Schaden hinzuweisen, den so ein unislamisches Denken anrichtet – als Erstes für die Person selbst, die so etwas denkt.

Gerechtfertigt wird so ein Denken bei solchen Leuten vor allem mit dem Vorwurf, ich hätte wichtige Fragen nur eröffnet, aber nicht vollständig erklärt. Dies stürzte die Leute in den Ghuluww. Ich öffnete ihnen also die Tür zum Ghuluww und ließ sie dann einfach stehen. Alles, was diese Leute von da an falsch machten, war mein Fehler, denn – so die Idee – ich hätte diese Dinge gar nicht erst eröffnen sollen, wenn ich sie nur so allgemein stehen lassen und nicht genauer erklären kann.

Shar'an lässt sich diese Herleitung der genannten Argumentation nach eigenem Belieben aber nicht halten. Die Gelehrten, schon zur Zeit der Salaf, erklärten viele Dinge zunächst allgemein und in ihrem Ansatz – teilweise sehr allgemein. In sehr kurzen Texten, wie z. B. der 'Aqidah der Raziyyain, werden komplexe Angelegenheiten mit einigen Worten angesprochen, wie z. B. die Gruppen der Jahmiyyah und ihr Urteil – eine Angelegenheit, die bis heute heftig diskutiert wird und nach wie vor für Spaltung sorgt. Und auch um einiges später schrieb z. B. Muhammad ibnu 'Abdi l-Wahhab Texte mit extrem kurzen und allgemeinen Aussagen, wie z. B. über den Hukm und den Taghut23.

Aus ebensolchen sehr verallgemeinerten Aussagen entstanden auch tatsächlich unzählige Missverständnisse und Spaltungen unter den Menschen, die bis heute immer wieder auftreten.

Es muss aber einberechnet werden, dass die Gelehrten in der Geschichte keine Maschinen waren und kein Leben in einer Traumwelt führten. Sie alle entwickelten sich und bauten langsam eine Da'wah auf oder führten diese weiter. Sie mussten auf zahlreiche Probleme eingehen, auf neue Entwicklungen reagieren und viele Umstände bei der Erklärung berücksichtigen. Es ist in der Regel gar nicht möglich, alles auf einmal zu erklären. Es braucht Zeit und Geduld.

Die Gelehrten wollten vor allem zwei Dinge mit solchen Erklärungen:

  1. Wichtige Grundlagen vermitteln, auch wenn in dem Zuge nicht alle Details besprochen werden können.
  2. Vor weitverbreiteten Irrgedanken warnen, auch wenn in dem Zuge nicht alle Details besprochen werden können.

Und diese Ziele sind shar'an auch berechtigt. Man sollte nicht vergessen, dass der Prophet صلى الله عليه وسلم auftrug, den Menschen als Erstes das Glaubensbekenntnis zu erklären, und zwar nach der allgemeinen Methode, wie dies damals vorgenommen wurde. Dies wurde z. B. ausdrücklich in dem Hadith der Entsendung von Mu'adh ibnu Jabal in den Jemen erwähnt und es wurde von mehreren Sahabah auch genau so umgesetzt.

Die nachträgliche Forderung einiger Leute, man hätte besser gar nichts erzählen sollen, wurde mir schon deutlich mitgeteilt. Jemand schrieb mir aus seiner Frustration heraus z. B. ausdrücklich, dass sein „Niedergang“ begann, als er mit „meinen Lehren“ in Kontakt kam.

Er schrieb: „Ich war zufrieden und überzeugt, hab das Glaubensbekenntnis angenommen, versucht die Säulen umzusetzen, bin in die lokale Masjid zum Gebet gegangen und das wars. Mir war wurscht wer ein Taghut ist, wer den Tauhid nicht erfüllt, was das Urteil von diesem und jenem ist24.“

Ich fragte ihn daraufhin, ob er ernsthaft meint, dass es besser gewesen wäre, nichts über den Tauhid, den Shirk, den Taghut oder Ähnliches zu sagen, auch die grundlegendsten Dinge nicht, weil ich die Details nicht erklären konnte. Und ob es besser gewesen wäre, wenn ich auch in den letzten Jahren nichts über die Salaf und ihre Methodik erwähnt hätte, weil ich nicht jede Frage bis ins letzte Detail ausführen kann. Und ob es ihm tatsächlich lieber gewesen wäre, nie etwas von den Dingen gehört zu haben und nicht zwischen einem Grabanbeter und einem Muslim unterscheiden zu können.

Ich stellte diese Fragen, wobei eine Beschwerde dieser Art nicht wirklich anders zu verstehen ist. Die Antwort lautete: „Ob es mir lieber gewesen wäre, kann ich nicht sagen.“

Ich überlasse es jedem Leser selbst, dies zu beurteilen. Es geht mir hier auch nicht um eine spezielle Person25. In Wirklichkeit hegen viele dieselben Gedanken und leiden unter derselben Frustration, was ich auch zu einem gewissen Grad – vom Grundsatz her und nicht von den Taten und Aussagen, die manche darauf folgen ließen – nachvollziehen kann. Dabei sollte aber auch nicht vergessen werden, dass diejenigen, denen die Verantwortung zukommt, diese Inhalte zu erlernen und anderen zu erklären, ebenfalls unter den schweren Umständen dieser Zeit leiden.

An dieser Stelle sollte man sich auch erinnern an die vielen positiven Entwicklungen und Fortschritte, auf die in der Einleitung bereits hingewiesen wurde. Diese großen Sprünge in der Bewusstseinsbildung im deutschsprachigen Raum wurden – mit der Erlaubnis Allahs – dadurch eingeleitet, dass manche Leute über grundlegende islamische Themen sprachen, die bis dahin öffentlich niemand thematisierte.

Zu behaupten, man hätte lieber schweigen und absolut nichts erwähnen sollen über Tauhid und Iman, Shirk und Kufr usw. ist also schon ziemlich gewagt – vor allem für Leute, die selbst nichts erklären können und auch nie etwas zu diesem Zweck geleistet haben. Noch merkwürdiger ist aber, dass oft gerade solche Personen gleichzeitig glauben, sie müssten genau diejenigen Leute über Da'wah belehren, von denen sie selbst ja die Erklärung des Din fordern. Diese Vorgehensweise ist ziemlich widersprüchlich, aber man hört sie immer wieder.

Und wie oben schon allgemein erwähnt, ist auch in meinem Fall zu bedenken, dass ich und andere sich damals überhaupt nicht dessen bewusst waren, welche Konsequenzen auf unsere Erklärungen folgen, welche Fragen sich daraus noch ergeben und wie viele eigene Verständnisse manche Leute darauf noch aufbauen werden.

Das war für uns nicht vorhersehbar und wir hatten nicht die entsprechende Erfahrung mit diesen Dingen26. Die Absicht war zu jenem Zeitpunkt lediglich, allgemeine Dinge zu erklären, die ich und andere als deutliche Grundsätze erlernt hatten. Und ALL diese Dinge hatten wir von Leuten aus dem arabischen Raum. Nichts davon war eine Erfindung von irgendjemandem aus dem deutschsprachigen Raum.

Nach den hier zuletzt ausgeführten Dingen will ich jedoch erwähnen, dass ich die Schuld für meine eigenen Probleme und meine Fehler durchaus bei mir selbst sehe. Ich habe zweifelsohne unzählige Fehler begangen und kann Allah nur bitten, sie mir zu vergeben. Jedoch rechtfertigt das nicht für andere, alles Negative in ihrem Leben und all ihre Fehler auf eine andere Person abzuwälzen. Und es rechtfertigt auch nicht solch hochgefährliche Entwicklungen, wie die Unterlassung des Gebets usw. – das soll hier zuallererst im Interesse solcher Personen selbst erwähnt sein.

Und ich will in diesem Zusammenhang auch klar darauf hinweisen, dass ich meinerseits niemandem die Schuld für irgendetwas in meinem Leben gebe. Ich habe – soweit ich zurückdenken kann – niemals jemandem, wie Abu Maryam oder sonst jemandem, die Verantwortung für irgendwelche Entwicklungen in meinem Leben übertragen und ich denke, dass man so etwas auch allgemein unterlassen sollte.

In Bezug auf das Gesagte sollen im Folgenden nur einige Hinweise zu einzelnen Fragen gegeben werden, zu denen sich einige Leute dieser Szene im deutschsprachigen Raum eine eigene Traumwelt aufgebaut haben, in der es stets einen überragenden Shaikh und demgegenüber vielleicht einen Hauptverantwortlichen für die negativen Entwicklungen gibt. Tatsächlich ist die Sache viel komplexer und hat ihren Ausgangspunkt in der arabischen Welt und reicht bei einigen Dingen vielleicht schon viele Jahrhunderte in der islamischen Geschichte zurück.

Kapitel dieses Abschnitts

Fußnoten

  1. Siehe dazu das bereits erwähnte Buch:

    „Wer nicht nach dem richtet, was Allah herabgesandt hat …“ – Die Überlieferung von Ibnu 'Abbas „Kufr, abseits von Kufr“ aus Sicht der frühislamischen Hadith- und Tafsir-Wissenschaften

  2. Er meinte übrigens auch, dass irgendwelche angeblichen „Anhänger“ von mir, ihm viele Antworten bezüglich irgendwelcher Angelegenheiten und Einzelpersonen abverlangt hatten.

    Ich hatte niemals irgendwelche Anhänger in diesem Sinne und schon gar nicht hatte ich irgendwann jemanden beauftragt, den Menschen solche Fragen zu stellen. Im Gegenteil. Wer unsere Moschee kannte, der weiß mit Sicherheit, dass jeder dort ein und aus gehen konnte und aus Prinzip nach gar nichts gefragt wurde. Das können an sich hunderte Leute bestätigen. Wer etwas anderes behauptet, widerspricht damit der Realität.

  3. An dieser Stelle sei auch im positiven Sinne angemerkt, dass jene hier beschriebene Person dann ziemlich bald im Verlauf des weiteren Gesprächs Einsicht zeigte. Möge Allah ihm also stets Taufiq geben und uns allen immer den rechten Weg zeigen, Amin.
  4. Viele Leute entschuldigen sich selbst auch gerne mit den schweren Umständen ihrer Zeit und der Unklarheit. Wenn sie ehrlich wären, würden sie in derselben Weise auch jene Personen entschuldigen – ganz allgemein und unabhängig von meiner Person –, die über Jahrzehnte reisen und diverse Anstrengungen unternehmen, um Wissen aufzunehmen und weiterzugeben, und oft noch viel schwerere Umstände hatten als sie selbst. Viele Gelehrte in der Geschichte waren in solchen Situationen und sie erfuhren von den Menschen auch viel Unverständnis dieser Art – unabhängig von mir, der ich kein Gelehrter bin.