Was sich daraus ergibt
All diese hier genannten Dinge sind nicht einzelne Vorfälle, sondern wiederholen sich hundert- und tausendfach in den Vorträgen al-Hazimis. Was auch wie gesagt nicht verwundert, da es eine allgemeine Vorgehensweise ist, mit der heute ohnehin im Grunde jeder aufwächst.
Jedoch müssen sich Leute, die eine verzerrte Sichtweise zu al-Hazimi haben, ernsthaft fragen, inwieweit es – in Verantwortung für den Islam und eine korrekte Lehre – erlaubt wäre, zu behaupten, al-Hazimi wäre „auf dem Manhaj der Salaf“ bzw. vielleicht sogar der größte und bedeutendste Gelehrte in diesem Bezug, dem sich alle unterordnen müssten.
Und sie müssten sich die Frage stellen, inwieweit es für die muslimische, nichtstudierte Allgemeinheit erlaubt ist, sich solche Vorträge anzuhören, in denen sie unweigerlich quasi im Minutentakt Dinge hören werden, die einer konsequenten Methode nach dem Verständnis der Salaf widersprechen.
Würde man das erlauben, so müsste man auch alle möglichen Bücher mit diversen Verfehlungen für die Allgemeinheit erlauben. Genau das erlaubten die Salaf aber nicht. Tatsächlich sollte ein Mensch, der im Wissen über die Sunnah – also nicht nur in irgendwelchen Wissenschaften im Allgemeinen – nicht wirklich gefestigt ist, keinesfalls in einem Buch lesen, in dem mehrfach falsche Vorgehensweisen aufscheinen.
Es sei hier im Anschluss an den ersten oben genannten Punkt noch angemerkt, dass manche Leute glauben, al-Hazimi wäre ein 'Alim mutabahhir in allen erdenklichen Wissenschaften, also jemand, der in jedem Fach ein Großgelehrter ist. Wie gesagt neigen Anhänger von wem auch immer, besonders wenn sie selbst nicht viel Wissen haben, schnell zu solchen Übertreibungen. Es ist aber in Verantwortung für den Islam und das islamische Wissen eine Amanah, gegen solche falschen Vorstellungen vorzugehen – nicht nur in Bezug auf eine bestimmte Person, sondern in Bezug auf jeden, bei dem Leute solche Vorstellungen haben.
Diese Vorstellung wurde zudem sicher auch dadurch forciert, dass al-Hazimi selbst mehrfach darauf hinwies, dass das wahre Gelehrtentum nur darin bestünde, dass ein Gelehrter alle Wissenschaften sehr gut beherrscht. Dieser Behauptung habe ich mehrfach widersprochen. Sehr viele der bedeutenden Gelehrten der Salaf waren spezialisiert auf ein einzelnes Fach. In diesem waren sie Imame, während sie in anderen nicht so bewandert waren, vielleicht sogar als schwach galten – was nicht selten vorkam.
Jedenfalls sind Usulu l-Fiqh und arabische Grammatik das Hauptbetätigungsfeld von al-Hazimi. In die 'Aqidah stieg al-Hazimi erst später ein und heute sollte klar geworden sein, dass die 'Aqidah nicht ernstzunehmend gelernt oder gelehrt werden kann, außer von den ersten Generationen und dies war bei der Vorgehensweise al-Hazimis nicht der Fall.
In den anderen Gebieten, wie vor allem Hadith-Wissenschaft, die Einschätzung der Hadithe, die Erklärung davon, die Wissenschaft der Überlieferer, der Tafsir usw., kann man aus den Unterrichten von al-Hazimi keinesfalls schließen, dass er darin außerordentlich bewandert wäre. Wie gesagt ist dies auch nicht so ungewöhnlich, da sich die Leute im Allgemeinen immer schon auf ein oder zwei zusammenhängende Gebiete spezialisierten.
Dabei sollte jedoch als Grundsatz mittlerweile klarer geworden sein, dass eine gute Kenntnis der Sunnah, der 'Aqidah-Bücher der Salaf und ihres Tafsir eine entscheidende Grundlage für jeden Gelehrten darstellt. Wer dieses Wissen nicht besitzt und sich auf andere Gebiete spezialisiert hat, die zudem vielleicht noch in großen Teilen der Methode der Salaf widersprechen, bei dem kann kein tatsächliches Gelehrtenwissen vermutet werden.
Ahmad ibnu Hanbal z. B. war ein solcher Gelehrter, der in quasi jedem Fach ein enormes und umfassendes Wissen besaß. Irgendwelche Shuyukh dieser Zeit sind davon unglaublich weit entfernt. Würde man al-Hazimi und alle seine Lehrer zusammen in eine Waagschale geben und Ahmad in die andere, so würde Ahmad sie ohne Zweifel und bei weitem überwiegen. Das sollte einem klar sein. Das ist nicht irgendeine übertriebene Verehrung von Ahmad oder ähnlichen Gelehrten, es ist einfach eine Tatsache – wer das versteht, versteht es, wer es nicht versteht, versteht es eben nicht.
Wenn die Menschen an einem Ort kaum etwas von anderen Ländern mitbekommen und vor allem von der arabischen Welt völlig abgeschnitten sind, fixieren sie sich sehr stark auf ihr eigenes Umfeld. In so einer Situation kann das Entstehen von gewissen Traumvorstellungen im Grunde gar nicht vermieden werden. Jemand sagte mir vor relativ kurzer Zeit ernsthaft, dass er davon ausgeht, dass ich (!) und noch eine weitere Person diejenigen sind, die heute den (wahrhaften) Islam erklären und die Da'wah tragen! Er meinte offensichtlich weltweit!
Es tut mir leid, das in solcher Deutlichkeit sagen zu müssen, aber wer so etwas glaubt, der leidet wirklich an argen Verwirrungen. Wer ernsthaft glaubt, dass die weltweite Erklärung des Islam in dieser Zeit von einem mittelmäßigen Studenten des Wissens wie mir abhängig ist, der kann einem nur leidtun. So jemand muss tatsächlich sein gesamtes Weltbild korrigieren. Ich bin nur jemand, der einige Informationen zur Verfügung stellt. Wer davon einen Nutzen ziehen will, der soll dies tun. Wer dies nicht tun will, der soll es unterlassen.
Man müsste annehmen, dass sich im deutschsprachigen Raum bereits ein gewisses Bewusstsein hierfür gebildet hat. Da dies aber bei vielen nicht der Fall ist, muss man es vielleicht noch deutlicher sagen: Leute wie al-Hazimi, Abu Maryam al-Kuwaiti22 oder ähnliche Personen – von mir ganz zu schweigen – sind für die gesamtheitliche Erklärung der Lehre des Islam nicht von Interesse. Es ist falsch anzunehmen, dass die allgemeine Rechtleitung der Menschen von einzelnen Personen dieser Art abhängig ist.
Wer wissen will, wie der Islam zu verstehen ist, der sollte sich ansehen, wie die frühen Muslime ihn verstanden haben. Diese Bücher und kürzeren Schriften liegen vor. Es kann nicht sein, dass diese Leute vergessen haben, irgendeinen fundamentalen Inhalt der islamischen Grundüberzeugung, des Rechts, des Qur'an und der Lesarten, der Sirah, des Tafsir oder sonst eines Bereichs weiterzutragen und zu erläutern. Eine weitere Erklärung kann eventuell hilfreich sein, aber niemals unerlässlich oder absolut notwendig.
Und in diesem Sinne ist auch zu sagen: Wer glaubt, dass irgendein Shaikh, der sich auf Usul, Sprache und Mantiq spezialisiert hat, die letzte Hoffnung der Menschheit ist, der lebt in einer eigens konstruierten Märchenwelt, die mit der Realität nichts zu tun hat.
Auch in Bezug auf die heutige Realität und die Leute, die sich mit der Lehre und Vermittlung islamischer Inhalte beschäftigen – es gibt Zehntausende solcher Personen –, wäre so eine Annahme absurd. Wer sich einen Überblick machen will über die verschiedenen Auffassungen, kommt niemals umhin, sich die Inhalte solcher Leute ebenfalls anzusehen. Alles andere ist eine Illusion.
Fußnoten
- Ganz allgemein ist zu sagen, dass die Aneinanderreihung einiger Namen in dieser Schrift und ihre Erwähnung im selben Kontext nicht aussagt, dass diese Personen hinsichtlich ihres Wissensstands gleich sind. Es wurde aus dem bisher Gesagten schon klar, dass sich die einzelnen Personen in ihren wissenschaftlichen Ausrichtungen teils stark unterscheiden, was einen Vergleich ohnehin schwer macht. In den Gebieten ihrer Konzentration konnten sie aber sicherlich ein größeres Wissen ansammeln. Dies sieht man auch an ihrer langjährigen Vortragstätigkeit und den zahlreichen Aufnahmen.
So konzentrierte sich al-Hazimi z. B. auf die arabische Grammatik und ist darin auch entsprechend bewandert. Ebenso sind auch al-Khudair und al-Ghunaiman in ihren Betätigungsfeldern bewandert. Beide verfassten zudem neben ihrer Lehrtätigkeit auch mehrere Bücher und wirkten – wie vor allem al-Ghunaiman – im akademischen Bereich bei mehreren Publikationen mit. ↩