Antwort auf Fragen bezüglich al-Hazimi
Nach diesen einleitenden Erklärungen nun einige Hinweise zur Methode von al-Hazimi, da wie gesagt mehrfach die Frage aufgeworfen wurde, wie er bzw. seine Methode nun einzuschätzen sei:
- Die überwiegende Tätigkeit von al-Hazimi bewegte sich viele Jahre im Grunde im Bereich Usulu l-Fiqh (Grundlagen des islamischen Rechts) und in Werkzeugwissenschaften, die diesem Ziel dienen – wie vor allem der arabischen Sprache – oder zumindest aus seiner Sicht notwendig sind, wie vor allem Al-Mantiq, also Philosophie14.
Al-Hazimi betrachtet(e) das Erlernen der Philosophie als Notwendigkeit, als notwendiges Mittel zum Zweck, um die obengenannte Usul-Wissenschaft zu erlernen. Ein großer Teil der Tätigkeit von al-Hazimi dreht sich deshalb um das Unterrichten von Texten und Büchern über die Regeln der Philosophie. Al-Hazimi vertritt (bzw. vertrat zumindest) die Ansicht, dass dies gerechtfertigt und nötig wäre, solange man nur das davon nimmt, was – seines Erachtens – nicht schädlich sei.
Die meisten im deutschsprachigen Raum haben von solchen Dingen aufgrund ihrer Entfernung von der arabischen Sprache keine Ahnung. Da sie keinen Zugang zu den Vorgängen in der arabischen Welt haben, besteht die gesamte Welt in der Vorstellung vieler Personen in diesen Ländern nur aus einigen deutschsprachigen Telegram-Kanälen. Wem diese oben in Bezug auf al-Hazimi erwähnten Dinge nicht klar sind, der kann sich auf seiner Webseite ein eigenes Bild verschaffen. Dort wird er eine gesamte Rubrik über Unterrichtsreihen zu Al-Mantiq und eine weitere über Usulu l-Fiqh nach der Methode der Mutakallimin (Philosophen) finden15.
Man sollte auch verstehen, dass die Wissenschaft des Usulu l-Fiqh schon ziemlich am Anfang völlig von der Philosophie durchzogen war, mehr als irgendeine andere Wissenschaft. Wer sich darin also vertieft nach der Methode der Mutakallimin, der kommt im Grunde gar nicht umhin, sich auch in Al-Mantiq zu vertiefen.16
In der Schrift „Die Schmähung der Philosophie“ habe ich ausreichend erklärt und durch Aussagen der Salaf gezeigt, warum dies von Grund auf abzulehnen ist und von den Salaf auch klar abgelehnt wurde. Wer so vorgeht, kann also nicht auf der korrekten Methode der Salaf, dem Manhaj der Salaf sein.
- Der Versuch, wichtige islamische Fragen, egal in welchem Bereich, aber insbesondere in der 'Aqidah, zu erklären, ohne dabei konsequent zu den Salaf zurückzukehren, ist zum Scheitern verurteilt. Wer nur oder hauptsächlich von den Muta'akhirin zitiert, der ist als Quelle und Bezugspunkt für das Erlernen des Islam untauglich, egal um wen es sich handelt, da fehlerhafte Ansichten auf diesem Weg vorprogrammiert sind.
Al-Hazimis Vorgehensweise ist in diesem Punkt die bei den meisten Menschen dieser Zeit nach wie vor übliche. Der gesamte Islam wird eigentlich nur von den Muta'akhirin gelernt. Selbst wenn es sich um Leute handelt, die noch am ehesten versuchten, ihr Wissen an jenes der Salaf anzulehnen, ist es noch weit von einer tatsächlichen Rückkehr zu den Salaf entfernt.
Deshalb sieht man bei al-Hazimi eigentlich nur die Anführung von Aussagen der Muta'akhirin. Die seltene Erwähnung von Aussagen der Salaf, z. B. innerhalb eines Zitats von einem anderen Autor, dient dabei nicht als Basis für die Argumentation, sondern wird nur nebenbei erwähnt und dies wie gesagt auch nur selten.
- Al-Hazimi argumentierte zudem eigentlich ganz allgemein, auch in heiklen Fragen, direkt mit den Texten des Qur'an und der Hadithe, ohne auf die Auslegung der frühen Gelehrten Bezug zu nehmen. Wie gesagt, ist dies die allgemeine Vorgehensweise bei ihm. Es ist klar, dass jemand, wenn er bereits von Ibnu Kathir vorliest, was hier und da bei al-Hazimi vorkam, dadurch manchmal auch Aussagen der Salaf erwähnt17.
Es geht hier jedoch darum, dass sich al-Hazimi und eigentlich mehr oder weniger die gesamte zeitgenössische Salafiyyah ganz allgemein völlig damit begnügt, etwas selber aus dem Qur'an herzuleiten. Wenn dies von jemandem umgesetzt wird, ist es heute eigentlich nicht mehr nötig, dieses gewonnene Verständnis mit den Aussagen der Salaf zu untermauern. In Wirklichkeit dürfte man das selbst gewonnene Verständnis gar nicht erst untermauern, sondern müsste von Anfang an den Tafsir der Salaf gut kennen, bevor man überhaupt ein eigenes Verständnis entwickelt.18
Um diesen Punkt drehen sich die beiden zuletzt erschienenen Bücher:
- „Wer nicht nach dem richtet, was Allah herabgesandt hat …“ – Die Überlieferung von Ibnu 'Abbas „Kufr, abseits von Kufr“ aus Sicht der frühislamischen Hadith- und Tafsir-Wissenschaften
- Erklärung des Vorworts zum Tafsir von Ibnu Abi Hatim ar-Razi – Eine Einführung in die Tafsir-Wissenschaft und die frühe Tafsir-Überlieferung
Wenn al-Hazimi also über die Bara'ah von den Mushrikin, über den sogenannten „'Adhir“, über das Verlangen der Shafa'ah, den Tahakum oder sonstiges sprach, so war die Basis der Argumentation niemals die Aussage der Salaf. Wer das Gegenteil behauptet, der hat entweder keine Ahnung von seinen Unterrichten oder er spricht absichtlich die Unwahrheit.
In vielen dieser Angelegenheiten wiederholte sich al-Hazimi zudem in extremer Art und Weise, ohne letztlich wirklich Antworten zu geben oder zu den entscheidenden Punkten zu kommen. Wobei er immer wieder versprach, alles aufzuklären, und nicht müde wurde, zu bekräftigen, dass es sich ohnehin um das Klarste in der Welt handle, was jeder Muslim wissen müsste, kam es dann in der Regel nicht zu jener völligen Aufklärung. Ganz zu schweigen von dem Problem, sich in der Argumentation nicht voll und ganz auf die Aussagen der Salaf zu stützen.
Es war nicht nur mein persönlicher Eindruck, sondern der Eindruck vieler Leute, dass al-Hazimi die Dinge derart oft wiederholte19 – ich kenne niemand anderen, der dies so extrem praktizierte –, ohne letztlich auf die wichtigen Argumente und Gegenargumente einzugehen. Dies machte es teilweise schwer möglich, seine Unterrichte überhaupt noch zu hören.
Man mag meinen, dass dies einfach eine Eigenheit in der Art des Unterrichtens einer Person ist, aber dem ist nicht so. Es ist ganz klar, dass sich dieses ständige Im-Kreis-Drehen letztlich aus der Methode von al-Hazimi ergab. Das Anführen der Aussagen der Salaf und die Erklärung des Inhalts wären zielführender gewesen. Fängt der Mensch jedoch an, Dinge selbst herzuleiten, muss er durch viel Wiederholung und die Erwähnung irgendwelcher konstruierter Usul-Regeln versuchen, seine Aussage zu bekräftigen und den Zuhörer zu überzeugen. Auf diesem Weg entsteht ein wirrer, letztlich philosophischer Kalam, der von der Einfachheit und Klarheit der Salaf meilenweit entfernt ist20.
- Bei mehreren Themen, die al-Hazimi aufgeworfen hatte, stellt sich neben der Methode von Grund auf die Frage, wer diese Angelegenheiten vor ihm in dieser Art überhaupt schon einmal aufgeworfen hatte. Die vermehrte Rede über gewisse Fragen und die Formulierung anderer, neuer Fragestellungen, die von den Salaf in dieser Form nicht bekannt waren, sind problematisch und können niemals zielführend sein.
Es kann nicht sein, dass die Gelehrten der Salaf, die hundert- und tausendfach wissender waren, diese Dinge nicht erklärten, wenn es sich tatsächlich um so wichtige Grundfragen handelt. Es kann nicht sein, dass jemand in der heutigen Zeit solche Dinge mit seinem Usul-Wissen selbst aus dem Qur'an herleitet. Nicht umsonst wird immer wieder von den Salaf zitiert, man solle nichts sagen, für das man keinen Imam hat, der dies vorher schon formuliert hat.
- Auch in Bezug auf den Umgang mit den abgeirrten Gelehrten der diversen Sekten der späteren Jahrhunderte teilt al-Hazimi voll und ganz die Methode der allgemeinen Salafiyyah – wenn man so will, der Mainstream-Salafiyyah. (All dies wie gesagt nur in Bezug auf seine Vorträge, die über Jahre hinweg aufgenommen wurden. Ob dies sich mittlerweile schon geändert hat, wie es manche vermuten, darüber habe ich keine Kenntnis.)
Al-Hazimi benennt diese Leute in hohem Lob als Imame und spricht den Tarahhum21 auf sie, ganz egal, wie gravierend viele dieser Leute dem Islam nach dem frühen Verständnis der Salaf widersprachen.
Fußnoten
- Viele Leute verstehen die gesamte Problematik der Philosophie im islamischen Kontext nicht. Im Großteil der islamischen Welt und ihrer Lehreinrichtungen wird sogenannte „islamische Philosophie“ gelehrt. Dies geht so weit, dass „'Ilmu l-Kalam“, also Philosophie, in den meisten Lehreinrichtungen heute als Synonym für die islamische Glaubenslehre ('Aqidah) benutzt wird!
Darüber hinaus gibt es bei vielen Leuten, vor allem im deutschsprachigen Raum, eine Verwirrung um das Wort Mantiq. Das arabische Wort Al-Mantiq kommt im Qur'an (27:16) in der Bedeutung von „Sprache“ vor. Im heutigen Sprachgebrauch wird das Wort häufig auch in der Bedeutung von „Logik“ verwendet.
Leute, die keinen Einblick in solche Dinge haben, empfinden deshalb schnell als problematisch, wie man Logik ablehnen kann. Solche Leute verstehen wie gesagt die ganze Problematik nicht. Deshalb glauben sie, wer Al-Mantiq ablehnt, der würde dadurch jeden logischen Denkvorgang ablehnen, was natürlich in hohem Maße absurd ist.
Natürlich hat kein Gelehrter jemals abgelehnt, seinen Verstand zu benutzen und verstandesmäßige Beweise zu verwenden. Dass Eins und Eins Zwei ergibt, die Folge nach der Ursache kommt, eine Summe größer ist als die einzelnen Bestandteile usw., solche Dinge sind selbstverständlich. Die Problematik entstand hingegen dort, wo die (nicht)islamischen Philosophen versuchten, alle Glaubensinhalte, wie z.B. die Eigenschaften Allahs, durch ihren Verstand zu erforschen. Dabei gingen sie so weit, nicht nur die textuellen Beweise von Anbeginn zu ignorieren, sondern ihnen sogar deutlich zuwiderzuhandeln, wenn sie ihrer „logischen“ Ableitung widersprachen.
Es kann hier nicht genauer auf dieses Thema eingegangen werden, aber aus diesem Hinweis sollte völlig klar geworden sein, dass niemand von den Salaf oder den Gelehrten nach ihnen vernünftiges Denken und verstandesmäßige Beweisführungen von Grund auf ablehnte. ↩
- Die Webseite ist offenbar zum aktuellen Zeitpunkt offline. Sie war aber viele Jahre online und die genannten Audio-Erklärungen sind darüber hinaus überall im Internet zu finden, so z. B. in Youtube. ↩
- Was übrigens nicht heißt, dass die Regeln zur Rechtsableitung an sich ein Problem wären. Diese Regeln waren immer schon vorhanden. Die Sahabah رضي الله عنهم erlernten diese Regeln durch die direkte Anwendung vom Propheten صلى الله عليه وسلم und wendeten sie auch selbst an.
Und auch die ersten Gelehrten, die solche Regeln schriftlich niederlegten, wie Ash-Shafi'i, taten dies nicht nach einer verwerflichen Methode und sagten sich zudem ausdrücklich von der Philosophie los. An diesem Wissen an sich ist also nichts Falsches und es ist grundsätzlich auch nützlich und erforderlich. ↩
- Das heißt übrigens nicht, dass Ibnu Kathir wegen der bloßen Erwähnung der Aussagen der Salaf auch in jedem Punkt mit dem Tafsir der Salaf übereinstimmt, wie viele annehmen. Es heißt ebenso nicht, dass der Tafsir von Ibnu Kathir von Grund auf und in jedem oder fast jedem Punkt den Salaf widerspricht.
Dies ist jedoch nicht Thema der vorliegenden Schrift. Es geht bei dieser Anmerkung vielmehr darum, dass man vorsichtig sein sollte, Dinge als Grundannahmen zu übernehmen, nur weil sie heute von der Mehrheit so vertreten werden. ↩
- Selbstverständlich kann man viele allgemeine Inhalte des Qur'an verstehen, indem man den Text liest, da diese durch die bloße sprachliche Kenntnis bereits klar werden. Im Besonderen gilt das natürlich für denjenigen, der den Text in seiner ursprünglichen arabischen Sprache lesen – und auch verstehen – kann.
Ganz grundsätzlich kann man sich aber auf diese Verständnisse nicht voll und ganz verlassen und auf eine Rückkehr zum Verständnis der Salaf nicht verzichten. Ein erstes Problem dabei besteht z. B. schon in der Schwäche der meisten Menschen heute im Verständnis der arabischen Sprache und in der Entfernung der zeitgenössischen Sprache vom damals gesprochenen Arabisch.
Wer sich vom Verständnis der frühen Generationen entfernt oder es bewusst nicht in Betracht zieht, bei dem sind Fehler im Verständnis vorprogrammiert. Im Besonderen gilt dies natürlich für komplexere Fragen, Rechtsableitungen, Angelegenheiten, bei denen es zu starken Meinungsunterschieden kam, usw.
In dem Buch über die Grundlagen des Tafsir bin ich in eigenen Kapiteln darauf eingegangen, dass man durchaus vieles aus dem Qur'an verstehen kann und in welchem Kontext das hier Gesagte zu verstehen ist.
Ganz und gar nicht bedeutet das Gesagte, dass man den Qur'an beiseitelegen könnte und sich stattdessen nur mit den Aussagen der Salaf befassen sollte – wa-l-'Iyadhu billah.
Es gibt hier also keineswegs eine Ähnlichkeit zu irgendwelchen Leuten, die den Menschen verbieten, irgendetwas eigenständig aus dem Qur'an zu verstehen, weil man ihn angeblich nur durch ihre späteren und zeitgenössischen Gelehrten verstehen könne. Nicht selten führt diese extremistische Gelehrtenverehrung bei solchen Leuten dazu, dem Qur'an deutlich zu widersprechen und z.B. den Shirk zu erlauben. Wenn man sie damit dann konfrontiert, lautet die Antwort sofort: „Du kannst den Qur'an nicht selbstständig verstehen. Das konnten nur die Gelehrten.“
So etwas ist völlig absurd und kann überhaupt nicht verglichen werden mit jemandem, der sich das Verständnis der Salaf zur Hilfe nimmt, um den Qur'an besser und richtig zu verstehen.
Es muss doch völlig klar sein, dass diese Leute, die damals zur Zeit der Herabsendung oder kurz danach lebten, die Sprache des Qur'an und seine Inhalte unzählige Male besser verstanden hatten als wir heute. Um sicherzustellen, dass man diesem alten Verständnis nicht widerspricht, muss man sich demgemäß versichern und ein richtiges Verständnis von jenen ersten Generationen beziehen.
Wer immer eigenständig herumargumentiert und „großartige“ Ableitungen unabhängig von den Salaf anstellt, der kann diesen grundlegenden Punkt nicht richtig verstanden haben. Das hat nichts mit irgendeiner Art von Sufi-Extremismus zu tun. Für ein besseres Verständnis dieser Angelegenheit verweise ich also nochmals auf die beiden Bücher zum Thema Tafsir, die in diesem vorliegenden Buch mehrfach genannt werden. ↩
- vor allem auch jene Dinge, die ohnehin völlig klar und an sich jedem in der Salafiyyah bekannt waren ↩
- Dies merkt man z. B. sofort, wenn man die Vorträge von al-Hazimi mit jenen von Abdurrahman al-Hijji vergleicht. Auch wenn man nicht alle Aussagen von al-Hijji teilt, aber durch die Bindung an die Texte der Salaf und an den Wortlaut des jeweils erklärten Buches sind die Vorträge von al-Hijji und ähnlichen Leuten tatsächlich eine andere Welt. Aber auch im Vergleich mit den Vorträgen und Publikationen von Leuten wie 'Aliyy al-Khudair und Abdullah al-Ghunaiman wird dieser Unterschied bereits sehr deutlich. ↩
- sagt also: „Rahimahullah / Möge Allah sich seiner erbarmen.“ ↩