Gründe, warum der Tafsir und andere Wissensgebiete in dieser Art überliefert wurden
Es gibt mehrere Gründe, weshalb der Tafsir und einige andere Wissensgebiete in dieser Art überliefert wurden. Davon können im Folgenden einige wichtige genannt werden:
- Ein Grund besteht darin, dass der Tafsir unter den Salaf durch ihre ständige Beschäftigung und Auseinandersetzung mit dem Qur'an allgemein bekannt war, da das Wissen des Tafsir eng mit dem Qur'an verbunden ist, der von den Muslimen konsequent gelesen, gelernt und gelehrt wurde.
Die Tafsir-Gelehrten waren auf ihr Wissensgebiet spezialisiert und konzentrierten sich sehr auf das Erlernen und Weitergeben der Auslegung des Qur'an. Bei diesen Auslegungen handelte es sich meistens nicht um Aussagen des Propheten صلى الله عليه وسلم selbst, sondern um Aussagen der Prophetengefährten und der ihnen folgenden Generationen. Bei der Überlieferung dieser Auslegungen ging es den Gelehrten des Tafsir primär um die Bedeutungen und Inhalte und weniger um den Wortlaut.
- Die Gelehrten gaben diese Bedeutungen von einer Generation an die nächste weiter. Diese Auslegungen und ihre Bedeutungen waren unter der Gelehrsamkeit über das gesamte damalige, sehr großräumige islamische Reich bekannt. Wenn es unterschiedliche Meinungen gab, wurden auch diesen gelernt, gelehrt und diskutiert. Jedenfalls waren die gängigen Meinungen aber im Allgemeinen verbreitet und bekannt.
- Wie gesagt waren die Gelehrten des Tafsir Spezialisten in ihrem Fachgebiet. Aufgrund ihrer Konzentration auf den Tafsir, waren sie häufig nicht unbedingt auch Gelehrte in der Wissenschaft der Überlieferung. Trotzdem handelt es sich auch bei diesen Wissenschaften um überliefertes Wissen.
Ebenso verhielt es sich mit anderen Wissensgebieten, wie den schon erwähnten Maghazi und vor allem auch der Sirah. Ein Gelehrter konnte bei den Hadith-Gelehrten hinsichtlich seiner Überlieferung und Kenntnis von Überlieferungsketten als „schwach“ gelten, während sie ihm gleichzeitig bekundeten, in seinem eigenen Wissensgebiet ein Imam, also ein führender Gelehrter zu sein. In den erwähnten Wissensgebieten kommt dies häufig vor. Dieselben Hadith-Gelehrten bezeugten also die führende Rolle solcher Personen in ihrem jeweiligen Wissensgebiet und die allgemeine Richtigkeit und Authentizität ihrer Aussagen in diesem Gebiet.
Ein weiteres Beispiel hierfür ist das Wissensgebiet der Rezitation des Qur'an und seiner verschiedenen Lesarten (al-Qira'ah / al-Qira'at). Gerade weil diese Gelehrten sich auf ihr Gebiet spezialisierten, konnten sie sich häufig kein umfassendes Wissen über die Überlieferungsketten und die einzelnen Überlieferer aneignen. Wie bereits erwähnt, ist dies für die Weitergabe ihres Wissens aber auch gar nicht erforderlich, da diese Gebiete, wie z. B. die Qur'an-Lesung, praktisch von einer Generation von Gelehrten an die nächste weitergegeben wurden. Überlieferungsketten existieren zwar in all diesen Bereich auch und sie haben ihren Nutzen und ihre Wichtigkeit, jedoch im Sinne einer Stütze und Bekräftigung, nicht im Sinne der einzigen Grundlage, auf die man sich bei der Überlieferung stützt.
- Ein weiterer Grund ist, dass das Wissen des Tafsir schon früh niedergeschrieben wurde. Der erste umfassende Tafsir, der uns heute erhalten ist, stammt von Muqatil ibnu Sulaiman, der in der Mitte des zweiten Jahrhunderts, im Jahr 150 n. H. verstorben ist. Muqatil wurde in der Hadith-Überlieferung als schwach eingestuft, der Inhalt seines Tafsir wurde aber von einigen namhaften Gelehrten der Salaf gelobt und auch von ihnen herangezogen. Diese Gelehrten wussten, dass die Formulierungen von Muqatil ibnu Sulaiman sich mit den bekannten Auslegungen decken und ihnen nicht widersprechen. Der Tafsir von Muqatil umfasst den gesamten Qur'an. An diesem Beispiel sieht man, wie bereits erwähnt wurde, dass der Tafsir des Qur'an schon sehr früh schriftlich festgehalten wurde. Die Inhalte waren also schon sehr früh in der Gelehrsamkeit verbreitet, bekannt und zugänglich.
Ebenso der Tafsir von Mujahid ibnu Jabr. Die Auslegungen von Mujahid sind heute – wie bereits erwähnt – ebenfalls zu einem großen Teil erhalten, wenn auch nicht in einem Stück, sondern in den Büchern späterer Mufassirin, wie beispielsweise Ibnu Abi Hatim und at-Tabari, die von Mujahid häufig überliefern.
- Zahlreiche Inhalte des Tafsir wurden von mehreren Tafsir-Gelehrten in derselben Art überliefert. Die unterschiedlichen Aussagen stützen sich gegenseitig, weshalb es absurd wäre, jede einzelne Überlieferung von Grund auf abzulehnen, weil sich darin mäßige Schwächen befinden.
- Es ist zu beachten, dass sich die Schwächen in den Überlieferungsketten unterscheiden. Eine Schwäche kann sehr gravierend sein. Andererseits gibt es auch Überlieferer mit sehr geringfügigen Schwächen, wie beispielsweise gelegentlichen Verwechslungen. Die namhaften Gelehrten des Tafsir und anderer Wissensgebiete überlieferten bewusst nicht von Leuten, mit sehr ausgeprägten Schwächen. Deshalb mieden diese Gelehrten z. B. Leute, die als Lügner bekannt waren oder der Lüge bezichtigt wurden. Hierfür wurde zuvor schon Muhammad ibnu s-Sa'ib al-Kalbi als bekanntes Beispiel genannt.
- Ein weiterer wichtiger Grund dafür, dass der Tafsir häufig nicht mit einwandfreien Überlieferungsketten überliefert wurde, ist, dass die Auslegung des Qur'an oft mit der arabischen Sprache zusammenhängt. Es wurde bereits verdeutlicht, dass ein großer Teil der Bedeutungen des Qur'an von den frühen Arabern durch das bloße Sprachverständnis verstanden wurde. Selbst wenn die Bedeutung einer Stelle nicht durch die bloße arabische Sprache vollständig erfasst werden konnte, baute sie doch darauf auf.
Diese sprachlichen Bedeutungen wurden mit dem Qur'an zusammen überliefert, ebenso wie die arabische Sprache selbst. Daran sieht man, dass nicht alle Wissenschaften mit Überlieferungsketten überliefert werden können, genauso, wie auch nicht für jedes Wort der Sprache eine Überlieferungskette vorliegt. Trotzdem besteht kein Zweifel darin, dass es sich um die ursprüngliche arabische Sprache handelt.
Vor allem in der heutigen Zeit sieht man verstärkt die Tendenz, nach Schwächen in alten Tafsir-Überlieferungen zu suchen und diese daraufhin abzulehnen. Es ist jedoch absurd, wenn jemand eine sprachliche Auslegung eines Prophetengefährten verwirft, wobei diese sogar mit einer Überlieferungskette überliefert wurde, und sich danach auf die Erklärung in einem Wörterbuch stützt, die überhaupt keine Kette aufweist!
Zudem wurde eine solche Aussage eines Prophetengefährten im konkreten Bezug zum jeweiligen Ausdruck im Qur'an getätigt. Das Verständnis jener frühen Gelehrten für die Sprache und für den Kontext des jeweiligen Textes war unvergleichlich besser. Es ist grotesk, dieses Verständnis zu verwerfen, dann aber eine vom qur'anischen Text unabhängige Erklärung in einem Wörterbuch heranzuziehen und diese dann noch mit dem eigenen unterentwickelten Verständnis für Sprache und Kontext auf den Qur'an anzuwenden!
- Viele Tafsir-Überlieferungen wurden nicht vereinzelt, sondern in schriftlichen Sammlungen weitergegeben, den sogenannten Nusakhu t-Tafsir. Diese Schriften lassen sich heute daran erkennen, dass viele Überlieferungen mit demselben Isnad zu einem Gelehrten zurückgeführt werden.
Für solche schriftlichen Sammlungen galten stets andere Richtlinien hinsichtlich ihrer Authentizität, da bei der Weitergabe einer Schrift zwar die allgemeine Rechtschaffenheit zweifelsohne gegeben sein muss, aber keine Fähigkeiten für die Weitergabe der einzelnen Texte aus dem Gedächtnis erforderlich sind. Die Nusakh des Tafsir waren damals unter der Gelehrsamkeit bekannt und die Gelehrten stützten sich auch auf jene Sammlungen, die bei ihnen durch den Vergleich mit anderen Überlieferungen und Sammlungen als vertrauenswürdig galten.
In diesem Umstand liegt auch eine starke Bekräftigung der Authentizität der Tafsir-Überlieferungen im Allgemeinen, da die Schriftsammlungen zeigen, wie die Lehre des Tafsir bei den damaligen Gelehrten bekannt und verbreitet war. Es handelte sich also keineswegs um vereinzelte Überlieferungen, die aus dem Verborgenen zu Tage gefördert werden mussten. Das Gegenteil war der Fall. Es gab bekannte Schulen mit zahlreichen namhaften Gelehrten, die abgesehen von ihren Lehrern auf bekannte schriftliche Sammlungen zurückgreifen konnten. Klarerweise bedeutet dies nicht, dass jede Sammlung oder jede einzelne Überlieferung deshalb als unzweifelhaft betrachtet werden müsste. Aber im Allgemeinen und besonders bei Schriftsammlungen, die bei den bedeutenden Gelehrten und Fachleuten als authentisch galten und auf die sie sich deshalb in ihren Werken stützten, hat dieser Punkt großes Gewicht.