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Der frühere Umgang mit mäßigen Schwächen in den Überlieferungen des Tafsir und der Unterschied zur gegenwärtigen Vorgehensweise

Hauptteil · Volltext-Kapitel aus dem Buch Erklärung des Vorworts zum Tafsir von Ibnu Abi Hatim ar-Razi · Als PDF lesen

Das Wissen des Tafsir wurde nahtlos von einer Generation an die nächste weitergegeben, ebenso wie der Qur'an selbst und wie auch z. B. das islamische Recht. Wenn sich die frühen Gelehrten in einer Angelegenheit einig waren, ist es undenkbar, dass sie damit alle falsch lagen – selbst, wenn sie sich bei der Weitergabe des jeweiligen Inhalts unter anderem auch auf eine Überlieferung stützten, die in ihrer Überlieferungskette gewisse Schwächen aufweist.

Diese Gelehrten, beispielsweise des islamischen Rechts, der Sirah oder des Tafsir, stützten sich eben nicht ausschließlich auf die jeweilige Überlieferung, sondern auf das einheitliche, gemeinschaftliche Wissen über diesen jeweiligen Umstand. Deshalb wäre es auch absurd, in derartigen Fällen rückblickend solche damals einheitlich vertretenen Inhalte abzulehnen, weil man meint, irgendwelche Schwächen in einigen Überlieferungsketten erkennen zu können. Seit ca. 50 Jahren verbreitet sich aber genau dieses Vorgehen in der islamischen Szene weltweit immer mehr.25

Die Anfänge dieser Entwicklung liegen aber schon lange zurück. Schon bald in der islamischen Geschichte begann man sich immer mehr von den frühen, überlieferten Auslegungen loszulösen und stattdessen das eigene Sprachverständnis und die eigenen Ansichten für das Verständnis des Qur'an heranzuziehen. Deshalb sieht man, dass der überwiegende Großteil der Tafasir, die im letzten Jahrtausend verfasst wurden, fast gänzlich auf eigenen Gedanken des Autors beruhen. In solchen Tafasir findet man häufig kaum etwas von den Aussagen der Salaf, die eigentlich den Tafsir ausmachen sollten.

Es fanden zwar gelegentlich Versuche statt, eine Rückbesinnung zu den Salaf zu vollziehen, allerdings sieht man auch in diesen Tafasir immer wieder, dass Aussagen der Salaf unter dem Vorwand abgelehnt werden, dass diese nicht richtig überliefert seien. Nicht selten werden – damals wie heute – jene Überlieferungen als richtig befunden, die sich mit dem eigenen Verständnis decken und diejenigen als schwach abgelehnt, die dem eigenen Verständnis widersprechen.

Häufig werden Tafsir-Überlieferungen auch abgelehnt mit der Behauptung, es handle sich um sogenannte Isra'iliyyat26. Ebenso wie beim Vorwand der Schwächen in den Überlieferungsketten, wird auch die Angelegenheit der Isra'iliyyat häufig benutzt, um Tafsir-Überlieferungen abzulehnen.

Es ist klar, dass nicht jede Überlieferung einfach so angenommen werden kann. Auch die frühen Bücher und Sammlungen von Überlieferungen an sich unterscheiden sich in ihrer Wertigkeit. Zweifelsohne gibt es viele Überlieferungen in den unterschiedlichen Büchern, die berechtigterweise wegen ihrer Schwäche abzulehnen sind – darunter befinden sich mit Sicherheit auch diverse Isra'iliyyat. Jedoch werden solche Dinge zunehmend verwendet, um viele Inhalte des Tafsir, der Sirah und anderer Wissenschaften in großem Umfang abzulehnen. Darunter auch Inhalte, die zahlreich und einheitlich von den Salaf überliefert wurden.

In dieser kurzen Einführung kann nicht in größerem Detail auf die Unterschiede zwischen der früheren und späteren Vorgehensweise in diesem Bezug eingegangen werden. Es gibt zu diesen Fragestellungen eine weitgehende zeitgenössische Diskussion unter den heutigen Autoren zu den verschiedenen Wissenschaften des Tafsir. Zweifelsohne erfordert die Aufarbeitung dieser und ähnlicher Fragen über die Tafsir-Wissenschaft eine eingehende und besonnene Befassung mit den Quelltexten des Tafsir und seiner frühen Wissenschaften. Jedoch sollte hier auf diese Problematik und ihre tiefgreifenden Konsequenzen hingewiesen werden.

Das in dieser Einführung Gesagte sollte einen Überblick geben, wie der Tafsir überliefert wurde und welche grundlegenden Dinge in den Tafsir-Wissenschaften zu beachten sind. Das Ziel ist dabei, dem Leser den Zugang zum Tafsir zu erleichtern, auf verbreitete Missverständnisse hinzuweisen und diese – soweit in diesem Rahmen möglich – auszuräumen. Auf diesem Wege sollten die vorangegangenen Erläuterungen auch dazu dienen, das Verständnis der folgenden Erklärung des Vorworts von Ibnu Abi Hatim ar-Razi zu erleichtern.

Fußnoten

  1. Es wurde zuvor bereits darauf hingewiesen, dass auch die Kommentare der heutigen Druckausgaben des Tafsir von Ibnu Abi Hatim in dieser Hinsicht sehr kritisch zu betrachten sind. ↩
  2. Abgeleitet vom Begriff Banu Isra'il, der wörtlich „das Volk von Israel“, also die Juden beschreibt. Es sind hier allgemein die Aussagen der Ahlu l-Kitab, also der „Leute der Schrift“ gemeint, der Juden und Christen. Überwiegend handelt es sich aber um jüdische Erzählungen.

    Bei den Isra'iliyyat handelt sich um Erzählungen der Israeliten, die nicht mit Überlieferungsketten überliefert wurden und nicht als vertrauenswürdig gelten, da sie über die Generationen zu einem großen Teil verfälscht wurden. Alleine die fehlenden Überlieferungsketten über einen langen Zeitraum hinweg machen es unmöglich die Authentizität der Aussagen zu verifizieren. Die Gelehrten sahen es allerdings als legitim an, Dinge von den Isra'iliyyat zu überliefern, wobei sie sich auf einen bekannten Hadith des Propheten صلى الله عليه وسلم stützen, der dies im Allgemeinen erlaubt.

    Diese Isra'iliyyat werden im Allgemeinen in drei Kategorien eingeteilt und von der islamischen Gelehrsamkeit auf folgende Weise behandelt: •

    Berichte, die sich mit dem Qur'an und der Sunnah decken, von denen wir also mit Sicherheit wissen, dass sie der Wahrheit entsprechen. •

    Andere, die dem Qur'an und der Sunnah klar widersprechen, von denen wir also klar wissen, dass sie verfälscht wurden und nicht der Wahrheit entsprechen. •

    Überlieferungen, die dem Qur'an und der Sunnah zwar nicht widersprechen, für deren Bestätigung wir aber auch keinen Beweis haben. Diese darf man weder leugnen, noch für wahr befinden. ↩