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Kapitel des Buchs: Erklärung des Vorworts zum Tafsir von Ibnu Abi Hatim ar-Razi · Als PDF lesen

Aussagen der frühen Gelehrten über ihre Vorgehensweise bei der Überlieferung des Tafsir

Die Überlieferung des Tafsir unterscheidet sich, ebenso wie die Sirah21 oder die Maghazi22, stark von jener der Hadithe23. Diese Wissenschaften wurden von ihren Fachleuten und Gelehrten auf eine eigene Art und Weise überliefert. In diesem Bezug wird häufig eine Aussage von Ahmad ibnu Hanbal erwähnt, die z. B. al-Khatibu l-Baghdadi – mit seiner Überlieferungskette – folgendermaßen überliefert:

ثَلَاثَةُ كُتُبٍ لَيْسَ لَهَا أُصُولٌ: الْمَغَازِي وَالْمَلَاحِمُ وَالتَّفْسِيرُ

Drei Bücher haben keine Grundlage:

• Die Maghazi (die Feldzüge, ihre Geschichte und Chronologie)

• Die Malahim (die Fitan, Heimsuchungen, zukünftigen Kriege und Katastrophen)

• Der Tafsir.

Al-Khatibu l-Baghdadi überliefert diese Aussage in seinem Buch Al-Jami'u li-Akhlaqi r-Rawi wa Adabi s-Sami' und erklärt im Anschluss seine Ansicht, man müsse diese Aussage so verstehen, dass sie sich auf gewisse Werke bezieht.

Die meisten verstehen die Aussage aber allgemein, und zwar in dem Sinne, dass diese Wissenschaften mit nicht so starken Ketten bzw. auch oft durch Marasil überliefert wurden. Die sogenannte Mursal-Überlieferung (Pl. Marasil) ist eine Überlieferung, bei welcher der anfängliche Teil des Isnad, also der Beginn und somit die Grundlage nicht ausdrücklich erwähnt wurde. Überliefert ein Tabi'i direkt vom Propheten صلى الله عليه وسلم, ohne dabei den Prophetengefährten zu erwähnen, von dem er die Überlieferung gehört hat, spricht man von einem Hadith Mursal.

Die obige Aussage von Ahmad ist also keinesfalls so zu verstehen, dass in diesen Wissenschaften überhaupt keine Überlieferungsketten angeführt wurden, sondern, dass diese nach den speziellen Regeln der Hadith-Überlieferung häufig Schwächen beinhalten.

Ahmad wusste hierüber natürlich bestens Bescheid. Schließlich kannte kaum ein Mensch die Gesamtheit der islamischen Überlieferungen so gut wie er. Darüber hinaus gibt es auch Hinweise darauf, dass Ahmad selbst einen umfassenden Tafsir geschrieben hat, der heute jedoch nicht mehr erhalten ist. In jedem Fall sind in den heute vorliegenden Büchern von Ahmad ibnu Hanbal unzählige solche Tafsir-Überlieferungen enthalten. Es gibt also keinen Zweifel, dass er sich darüber voll und ganz im Klaren war. Deshalb verstand auch kein nennenswerter Gelehrter die Aussage von Ahmad so, dass damit gemeint wäre, in diesen Wissenschaften gäbe es überhaupt keine Überlieferungsketten.

Die Gelehrten der Salaf sagten zudem klar aus, dass sie in Bezug auf den Tafsir und andere Wissensgebiete bei den Überlieferungsketten toleranter waren als bei der Überlieferung von Rechtsvorschriften.

So überliefert z. B. al-Khatibu l-Baghdadi24 folgende Aussage von Ahmad ibnu Hanbal:

إِذَا رَوَيْنَا عَنْ رَسُولِ اللَّهِ صَلَّى اللَّهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَّ فِي الْحَلَالِ وَالْحَرَامِ وَالسُّنَنِ وَالْأَحْكَامِ تَشَدَّدْنَا فِي الْأَسَانِيدِ، وَإِذَا رَوَيْنَا عَنِ النَّبِيِّ صَلَّى اللَّهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَّ فِي فَضَائِلِ الْأَعْمَالِ وَمَا لَا يَضَعُ حُكْمًا وَلَا يَرْفَعُهُ تَسَاهَلْنَا فِي الْأَسَانِيدِ

Wenn wir vom Gesandten Allahs صلى الله عليه وسلم über halal und haram, über die Sunan und Rechtsvorschriften überliefern, dann sind wir streng bei den Überlieferungsketten. Und wenn wir vom Propheten صلى الله عليه وسلم über die vorzüglichen Taten berichten und über Dinge, die keine Rechtsvorschrift einsetzen oder aufheben, dann sind wir nachsichtig bei den asanid.

In seinem Buch Al-Jami'u li-Akhlaqi r-Rawi wa Adabi s-Sami' schreibt al-Baghdadi zudem:

وَيَنْبَغِي لِلْمُحَدِّثِ أَنْ يَتَشَدَّدَ فِي أَحَادِيثِ الْأَحْكَامِ الَّتِي يُفْصَلُ بِهَا بَيْنَ الْحَلَالِ وَالْحَرَامِ فَلَا يَرْوِيهَا إِلَّا عَنْ أَهْلِ الْمَعْرِفَةِ وَالْحِفْظِ، وَذَوِي الْإِتْقَانِ وَالضَّبْطِ، وَأَمَّا الْأَحَادِيثُ الَّتِي تَتَعَلَّقُ بِفَضَائِلِ الْأَعْمَالِ وَمَا فِي مَعْنَاهَا فَيُحْتَمَلُ رِوَايَتُهَا عَنْ عَامَّةِ الشُّيُوخِ

Der Muhaddith muss notwendigerweise bei den Hadithen über Rechtsvorschriften, anhand derer zwischen dem Erlaubten und Verbotenen getrennt wird, streng sein. Diese soll er nur überliefern von den Leuten, die fundierte Kenntnis besitzen und auswendig gelernt haben, die mit Perfektion und Exaktheit vorgehen.

Was jedoch die Ahadith betrifft, die mit den vorzüglichen Taten zusammenhängen und (anderen) Dingen in diesem Sinne, so wird (dabei) die Überlieferung von der Allgemeinheit der Überlieferer toleriert.

Der Tafsir wurde ebenfalls in großen Teilen in dieser Art behandelt, da es sich um ein unterstützendes Wissen handelte, das den Ausdruck im Qur'an häufig lediglich verdeutlicht. Diese Erklärungen wurden bei den Gelehrten des Tafsir mit dem Qur'an gemeinsam weitergegeben. Auch über den Tafsir findet man konkrete Aussagen, wie z. B. die folgende Aussage, welche ebenso von al-Khatibu l-Baghdadi im zuvor genannten Buch al-Jami' überliefert wird:

قَالَ يَحْيَى بْنُ سَعِيدٍ: تَسَاهَلُوا فِي أَخْذِ التَّفْسِيرِ عَنْ قَوْمٍ لَا يُوَثِّقُونَهُمْ فِي الْحَدِيثِ

Yahya ibnu Sa'id sagte: Sie waren nachsichtig bei der Annahme des Tafsir von Personen, die sie (gleichzeitig) im Bereich des Hadith nicht als [ausreichend] vertrauenswürdig beurteilten.

Diese Aussage stammt von Yahya ibnu Sa'id al-Qattan, einem der bedeutendsten Gelehrten des Hadith, im Speziellen der Wissenschaft der Beurteilung der Überlieferer, Al-Jarhu wa-t-Ta'dil. Die von ihm hier angesprochene mangelhafte Verlässlichkeit bezog sich dabei nicht zwingend auf die Vertrauenswürdigkeit an sich, sondern auf die Vertrauenswürdigkeit im Hinblick auf die korrekte und detailgetreue Weitergabe von Überlieferungen.

Viele solche Gelehrte galten also durchaus und erwiesenermaßen als völlig vertrauenswürdig, sie wurden keinesfalls der Lüge bezichtigt, jedoch hatten sie Schwächen bei der Kenntnis und Unterscheidung von Überlieferungen und ihrer Ketten und Überlieferer.

Bei Leuten hingegen, die als Lügner und Irregegangene bekannt wurden, machten die Gelehrten allgemein jedoch keine Ausnahme und wiesen deutlich auf deren Untauglichkeit hin. So z. B. Muhammad ibnu s-Sa'ib al-Kalbi, dessen Überlieferungen die meisten Gelehrten völlig mieden, wobei sie gleichzeitig über sein umfassendes Wissen über den Tafsir Bescheid wussten.

Fußnoten

  1. Chronologie und Lebensgeschichte des Propheten صلى الله عليه وسلم ↩
  2. Die Feldzüge des Propheten und der rechtgeleiteten Khalifen, beispielsweise auch die Schlachten der Abtrünnigkeit unter Abu Bakr. ↩
  3. Der Begriff Hadith muss nicht zwingend eine Überlieferung vom Propheten صلى الله عليه وسلم beschreiben. In der Frühzeit wurden auch Überlieferungen von nachfolgenden Personen, wie den Prophetengefährten als Hadith bezeichnet. In den späteren Jahrhunderten setzte sich allerdings die Unterscheidung zwischen Hadith und Athar durch, wobei mit dem Hadith eine Überlieferung vom Propheten صلى الله عليه وسلم gemeint ist, im Gegensatz zum Athar (Pl. Athar).

    An dieser Stelle im Text sind jedoch vor allem die Überlieferungen vom Propheten صلى الله عليه وسلم gemeint, da diesen zweifelsohne viel mehr Beachtung und Sorgfalt geschenkt wurde, als den Überlieferungen anderer islamischer Persönlichkeiten – auch wenn letztere klarerweise von großer Wichtigkeit sind, wie in diesem Buch an vielen Stellen verdeutlicht wird. ↩

  4. Siehe: Al-Kifayah fi 'Ilmi r-Riwayah ↩