Der Kontext der Aussage von Ibnu 'Abbas
Manche Leute weisen darauf hin, dass Ibnu 'Abbas seine Aussage in einem speziellen Kontext getätigt haben müsste. Hierzu verweisen sie auf ein bekanntes Gespräch von Ibnu 'Abbas mit Anhängern der Khawarij, bei dem viele davon ihrem Irrweg den Rücken kehrten.
Hierzu lässt sich Folgendes sagen:
- Zunächst sei nochmals darauf hingewiesen, dass die Aussage von Ibnu 'Abbas in einer im Vergleich zur heutigen Lage völlig anderen gesellschaftlichen Situation getätigt wurde. Die gegenwärtige Ersetzung eines Großteils der islamischen Gesetze und die faktische Entfernung des Islam als Grundlage der Gesetzgebung in vielen Ländern gab es zur damaligen Zeit keineswegs.
- Zweifelsohne spielten die Ereignisse um die Khawarij in der damaligen Zeit eine große Rolle und bildeten somit auch den Gegenstand vieler Diskussionen und Argumentationen. Sicherlich wurden viele Aussagen der damaligen Zeit auch im Kontext solcher Diskussionen getätigt und der Wortlaut einiger zuvor erwähnter Überlieferungen deutet auch darauf hin, dass diese Aussage von Ibnu 'Abbas zumindest teilweise als Antwort auf Anhänger irgendeiner Irrmeinung formuliert wurde. 71
- In Bezug auf die Aussage von Ibnu 'Abbas stellen sich hierbei jedoch zwei Fragen. Die Diskussion mit den Khawarij drehte sich vor allem um zwei Punkte.
Erstens: Ihre Behauptung, jede Sünde sei großer Kufr – wofür sie möglicherweise auch mit der Ayah 44 von Sure al-ma'idah argumentierten.
Und zweitens: Ihre Ablehnung der Einsetzung von Schiedsrichtern (At-tahkim) bei der damals vorgefallenen Zwietracht zwischen zwei Parteien der Muslime.
Die Aussage „Kufr duna Kufr“ von Ibnu 'Abbas wäre als Antwort für diese beiden Probleme jedoch unpassend. In Bezug auf Sünden kann man kaum im allgemeinen Sinne antworten, es handle sich dabei um Kufr, abseits bzw. unter dem eigentlichen, großen Kufr.
Ebenso wäre es nicht leicht, zu erklären, warum Ibnu 'Abbas jenen Tahkim, der von bedeutenden Prophetengefährten durchgeführt wurde, als „Kufr, abseits des Kufr“ bezeichnen sollte.
- Schließlich muss noch bedacht werden, dass die frühen Gelehrten über solche Umstände von Überlieferungen weit mehr Wissen und Verständnis besaßen, als die Menschen nach ihnen. Ganz zu schweigen von der Gegenwart, 1400 Jahre nach dem Erscheinen des Islam.
Die Idee, eine sehr bekannte Aussage wäre von den frühen Gelehrten einfach ohne Verständnis für den Kontext überliefert worden, im Sinne von: „Kann schon sein, dass dann irgendein Tafsir-Gelehrter diesen Text unter den Vers gesetzt hat.“, ist ziemlich absurd. Solche Aussagen zeugen von einer völligen Unterschätzung oder gar Geringschätzung des Wissens der ersten Generationen.
Wer die zuvor erwähnten zahlreichen Aussagen betrachtet, dem muss völlig klar sein, dass jene Gelehrten diesen Vers und den dazugehörigen Tafsir von Ibnu 'Abbas ganz klar in der Thematik „Das Urteil desjenigen, der nicht mit dem islamischen Gesetz regiert“ einordneten und dementsprechend damit argumentierten.
Entsprechend irrsinnig wäre die Vorstellung, Ahmad ibnu Hanbal und unzählige Gelehrte seinesgleichen hätten einfach nicht ganz verstanden, um was es bei der ganzen Sache eigentlich geht, im Gegensatz zu vielen Jugendlichen der Gegenwart, die durch einen Blick auf diesen Vers angeblich sofort wissen, wie er sprachlich eindeutig zu verstehen ist!
Abgesehen davon haben diese Gelehrten nicht nur die Aussage von Ibnu 'Abbas gemeinsam mit diesem Vers überliefert, sondern sie formulierten diese Auslegung auch selbst. Dies abzustreiten, ist eine völlige Verkennung der Realität und eine Ausblendung aller in diesem Buch erwähnten Gelehrtenaussagen.
Ahmad ibnu Hanbal z. B. wurde in der bereits zitierten Aussage direkt nach der Bedeutung jener Ayah gefragt „Und was ist dieser Kufr?“, woraufhin er sagte: „Kufr, der nicht aus der Religion befördert. Genauso wie ein Teil über dem anderen. Ebenso ist es beim Kufr, bis davon eine Sache vorfällt, bei der sich die Menschen einig sind.“ Man käme also nicht umhin, zu behaupten, dass Ahmad ibnu Hanbal den Inhalt des Verses nicht kannte und die angeblich eindeutige sprachliche Aussage der Ayah nicht verstand – ebenso wie die gesamte frühe Gelehrsamkeit des Islam.
Letztlich liest man bei einigen Diskussionen auch ausdrücklich den Satz: „Die Aussage von Ibnu 'Abbas war lediglich eine Antwort auf die Khawarij und war nicht ein Tafsir dieser Ayah.“
Was bedeutet diese Behauptung, wenn man sich nun die zahlreichen Aussagen der damaligen Gelehrten ansieht? Letztlich läuft es darauf hinaus, dass diese Aussage von Ibnu 'Abbas niemals ein Tafsir dieser Ayah war und auch keinesfalls zu ihrer Auslegung taugt, die Gelehrten und Tafsir-Autoren dies aber nicht verstanden und deshalb die Aussage immer wieder als Tafsir der Ayah anführten. Es wurde in diesem Buch schon mehrfach erklärt, wie absurd ebensolche Annahmen letztlich sind.
Fußnoten
- Es ist sicherlich wichtig, diesen und die anderen hier erwähnten Punkte genauer abzuhandeln. Dies würde jedoch ein eigenes Buch füllen und es ist wie gesagt nicht Thema dieses Buches. Im vorliegenden Buch geht es um die Grundlagen des Tafsir und um die Frage, ob die hier thematisierten Überlieferungen authentisch sind oder nicht. Sicher ist es eine Kernfrage, ob und in wie weit die Aussage von Ibnu 'Abbas und anderen auf die heutige Zeit übertragbar ist, jedoch ist es mir derzeit nicht möglich, diese Frage abzuhandeln und das vorliegende Buch mit seiner primären Thematik ist auch nicht der Platz dafür. Dass diese Fragen hier nicht behandelt werden können, würde jedoch nicht rechtfertigen, über die Inhalte, die in diesem Buch aufgearbeitet wurden, zu schweigen. Der Leser ist somit also mehrfach darauf hingewiesen worden, den Inhalt dieses Buches nicht für irgendwelche eigenen Zwecke zu missbrauchen oder Spekulationen über Sichtweisen anzustellen, die in diesem Buch gar nicht erwähnt wurden. ↩