Der Überlieferungsweg von Aliyy ibnu Abi Talhah von Ibnu 'Abbas
Ibnu Abi Hatim erwähnt in seinem Tafsir folgende Überlieferung:
حَدَّثَنَا أَبِي ثنا أَبُو صَالِحٍ حَدَّثَنِي مُعَاوِيَةُ بْنُ صَالِحٍ عَنْ عَلِيِّ بْنِ أَبِي طَلْحَةَ عَنِ ابْنِ عَبَّاسٍ قَوْلَهُ: وَمَنْ لَمْ يَحْكُمْ بما أنزل الله يَقُولُ: مَنْ جَحَدَ الْحُكْمَ بِمَا أَنْزَلَ اللَّهُ فَقَدْ كَفَرَ، وَمَنْ أَقَرَّ بِهِ وَلَمْ يَحْكُمْ بِهِ فَهُوَ ظَالِمٌ فَاسِقٌ
… Von Ibnu 'Abbas über die Aussage [Allahs]: „Und wer nicht nach dem richtet, was Allah herabgesandt hat“, er sagte (diesbezüglich):
„Wer das, was Allah herabgesandt hat ablehnt/ableugnet, der hat Kufr begangen. Und wer es akzeptiert/annimmt, sodann aber nicht damit richtet, so ist er ein dhalim (Ungerechter), ein fasiq (Frevler).“
Quasi im selben Wortlaut wird dies auch im Tafsir von at-Tabari überliefert. Bevor at-Tabari diese Überlieferung anführt, sagt er zudem:
وَقَالَ آخَرُونَ: مَعْنَى ذَلِكَ: وَمَنْ لَمْ يَحْكُمْ بِمَا أَنْزَلَ اللَّهُ جَاحِدًا بِهِ، فَأَمَّا الظُّلْمُ وَالْفِسْقُ فَهُوَ لِلْمُقِرِّ بِهِ. ذِكْرُ مَنْ قَالَ ذَلِكَ ...
Und es sagten andere: Die Bedeutung davon ist: „Wer nicht mit dem richtet/regiert, was Allah herabgesandt hat – es ablehnend/ableugnend;
Der [im Vers erwähnte] dhulm (Unrecht) und der fisq (Frevel) hingegen sind für denjenigen, der es42 annimmt/akzeptiert.“
Die Erwähnung jener, die dies aussagten: …
Hiernach erwähnt at-Tabari dann die oben zitierte Überlieferung.43
Viele Leute sind sehr schnell damit, diese Überlieferung abzulehnen mit dem Verweis auf einige Schwächen, die in der Überlieferungskette enthalten sind. Damit sollte man aus Sicht der Hadith-Wissenschaften jedoch vorsichtig sein.
Der Tafsir von Ibnu Abi Hatim ar-Razi zählt sicherlich als einer der hochwertigsten Tafasir überhaupt. Der Verfasser dieses Tafsir erwähnt in seinem Vorwort, dass er es in diesem Werk anstrebte, möglichst gute Überlieferungen auszuwählen. Er vermeidet es darin also – im Allgemeinen – Dinge zu überliefern, die von Grund auf zu verwerfen sind.
Gemäß der heute vorherrschenden problematischen Vorgehensweise vieler Leute mit dem Tafsir, auf die am Anfang dieser Schrift bereits etwas eingegangen wurde, wird die Vorgehensweise der früheren Gelehrten auch in diesem Punkt ignoriert bzw. missachtet.
So wird z. B. behauptet, dass Aliyy ibnu Abi Talhah nicht direkt von Ibnu 'Abbas hörte, sondern die Überlieferungen über eine weitere Person berichtete. Außerdem weist man auf Schwächen hin, die einige Gelehrte über diesen Überlieferer, Aliyy ibnu Abi Talhah, erwähnt haben.
Dem kann man wie gesagt gegenüberstellen, dass die Gelehrten des Tafsir – wie Ibnu Abi Hatim ar-Razi – sicherlich besser darüber Bescheid wussten, diese Überlieferung aber trotzdem annahmen und als Auslegung für diese Stelle im Qur'an erwähnten. Dies taten sie nicht grundlos. Einige gute Gründe, die Überlieferung von Aliyy ibnu Abi Talhah anzunehmen, sollen deshalb im Folgenden erwähnt werden.
Die Überlieferungen von Aliyy Ibnu Abi Talhah von Grund auf zu verwerfen, weil dieser nicht direkt von Ibnu 'Abbas hörte, deutet auf die Unwissenheit einer Person über die Vorgehensweise der frühen Gelehrten hin.
Dies, weil es sich nicht um eine einzelne Überlieferung handelt, sondern um eine schriftliche Sammlung, die unter den Gelehrten als Sahifah, also etwa als „Seite/Schrift von Aliyy ibnu Abi Talhah“ bekannt wurde.
Es gab viele solche Saha'if, die weitergegeben und überliefert wurden. Viele davon waren damals bekannt, sind aber heute nicht mehr vorhanden oder nur teilweise erhalten. Auch dies zeigt, dass die frühen Gelehrten die Überlieferungen viel besser einschätzen konnten, da sie in der Zeit der Überlieferung lebten und auf solche Schriften und Sammlungen Zugriff hatten.
Die Sahifah von Aliyy ibnu Abi Talhah im Tafsir war eine bekannte Sammlung, die von den Gelehrten empfohlen und im Guten erwähnt wurde. So überliefert z. B. Abu Ja'far an-Nahhas44 (gest. 338 n. H.) mit seiner Überlieferungskette von Ahmad ibnu Hanbal, dass es in Ägypten eine Sahifah gibt, wenn man nur dafür dorthin reisen würde, wäre die Reise nicht vergebens.
Darüber hinaus war unter den Gelehrten bekannt, dass Aliyy ibnu Abi Talhah diese Sahifah nicht von irgendwem überlieferte, sondern von Leuten wie Mujahid ibnu Jabr (21-104 n. H.) – manche erwähnen abgesehen davon noch 'Ikrimah (25-105 n. H.) und Sa'id ibnu Jubair (46-95 n. H.) –, die zu den bedeutendsten und bekanntesten Gelehrten des Tafsir gehören. Auch an-Nahhas weist bei der obengenannten Stelle auf diesen Umstand hin.
Schließlich ist noch zu erwähnen, dass es sich um eine Sahifah handelt, die in dieser Form weitergegeben wurde. Aliyy ibnu Abi Talhah wird von der überwiegenden Mehrheit der frühen Gelehrten nicht als schlechter Überlieferer angesehen und in jedem Fall war er aufrichtig. Wenn so jemand also eine Sahifah weitertrug, war diese bei den Gelehrten noch eher anzunehmen, da nur die Weitergabe des Schriftlichen erforderlich war und nicht das Auswendiglernen und Übertragen einzelner Überlieferungen mit unterschiedlichen Überlieferungsketten.
Dies waren auch Gründe dafür, dass Gelehrte wie al-Bukhari, Muslim, Ibnu Abi Hatim und at-Tabari sich auf diese Sahifah stützten und von ihr überlieferten.
Die Gelehrten nahmen diese Sahifah also an. Wer nun eine einzelne Überlieferung dieser Sahifah ablehnt, mit den am Anfang dieses Kapitels genannten Begründungen, der müsste konsequenterweise die ganze Sahifah ablehnen. Vielen ist nicht bewusst, dass es sich dabei um mehrere hundert Überlieferungen handelt, die von den Gelehrten in ihren Werken überliefert werden45.
Schließlich muss hinzugefügt werden, dass es sich hier nicht um eine einzelne Überlieferung eines Tafsir handelt, die niemals von irgendjemand anderem überliefert wurde. Durch die bisher schon erwähnten Überlieferungswege zeigte sich klar, dass dieser Tafsir – ganz im Gegensatz zu so einer Annahme – sehr zahlreich und von vielen verschiedenen Personen weitergegeben wurde!
Man könnte nun auf weitere Details des Isnad eingehen, was aber in diesem Umfang zu weit führen würde. Hier ging es in erster Linie darum, grundlegende Zusammenhänge bezüglich der Überlieferung im Allgemeinen und bezüglich des Tafsir im Speziellen aufzuzeigen.
Daran sollte verdeutlicht werden, dass man – im Gegensatz zur Vorgehensweise der meisten Menschen heute – nicht die verschiedenen Ketten einer Überlieferung bei jeder irgendwie aufgefundenen Schwäche annullieren kann. Ebenso sollte sich dadurch zeigen, dass die frühen Gelehrten des Hadith und Tafsir nicht so vorgingen, ihre Methode aber den Maßstab dieser Wissenschaft bildet.46
Fußnoten
- Der also das, was Allah herabgesandt hat, vom Grundsatz her annimmt/akzeptiert/bestätigt. ↩
- Die Frage, ob der sogenannte Juhud, also die Ablehnung/Ableugnung, in Bezug auf diese Ayah eine Rolle spielen kann, wurde viel diskutiert und wird häufig als fehlerhaft abgelehnt – und zwar nicht nur heute, sondern auch schon früher in der islamischen Geschichte. Es wurde in den Anmerkungen am Beginn dieser Abhandlung schon darauf hingewiesen, dass die Anhänger der Murji'ah-Sekte bei jeder denkbaren Kufr-Handlung oder Aussage den sog. Juhud zur Bedingung machen. At-Tabari spricht aber hier nicht von dieser Sichtweise. Vielmehr geht es um die Aussage, dass der Hukm bi-ghairi ma anzala-llah eine Sünde darstellt, die erst dann zum Kufr wird, wenn zeitgleich auch der Juhud vorfällt. An dieser Stelle sei auch darauf hingewiesen, dass at-Tabari mit dem Juhud nicht nur die bloße Unkenntnis oder das bloße Nicht-Glauben meint, sondern vor allem auch die äußerliche Ableugnung, wie er selbst in seinem Tafsir erwähnt. Es ist natürlich klar, dass die Bedeutung des Wortes Juhud in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle bei der Beurteilung des Hukm bi-ghairi ma anzala-llah spielt – speziell, wenn man die heute vorherrschenden Zustände betrachtet. Die Frage ist, ab wann wird jemand gemäß der arabischen Sprache und dem Verständnis der Salaf als Jahid beschrieben. Schließlich ist es schwer vorstellbar, dass jemand nach Belieben die Gesetze der Shari'ah außer Kraft setzt, durch andere, ihnen widersprechende Gesetze austauscht und die islamischen Gesetze ganz allgemein vielleicht noch als rückständig bezeichnet usw., gleichzeitig aber als jemand gilt, der an die Tauglichkeit dieser Gesetze glaubt bzw. sie annimmt. Die Bedeutung des Begriffs Juhud müsste also ebenfalls gesondert behandelt werden. Wie bereits gesagt, kann im Rahmen dieser Schrift aber nicht auf die Frage des Hukm bi-ghairi ma anzala-llah in ihrer Gesamtheit eingegangen werden. Es geht an dieser Stelle vielmehr darum, zu zeigen: 1) Dass at-Tabari erwähnt, dass diese Ansicht durchaus vertreten wurde. 2) Dass er die oben genannte, diesbezügliche Überlieferung von Ibnu 'Abbas genau in diesem Kontext erwähnt, sie also auch so versteht. Wa-llahu a'lam. ↩
- Siehe: An-Nasikhu wa-l-Mansukh - Erschienen bei Maktabah al-Falah, Kuwait; Erste Ausgabe 1408 n. H. / 1988 n.Chr.: Seite 75 ↩
- Ziemlich merkwürdig in diesem Zusammenhang ist z. B., dass der zeitgenössische Autor und Vortragende 'Abdu l-'Aziz at-Tarifi, der sich hauptsächlich mit Hadith-Wissenschaften beschäftigt, die hier besprochenen, von Ibnu 'Abbas überlieferten Aussagen zum Tafsir als schwach befindet. Dies, wobei er gleichzeitig richtigerweise ausführt – in seiner Schrift At-Taqrir fi Asanidi t-Tafsir, erschienen 2011 –, dass die Sahifah von Aliyy ibnu Abi Talhah bei den frühen Gelehrten anerkannt war, und die Gründe dafür erwähnt. Es wurde schon zu Beginn dieser Schrift darauf hingewiesen, dass es heute mehrere Personen gibt, die sich hauptsächlich mit der Hadith-Analyse beschäftigen, aber trotzdem diese Überlieferungen von Ibnu 'Abbas ablehnen. Dazu zählt neben 'Abdu l-'Aziz at-Tarifi auch Sulayman ibnu Nasir al-'Alwan, in seiner Schrift „Ala inna nasrallahi qarib“ (S. 11). Al-'Alwan meint in seiner Erklärung zur Al-'Aqidatu l-Wasitiyyah ausdrücklich, die Überlieferung von Ibnu 'Abbas sei „Munkar“, was im Sprachgebrauch der Hadith-Gelehrten so viel wie „völlig zu verwerfen bzw. untauglich“ bedeutet. Eine weitere Person, die in diesem Kontext erwähnt wird, ist 'Abdullah as-Sa'd. Wer heutzutage diese Tafsir-Überlieferungen ablehnt, beruft sich häufig auf diese drei Personen. Dies scheint auf den ersten Blick sehr verwunderlich, handelt es sich doch um Leute, die – richtigerweise – immerzu erwähnen, wie wichtig es ist, sich an die Quellen zu halten, um zu einem authentischen Islamverständnis zu gelangen. Wie im vorliegenden Text jedoch mehrfach erklärt, geht es vielmehr um die Methode beim Umgang mit den Aussagen und Ansichten der Salaf und dabei gibt es heute offensichtlich noch großen Diskussionsbedarf. (Hinweis: Der obige Name 'Alwan wird offenbar am Anfang mit a vokalisiert, auch wenn man in heutigen Ausgaben einiger älterer Büchern diesen Namen mit einem u vorfindet. Demgegenüber gibt es im Sprachgebrauch des Hocharabischen auch noch das Wort 'Ilwan mit i.) ↩
- Es wurden in diesem Kapitel bis zu dieser Stelle die wichtigsten Überlieferungen dieser Tafsir-Aussage erwähnt. Eine Überlieferung und ihre Besprechung, nämlich jene von 'Abdu r-Razzaq as-San'ani, folgt noch im Kapitel „Einwände“. ↩