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Der Umgang mit diesen Entwicklungen – Extreme Unehrlichkeit im deutschsprachigen Raum und allgemein

Hauptteil · Volltext-Kapitel aus der Schrift Der Weg der Salaf – Eine andere Welt · Als PDF lesen

Es wurde aus dem Gesagten schon klar, dass heute mehr oder weniger alle Menschen, die sich zu den Salaf bekennen, die obigen Verständnisprobleme haben, egal ob sie seit 60 Jahren studieren oder gerade erst begonnen haben.

Das ist wie gesagt auch nicht verwunderlich, weil die Allgemeinheit der Menschen nie etwas anderes gehört hat. Die Frage ist eher: Wie verhält man sich, wenn man auf diese Dinge aufmerksam gemacht wird?

Wenn jemand diese Dinge erkennt und auch bereit ist, sie grundsätzlich anzunehmen, dann gibt es im Grunde folgende Möglichkeiten:

1) Man erkennt, dass man noch viele Dinge zu lernen hat, und nimmt frühere Äußerungen zurück, weil man erkannt hat, dass die Methode bei der Beweisfindung, Erklärung usw. nicht den aktuellen Erkenntnissen über die Methode der Salaf entsprach.

Und man sagt: „Allahu a'lam“, wir müssen viele Dinge noch einmal überdenken nachdem einige Zusammenhänge nun besser verstanden wurden. Wir können auch nicht alles sofort erklären. Wir müssen nicht vorspielen, Großgelehrte zu sein. Das ergibt keinen Sinn und es ist im din auch nicht gewollt. Im Gegenteil, es ist schwerstens zu verurteilen. Deshalb ist das Beste, was wir tun können, die Dinge mit Ruhe und Vernunft, ohne Übertreibung und Übereilung zu studieren.

Wer so vorgeht, der hat im Grunde genau das gemacht, was Allah von ihm will. Genau dieses Verhalten gefällt den juhhal jedoch nicht und sie verstehen es auch völlig umgekehrt. Für sie gilt einfach immer folgende Regel: Wer von seiner Ansicht zurücktritt, der hat damit eingestanden, dass er ein jahil war.

Solche Leute verstehen niemals, warum ein asch-Schafi'i seine gesamte Methode änderte als er nach Ägypten ging und dabei in unzähligen Angelegenheiten seine Meinung änderte.

Sie verstehen nicht, warum die Gelehrten es als eine sehr lobenswerte Handlung ansahen, dass ein Mensch seinen eigenen Standpunkt überdenken und davon abgehen kann, und warum es bei ihnen als umso hervorragender galt, wenn jemand dies in der Öffentlichkeit umsetzen konnte.

Sie verstehen auch nicht, warum die Gelehrten sagten: „Die Hälfte des Wissens ist die Aussage: ‚Ich weiß es nicht.‘“

Und sie verstehen auch nicht, dass die Salaf einen extremen Unterschied machten zwischen jemandem, der auf einer bid'ah aufwuchs und dann die Wahrheit annahm, als sie zu ihm kam, und jenem, der absichtlich zu einer bid'ah wechselte oder darauf beharrte.

Der erste war bei ihnen ein vorzüglicher Mensch. Der zweite war bei ihnen ein sehr übler Mensch!

Solchen juhhal ist nicht klar, dass große Imame der Sunnah bid'ah-Ansichten vielleicht über Jahre oder sogar Jahrzehnte vertraten, weil sie an einem Ort aufwuchsen, an dem diese bid'ah verbreitet war.

Aus diesem Grund sagte 'Umar ibnu l-Khattab, wie zuvor bereits erwähnt:

„ … Ein Urteil, dass du gestern gefällt hast, bei dem du dich dann selbst überprüft hast und in dem du nun zum Richtigen geleitet wurdest, soll dich nicht daran hindern, die Wahrheit anzunehmen, denn die Wahrheit ist alt, und der Wahrheit zu folgen, ist wahrlich besser, als stur auf dem Falschen zu beharren.“

In einem arabischen Sprichwort heißt es darüber zu Recht:

الإصرار على الباطل رذيلة ... والرجوع إلى الحق فضيلة

„Das Bestehen auf dem Falschen ist eine Schande.
Aber das Zurückkehren zum Richtigen ist eine vorzügliche Sache.“

Und die Gelehrten der Salaf sagten, was z.B. ad-Darimi von dem bedeutenden Gelehrten asch-Scha'bi überlieferte:

عَنِ الشَّعْبِيِّ قَالَ «لَا أَدْرِي نِصْفُ الْعِلْمِ»

asch-Scha'bi sagte: „Ich weiß nicht.“ ist die Hälfte des Wissens.

2) Die zweite Möglichkeit auf diese neuen Informationen zu reagieren ist: Man kann nicht eingestehen, dass man diese Dinge früher ebenso nicht verstanden hat, weshalb man den Leuten vorspielt, dass man das alles immer schon verstanden hätte.

Dieses Verhalten findet man extrem häufig, wobei es oft ins völlig Lächerliche geht. Wobei alle Menschen um einen herum 100%ig wissen und über Jahre oder Jahrzehnte miterlebten, dass dieses Schauspiel zutiefst unehrlich ist, die Behauptungen völlig irrsinnig sind und sich niemals mit der Realität decken können, spielt man die Show einfach weiter.

Das ist tatsächlich eine Erniedrigung des Menschen. Noch schlimmer wird so jemand, wenn er den Leuten nicht nur sagt, er wäre immer schon auf der Wahrheit gewesen, sondern sich selbst als großer Imam der Sunnah inszeniert und alleinig den Gehorsam der anderen einfordert.

Solche Leute versuchen dann krampfhaft wirklich jede kleinste mukhalafah oder jede kleinste Unkenntnis über eine Aussage der Salaf sofort als abscheulichste Tat darzustellen.

Man versucht jeden, aber wirklich jeden anderen in den Dreck zu ziehen und alle seine Aussagen als ungültig und nichtig darzustellen, um sich die eigene gewünschte Position zu sichern.

Dafür bringt man dann z.B. Argumente, wie: Wer einmal eine bid'ah vertreten hat oder den Weg der Salaf nicht in jeder Konsequenz verstanden hat, dem könne man im Grunde nie mehr trauen.

Die Frage von jedem, mit einem Minimum an Verstand, muss sofort lauten: Und was war mit diesem Menschen selbst, als er vor wenigen Jahren noch keine Ahnung von diesen Dingen über die Vorgehensweise der Salaf hatte? Und als er aus den Büchern und Audios, die er heute tagein tagaus schmäht und verunglimpft, alles gelernt hatte? Als er sie verbreitet, übersetzt, unterstützt und gelobt hatte?

Und was war mit dem Scheikh oder den schuyukh solcher Personen, als sie in genau demselben Zustand waren?

Eine Heuchelei diesen Grades, wobei jeder die Entwicklung mitangesehen hat, ist tatsächlich der Gipfel der Lächerlichkeit. Manche Leute gehen so weit, Dinge in aller Öffentlichkeit abzuleugnen oder umgekehrt darzustellen, dass man wirklich sieht, wie sie das Bedürfnis nach hoher Position und die gute Darstellung der eigenen nafs vor anderen zu einer echten Form des Größenwahns treibt.

Die Unehrlichkeit z.B. in solchen Dingen ist – auch im deutschsprachigen Raum – ein massives Problem.

Als ich und andere vor etwa 10-15 Jahren den Leuten erklärten, dass ein Polytheist kein Muslim sein kann, da erfuhren wir Widerstand auf voller Linie. Heute hingegen redet jeder so, als wäre das für ihn oder sie immer schon das Klarste der Welt gewesen. Es gibt Leute, ganz egal, was sie von einem gelernt haben, aber sie werden immer hochmütig und arrogant sagen: „Na und! Glaubst du wir haben dich gebraucht!“ Jedoch kann es ein Mensch nicht im Nachhinein ändern, durch wen ihm Allah Wissen gegeben hat. Diese Dinge hat Allah entschieden und der Diener hat keinen Einfluss mehr darauf.

Das gilt für mich und die Personen von denen ich gelernt habe, genauso wie für alle anderen Menschen.

Damals gab es z.B. geschlossene Ablehnung von einem deutschen Internet-Forum Namens ahlus-sunnah.com, in dem ich übrigens niemals Mitglied war und auch nie geschrieben habe, im Gegensatz zur Behauptung mancher Stellen.

Wenn überhaupt jemand von den damals dort relevanten Mitgliedern diesen Grundsatz akzeptiert hatte, dann war das eine Seltenheit und ging in der Masse unter.

Dies ging so weiter, bis zu dem Zeitpunkt als ein Scheikh in Saudi-Arabien diesen Gedanken annahm und anfing, dazu aufzurufen. Ganz plötzlich sprang jeder auf diesen Zug auf und mit erhobenem Haupt und dem großen Scheikh als Rückendeckung konnte man jetzt guten Gewissens plötzlich die Wahrheit vertreten.

Was sagt das über einen Menschen aus, dass er die Wahrheit zurückweist, solange er keine Rückendeckung durch eine bekannte Persönlichkeit hat, sie dann aber annimmt, wenn sich dieser Umstand ändert? Was sagt es aus, wenn wir das mit dem vorher über die Salaf Gesagten vergleichen? Genau das war bei den Salaf verwerflich. Nicht derjenige, der den haqq erkennt und annimmt.

Im deutschsprachigen Raum läuft es genau umgekehrt, wie auch in den anderen Umgebungen des fasad und der Unwissenheit heute weltweit. Die Menschen sehen, durch ihre eigenen Neigungen, das Richtige als falsch und das Falsche als richtig.

Noch absurder ist, dass eigentlich alle, die diesem Forum entsprungen sind und sich heute noch irgendwie in der da'wah betätigen, eiskalt so tun, als hätten sie nie etwas anderes gesagt und dies vor anderen sogar eindeutig aussagen.

Es ist absurd. Die Unehrlichkeit ist abstoßend.

Und die vormaligen schuyukh dieser Leute, auch der oben angesprochene, haben von den hier thematisierten Problemen beim Verständnis der Salaf genauso wenig Ahnung, wie die Allgemeinheit der Menschen heute. Genauso wie wir alle noch vor kurzer Zeit.

Jener Scheikh hat bis zur letzten schriftlichen oder mündlichen Äußerung im Grunde jedes manhaj-Problem geteilt, das oben angesprochen wurde, und eine Rückkehr ist keineswegs bekannt geworden.

Nun sei also der deutsche Sprachraum insgesamt gefragt, mit all seinen Strömungen und Ausrichtungen: Billahi 'alaikum – Wie oft habt ihr gesehen, dass einer eurer schuyukh oder ein sonstiger Scheikh alle seine Bücher, Schriften und Audios zurückgezogen hat?

Manche Menschen boykottieren andere, wobei diese alles zurückgezogen haben, mit der Begründung, es könnte theoretisch sein, dass die Person dies oder jenes sagt, weil sich die Person früher mal mehrdeutig geäußert hat. Gleichzeitig halten sie an ihren schuyukh fest, wobei sie mit Sicherheit wissen, dass diese im Grunde in jedem Punkt der Vorgehensweise der Salaf widersprechen.

Es ist eine Heuchelei und Unehrlichkeit, die sowohl durch gesunden Menschenverstand als auch durch die Gesetze der schari'ah niemals annehmbar wäre.

Dann gibt es Leute, die ihren Zuhörern erzählen, dass nur ein Scheikh mit unzähligen schriftlichen Lehrerlaubnissen etwas über den Islam sagen dürfe – wie sie selbst oder ihre schuyukh. Man lässt die Leute glauben, dass viele nachweisbare ijazat eine fehlerfreie 'aqidah garantieren.

Wie absurd diese Behauptung ist, zeigt sich bei solchen Leuten und ihren schuyukh selbst. Denn genau diese schuyukh hatten ihre Aussage in Grundfragen der 'aqidah geändert, nachdem sie schon jahrzehntelang lernten und sogar lehrten und schon etliche ijazat erlangten und sogar an andere weitergegeben hatten!

Man könnte sofort vier oder mehr bekannte schuyukh unterschiedlicher Strömungen im arabischen Raum aufzählen, deren Anhänger im deutschsprachigen Raum so tun, als dürfte man nur von ihrem jeweiligen Scheikh etwas annehmen, denn er sei der Einzige, der sich wirklich auskennt, er hat schließlich diese und jene ijazah. Sie machen sich selbst und anderen etwas vor. Was sie ihren Anhängern nämlich nicht erzählen ist, dass ihr Scheikh in einer Grundfrage seine Meinung geändert hat, also zuvor nicht auf der richtigen 'aqidah war, trotz der vielen Lehrerlaubnisse.

Gleich mehrere solche schuyukh sagten früher, der muschrik könne unter Umständen ein Muslim sein, und gingen danach von dieser falschen Meinung ab.

Als sie diese falschen Inhalte jahrzehntelang verkündeten und vielleicht abertausenden lehrten, schützten ihre ijazat sie da auch vor dem Fehlgehen? Und waren die ijazat da auch eine Garantie für eine fehlerfreie 'aqidah?

Soviel zur extremen Unehrlichkeit, die man auch im deutschsprachigen Raum an jeder Ecke findet.

Allah sagt im Qur'an:

يَاأَيُّهَا الَّذِينَ آمَنُوا اتَّقُوا اللَّهَ ‌وَكُونُوا ‌مَعَ ‌الصَّادِقِينَ

O ihr, die ihr Iman habt, fürchtet Allah
und seid mit den Aufrichtigen.

[Suratu t-Taubah, 9:119]

Ibnu Schahin (gest. 385 n. H.) sagt in seinem Buch Scharhu Madhahibi Ahli s-Sunnah:

وَمِنْ أَدْعِيَةِ مَنْ تَقَدَّمَ: اللَّهُمَّ ‌أَرِنَا ‌الْحَقَّ ‌حَقًّا وَأَلْهِمْنَا اتِّبَاعَهُ، وَأَرِنَا الْبَاطِلَ بَاطِلًا، وَأَلْهِمْنَا اجْتِنَابَهُ

Und von den Bittgebeten jener, die vorausgegangen sind, ist:

„O Allah, zeige uns das Wahre als Wahrheit und gib uns ein, ihm zu folgen.

Und zeige uns das Falsche als Falsches und gib uns ein, uns davon fernzuhalten.“

Es ist verblüffend wie sehr sich Menschen einbilden, als einzige auf der einzigen Wahrheit zu sein, während sie in Wirklichkeit eine völlig verdrehte Sicht haben und sich am laufenden Band – sogar bei ganz offensichtlichen Dingen und auch vor anderen oder gar öffentlich – selbst betrügen. Möge Allah uns also dazu verhelfen, stets von den Aufrichtigen zu sein. Amin.

3) Die dritte Gruppe freut sich sehr, dass sie jetzt wieder neue Dinge erfahren hat, mit denen sie sich über andere erheben kann. Diese Leute sehen sich nun noch mehr als die wahren Befolger der Wahrheit und alle anderen noch eher als die irregegangenen kuffar.

Diese Gruppe ist sehr unwissend, aber weiß es immer am besten. Es sind Leute, die überall verkünden, nur von den Salaf zu nehmen, aber nicht wissen, wer die Salaf überhaupt sind. Sie sind sich nicht dessen bewusst, dass alles in ihren Händen von anderen Personen übermittelt wurde, aber sie fühlen sich dennoch, als hätten sie alles direkt von den sahabah gelernt.

Die Übertreibung im takfir wird durch diese Erkenntnisse bei solchen Personen nur stärker und daneben gibt es noch viel tabdi', wobei der angebliche mubtadi' bei solchen Menschen blitzschnell eigentlich auch ein kafir ist.

Wann immer jemand wenig Wissen über die Überlieferungen hat, z.B. auch über den tafsir der Salaf, ersetzt er dieses zwangsläufig durch seine eigenen Überlegungen. So auch bei diesen Leuten.

Wer ihre Vorgehensweise betrachtet, sieht darin viel Philosophie und eigene Gedanken und wenig tatsächliche Erklärungen der Salaf.

Aussagen von Salaf kopiert heute natürlich jeder schnell, aber diese werden nur nach den eigenen Neigungen verstanden und es wird gar nicht erst gesucht nach jenen Aussagen der Salaf, die das Thema wirklich umfassend erklären.

Stattdessen wird die ganze Zeit diskutiert: Der fulan hat sich noch nicht vom fulan losgesagt. Der aber hat sich noch nicht zur mas'alah sowieso geäußert. Und wenn dies so ist, dann ist jenes so und das ist „aslu d-din“ und das muss jeder wissen bis zum 4ten Grad oder noch weiter.

Wer wirklich den Salaf folgen will, der muss so etwas sofort meiden, denn eine Grundregel beim Befolgen der Salaf ist, dass jede Methode, die sie nicht anwendeten, sicherlich nicht von diesem din ist. Und wo machten die Salaf beispielsweise jemals „Ketten-takfir“ oder ähnliche bida'?

Abgesehen davon ist den Übertreibern dieser Art anfänglich überhaupt nicht klar, dass sie sehr viele Dinge mit ihrer „mathematischen“ Art zum kufr erklärt haben, die von manchen Gelehrten, vielleicht sogar von einigen sahabah oder vom Propheten صلى الله عليه وسلم selbst überliefert wurden!

Es ist ein Grundprinzip im Fehlgehen der Übertreiber ganz allgemein, dass sie sich einzelne Aussagen nehmen, aus dem Qur'an, dem hadith oder jetzt eben auch aus den Aussagen der Salaf, und auf diese dann nach eigenem Verständnis eine unumstößliche Regel bauen. Diese Regel ist dann der din, welchen sie auch jedem anderen aufzwingen. In Wirklichkeit geht es dabei überhaupt nicht um „die Aussage der Salaf“, sondern um ihr Verständnis dieser Aussage.

Mit fortschreitender Zeit sehen sie mehr und mehr Gelehrte der Salaf, von denen auch Aussagen überliefert werden, mit denen sie nicht umgehen können und die mit ihren eigenen Vorstellungen nicht zusammenpassen.

An dem Punkt zeigt sich dann nach und nach, wie solche Leute reagieren. Manche von ihnen sind so verrückt, dass sie tatsächlich auf die sahabah takfir machen, wie ich von jemandem gehört habe. Das ist dann der definitive Größenwahn, wa-l-'iyadhu bi-llah.


Das sind also diese drei Zugänge zum Wissen in dieser Situation: