Hinweis zu einem Gespräch zwischen Daniel Haqiqatjou und Mohammed Hijab
Zunächst will ich Bezug nehmen auf ein Gespräch zwischen zwei Predigern und aktuelle Auseinandersetzungen im englischen Sprachraum, die dabei auch thematisiert wurden.
Es handelt sich dabei um ein Interview, welches Daniel Haqiqatjou mit Mohammed Hijab führte. Das Gespräch dauerte fünf Stunden und ich habe davon nur einige Auszüge gesehen. Vor allem wurde ich aufmerksam auf einige Minuten (beginnend bei Stunde 3:32), in denen darüber gesprochen wurde, dass die frühen Hanbaliten Härte gegenüber der Strömung der Asch'ariyyah zeigten. Dabei wurden von Daniel Haqiqatjou folgende Behauptungen aufgestellt:
- Diese Härte sei konkret nur von den Hanbaliten ausgegangen, und zwar weil diese gerade die Verfolgung in der Zeit der sogenannten Mihnah2 hinter sich hatten. Ihre Härte gegen die von der Philosophie stark beeinflussten Strömungen der Mutakallimin3 war also lediglich eine Reaktion auf die Unterdrückung, welche die Hanbaliten davor durch die Mu'tazilah und Jahmiyyah erfahren hatten.
- Die frühen Hanbaliten, welche die Ahlu l-Hadith repräsentierten, machten – so die Behauptung – mit Sicherheit Takfir auf Muhammad ibnu Isma'il al-Bukhari und Muslim ibnu l-Hajjaj.
- Würde man diesen Standard der damaligen Hanbaliten tatsächlich anwenden, müsste man im Grunde jeden zum Kafir erklären. Warum sollte man also diesen Standard annehmen und anwenden?
- Mohammed Hijab fügte dem hinzu, dass die frühen Hanbaliten vehement die Behauptung ablehnten, der Qur'an sei erschaffen. Wobei es auch bei dieser Aussage so wirkte, als wären die frühen Hanbaliten die ersten gewesen, von denen dies bekannt wurde.
Diese Aussagen fielen alle in ungefähr zwei Minuten, was tatsächlich bemerkenswert ist, da nämlich nichts davon irgendwie belegt wurde. Umso bemerkenswerter ist dies, weil hier von zwei Personen die Rede ist, die im Grunde das höchste an wissenschaftlicher Bildung repräsentieren, was in der westlichen Welt verfügbar ist. Beide sind Absolventen von den bekanntesten westlichen Eliteuniversitäten. Man bedenke, dass gerade diese Universitäten sich und die westlichen Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens in den höchstmöglichen Tönen loben und behaupten, das bisherige Nonplusultra der Wissenschaftlichkeit in der gesamten Menschheitsgeschichte erreicht zu haben.
Wer jedoch diese Aussagen betrachtet, der fragt sich, wie diese Wissenschaftlichkeit bei einer solchen Diskussion völlig auf der Strecke bleiben konnte. Deshalb soll in Kürze hier auf folgende Punkte hingewiesen werden:
Die oben aufgestellten Behauptungen kollidieren völlig mit den historischen Begebenheiten und tatsächlichen geschichtlichen Abläufen. Deshalb konnten sie auch gar nicht untermauert werden, weil nichts davon mit der islamischen Geschichte zusammenpasst.
Wer eine Mindestahnung von diesen Themen hat, der weiß ohne irgendeinen Zweifel, dass all diese Fragen vorhanden waren, bevor Ahmad ibnu Hanbal damit konfrontiert wurde. Man bedenke, dass es immer um die Beurteilung einzelner Fragestellungen geht und nicht um spezielle Namen von Gruppen oder Strömungen. Die diversen Neuerungen waren alle bekannt und wurden von allen frühen Imamen des Islam einhellig abgelehnt, und zwar mit ebenso deutlicher Härte.
Man betrachte das Buch as-Sunnah von 'Abdullah, dem Sohn von Ahmad ibnu Hanbal, in welchem er über seinen Vater und andere Personen sehr zahlreich Aussagen von früheren Gelehrten überliefert zu genau diesen Themen und mit genau dieser erwähnten Härte. Ebenso tat es al-Bukhari in seinem Buch Khalqu Af'ali l-'Ibad. Wer die Bücher der frühen Muslime nur ein wenig kennt, der könnte niemals so eine Behauptung aufstellen, weil all diese Aussagen nämlich schon viel früher von Leuten wie Muhammad ibnu Idris asch-Schafi'i, Malik ibnu Anas, Sufyan ath-Thauri, Abu 'Amr al-Auza'i und vielen anderen überliefert wurden.
So überliefert 'Abdullah in as-Sunnah:
كَانَ ابْنُ الْمُبَارَكِ يَقُولُ: «الْجَهْمِيَّةُ كُفَّارٌ»
Die Aussage von 'Abdullah ibnu l-Mubarak war: „Die Jahmiyyah sind Kuffar“.
قَالَ السُّوَيْدِيُّ: وَسَأَلْتُ وَكِيعًا عَنِ الصَّلَاةِ خَلْفَ الْجَهْمِيَّةِ، فَقَالَ: «لَا يُصَلَّى خَلْفَهُمْ»
Es sagte as-Suwaidi: „Und ich fragte Waki' über das Gebet hinter den Jahmiyyah. Er sagte: ‚Hinter ihnen wird nicht gebetet.‘“
سَمِعْتُ الْحَسَنَ بْنَ عِيسَى، يَقُولُ: «الْجَهْمِيَّةُ وَمَنْ يَشُكُّ فِي كُفْرِ الْجَهْمِيَّةِ؟»
Ich habe al-Hasan ibnu 'Isa sagen gehört: „Die Jahmiyyah, und wer zweifelt am Kufr der Jahmiyyah?“
قِيلَ لِوَكِيعٍ فِي ذَبَائِحِ الْجَهْمِيَّةِ، قَالَ: «لَا تُؤْكَلُ هُمْ مُرْتَدُّونَ»
Waki' wurde bezüglich des Geschächteten der Jahmiyyah gefragt. Er sagte: „Ihr Geschächtetes wird nicht gegessen. Sie sind Murtaddun (Abtrünnige).“
Die hier genannten Gelehrten zählen zu den größten Imamen des Islam. Sie und ihresgleichen überlieferten die islamischen Quelltexte, also nicht nur den Hadith, sondern auch den Qur'an, die Lesarten des Qur'an (Qira'at), das islamische Recht und seine praktische Anwendung, das islamische Verhalten (Adab, Akhlaq, Zuhd), die Sirah und alle anderen islamischen Wissensbereiche.
'Abdullah ibnul Mubarak verstarb 181 n. H., Waki' ibnul Jarrah 197 n. H. und al-Hasan ibnu 'Isa 239 oder 240 n. H. Alle starben also vor Ahmad ibnu Hanbal, welcher 241 n. H. verstarb. Und solche Zitate könnte man sehr lange fortsetzen, aus dem einfachen Grund, dass die Gelehrten über mehrere Epochen hinweg nichts so sehr abgelehnt haben, wie das Gedankengut der Jahmiyyah und ihre philosophische Ablehnung der Eigenschaften Allahs. Es gibt kaum eine Sache, die in der frühen islamischen Geschichte so gut und zahlreich dokumentiert ist, wie diese. Wer also glaubt, er könne das eine oder andere Buch der Salaf entkräften und damit diese Masse von Überlieferungen, Büchern und Schriften zu Fall bringen, der täuscht sich gewaltig. Darüber hinaus belegt so jemand mit dieser bloßen Annahme, dass er keinen Einblick in die frühe Literatur des Islam hat.
Neben unzähligen Aussagen über die Jahmiyya und vergleichbare Gruppen im Speziellen, gibt es ebenso viele über die allgemeinen Fragestellungen. So zum Beispiel die Frage, ob der Qur'an das Wort Allahs oder erschaffen ist. Diese Frage war ein wichtiger Streitpunkt, da besagte Sekten ablehnten, dass Allah spricht. Die frühen Gelehrten waren sich einig, dass derjenige, der behauptet, der Qur'an sei erschaffen, und somit ablehnt, das Allah spricht, kein Muslim ist.
Abu l-Qasim al-Lalaka'i überliefert in seinem bedeutenden Werk über die Glaubensgrundlagen von Ahlu s-Sunnah wa l-Jama'ah, alleine von Muhammad ibnu Isma'il al-Bukhari, dass dieser mehrere dieser Angelegenheiten von „mehr als eintausend“ Gelehrten selbst gehört hat4.
Weiters überliefert al-Lalaka'i unter anderem:
عَنِ الرَّبِيعِ بْنِ سُلَيْمَانَ قَالَ: سَمِعْتُ الشَّافِعِيَّ يَقُولُ: مَنْ قَالَ الْقُرْآنُ مَخْلُوقٌ فَهُوَ كَافِرٌ
Von Rabi' ibnu Sulaiman, dass er sagte: Ich hörte asch-Schafi'i sagen: Wer sagt, der Qur'an sei erschaffen, der ist ein Kafir.
Asch-Schafi'i verstarb 204 n. H., also deutlich früher als Ahmad ibnu Hanbal. Er kann demnach klarerweise ebenso kein „Hanbalite“ gewesen sein, sondern er und viele andere hatten diese Positionen schon vor Ahmad vertreten, und Ahmad war es, der ihnen darin folgte!
Harb al-Kirmani, der heute zunehmend als extremistischer Hanbalite verunglimpft wird, überlieferte ebenso im Allgemeinen den Konsens über die Fragen, die er in seiner umfassenden 'Aqidah-Schrift erwähnte. Ebenso taten es die beiden Razi-Imame in der von Ibnu Abi Hatim ar-Razi überlieferten 'Aqidah.
Man könnte diesen noch unzählige Bücher und Schriften hinzufügen. All diese Gelehrten überlieferten diese Sichtweisen nicht als ihre persönliche Aussage, sondern von unzähligen Gelehrten vor ihnen.
Wenn jemand also behauptet, diese oben erwähnten Standpunkte seien eine Neuerung, quasi eine Erfindung der Hanbaliten nach Ahmad ibnu Hanbal gewesen, und wären davor nicht bekannt gewesen in dieser Art, an dem ist die Realität der islamischen Geschichte in diesem Bezug offenbar völlig vorbeigegangen.
Tatsächlich haben Ahmad ibnu Hanbal und jene, die ihm nachfolgten, keine einzige Angelegenheit von sich selbst aus gebracht, sondern alles von früheren Gelehrten überliefert. Und sie taten dies in Übereinstimmung der Gelehrsamkeit ihrer Zeit.
Ihre Gegner in diesen Fragen waren nicht etwa muslimische Gelehrte, sondern es waren jene völlig abgeirrten Sektierer, die von der Allgemeinheit der Gelehrten abgelehnt und als Nicht-Muslime angesehen wurden, wie al-Ja'd ibnu Dirham, Jahm ibnu Safwan und Bischr al-Marisi. Wer also meint, er müsse die Ansichten jener „Hanbaliten“ ablehnen, der wird nicht umhinkommen, die Ansicht der frühen islamischen Gelehrsamkeit insgesamt abzulehnen und sich den Sichtweisen eines Bischr al- Marisi anzuschließen.
Ebenso ist die Behauptung Haqiqatjous, die frühen Hanbaliten hätten Takfir auf al-Bukhari gemacht, vor allem auch in dieser Pauschalität, bemerkenswert. Zudem wurde die Aussage einfach so in den Raum geworfen und stark bekräftigt, ohne dafür einen Beleg zu erwähnen. Man fragt sich wirklich: Ist das die hochgelobte Wissenschaftlichkeit, die man etwa in Harvard und Oxford erlernt?!
Wer so eine Behauptung aufstellt, der sollte eindeutige Quellen anführen, die dies bestätigen. Und damit sind eindeutige Aussagen gemeint, nicht Dinge, aus denen dies oder jenes verstanden werden könnte, denn ein solches Verständnis könnte falsch sein, vor allem wenn es von Leuten kommt, die von solchen Themen eigentlich keine nennenswerte Ahnung haben. Zudem dürfte es sich nicht einfach um die Aussage von einer oder zwei Einzelpersonen handeln, da so etwas immer vorkommen kann, selbst wenn es sich bei ihnen ihrerseits um bedeutende Gelehrte handelt.
Abu 'Isa at-Tirmidhi, der zweifelsohne als einer der größten Imame des Islam gilt und besonders für sein Verständnis der Sunnah, also der islamischen 'Aqidah, und seine Kenntnis über die Auffassungen der frühen Gelehrten der Salaf bekannt war, war ein Schüler von al-Bukhari und überlieferte dessen Aussagen in seinem Werk unzählige Male. At-Tirmidhi hatte ohne Zweifel dieselben Ansichten wie die bedeutenden Imame des Islam vor ihm. Wo kann hier also dieser pauschale Takfir gesehen werden?
Abu l-Qasim al-Lalaka'i überliefert - wie oben bereits gesagt wurde - bedeutende 'Aqidah-Inhalte von al-Bukhari. Al-Lalaka'i zählt bekanntermaßen als einer der bekanntesten frühen Imame und schrieb eines der umfassendsten Werke über die Glaubensgrundlagen von Ahlu s-Sunnah wa l-Jama'ah. Zudem erwähnt er deutlich eine Überlieferung, in der al-Bukhari gewisse Behauptungen über ihn vehement ablehnt. Wie könnte dies alles also mit der Behauptung Daniel Haqiqatjous zusammenpassen.
Es könnte noch viel auf diese Themen eingegangen werden, was aber nicht die Zielsetzung dieses kurzen vorliegenden Textes sein kann. Das Ziel dieser Schrift ist lediglich, darauf hinzuweisen, dass man besonnen mit den Aussagen über islamische Inhalte und muslimische Persönlichkeiten umgehen sollte.
Zudem sollte auf die große Problematik hingewiesen werden, dass die allermeisten Menschen, die heute über solche Themen reden, eventuell sogar in lockeren Talkrunden im Internet, keine Ahnung über die Bücher der frühen Muslime haben. Das Mindeste wäre es in so einer Situation, dass man sich bei solchen wichtigen Fragestellungen, welche von den frühen Muslimen im Allgemeinen im Konsens vertreten und weitergegeben wurden, nicht deutlich positioniert und keine öffentlichen Diskussionen darüber startet.
Es gibt demgegenüber jedoch auch englischsprachige Prediger, die die Befolgung einer authentischen Lehre, wie sie von den frühen Gelehrten vertreten wurde, anstreben, wie z. B. Jake Brancatella – möge Allah ihm Taufiq geben –, der einige Anstrengungen unternahm, um einigen hier erwähnten Entwicklungen etwas entgegenzusetzen.
Fußnoten
- Die „Mihnah“ (wörtlich „die Prüfung“) bezeichnet jene Periode zu Beginn des 3. Jahrhunderts n. H., in der die 'abbasidischen Kalifen, beginnend mit al-Ma'mun, den Gelehrten die mu'tazilitische Lehre von der Erschaffenheit des Qur'an aufzuzwingen versuchten und jene verfolgten, die sich weigerten, diese zu bekennen — am bekanntesten Imam Ahmad ibnu Hanbal. ↩
- Die „Mutakallimun“ sind die Vertreter des „Kalam“ — einer spekulativen, rationalistischen Herangehensweise an die Theologie, die Glaubensinhalte durch philosophische Argumentation, insbesondere durch logische Methoden griechischen Ursprungs, zu begründen und zu verteidigen suchte. Zu den bedeutendsten Strömungen, die mit dieser Methodik verbunden sind, zählen die Mu'tazilah, die Jahmiyyah sowie später die Asch'ariyyah und die Maturidiyyah. Die frühen Gelehrten von Ahlu s-Sunnah wa l-Jama'ah lehnten diese Methodik einhellig ab und bestanden darauf, dass Glaubensfragen ausschließlich durch den Qur'an, die Sunnah und das Verständnis der Salaf zu klären seien. ↩
- Siehe die entsprechende Aussage mit Quelle und dem arabischen Originaltext sowie englischer Übersetzung im zuvor genannten Buch „Die Lehre des Monotheismus“, erschienen 07/2025, auf Seite 26 der englischen Ausgabe, Seite 42 der deutschen Ausgabe. ↩