Unwissenheit über die Gelehrten der Salaf – Beispiel Ibnu Abi Hatim ar-Razi
بسم الله والحمد لله والصلاة والسلام على رسول الله وعلى آله وصحبه ومن والاه
Aufgrund der allgemein vorherrschenden, völligen Unwissenheit über die Zeit der Salaf und damit über die bedeutendsten Gelehrten der Muslime kommt es zu skurrilen Verwirrungen.
Wenn man die Menschen heute fragt, wer der zeitgenössische Schaikh Fulan von ihrem persönlichen Manhaj ist, dann können sie unzählige – nicht selten auch märchenhafte – Geschichten über ihn erzählen, wobei es sich in Wirklichkeit um eine völlig unbedeutende Person in der islamischen Geschichte handelt, die im Regelfall unter anderem auch viel Unsinn von sich gegeben hat.
Im äußersten Falle wird noch ein Gelehrter der letzten paar Jahrhunderte genannt, über den dann gleich alles Mögliche erzählt werden kann, von den tollen Eigenschaften und Geschichten, die in den Biografien dieser Leute erwähnt sind.
Nennt man hingegen einen der wichtigsten Gelehrten der Salaf, wie Ibnu Abi Hatim ar-Razi (gest. 327 n. H.), dann sind die Leute völlig ahnungslos und haben meistens noch nie den Namen gehört. Etwa: „Wer soll das bitte sein? Noch nie gehört! Kann nicht bedeutend sein, wenn man nie etwas über ihn gehört hat.“
Den Muslimen heute ist nicht klar, dass die Werke dieser frühen Gelehrten das gesamte islamische Wissen transportieren. Im Vergleich sind die Werke von späteren Schuyukh, die heute als die größten Gelehrten aller Zeiten empfunden werden, völlig überflüssig. Das Gute, was in solchen späteren Werken ist, wurde von den Salaf schon lange davor erklärt, kürzer und besser – was einem umso klarer wird, je mehr man lernt, wie diese Werke zu lesen und zu verstehen sind.
Würden die Werke der Muta'akhirin/Späteren, die bei den Menschen heute als die allergrößten Gelehrten empfunden werden, einfach weg sein, würde den Muslimen gar nichts abgehen. Diese Bücher, selbst wenn darin häufig auch Gutes ist, haben kein notwendiges und essentielles Wissen bewahrt, das sonst nicht zu bekommen wäre – im Gegensatz zu den Büchern der Salaf, denn diese haben einen begründenden, bewahrenden Charakter, auch wenn die Muslime heute davon meist überhaupt keine Ahnung haben.
Für die allermeisten heute existieren die Gelehrten der Salaf nicht einmal. Ihr gesamtes Verständnis über den Islam dreht sich voll und ganz um ein paar von ihnen verehrte Personen der Muta'akhirin.
Auf diesem Weg kommt es auch zu den absurdesten und dämlichsten Annahmen und Verwechslungen. So glauben viele Juhhal/Unwissende, Ibnu Abi Hatim sei irgendein abgeirrter Gelehrter, weil sie „ar-Razi“ lesen und irgendwann gehört hatten, dass irgendein „Razi“ negativ beurteilt wurde.
Solche Leute sind derart unwissend, dass sie ernsthaft glauben, es gibt einen einzigen „Razi“ in der gesamten islamischen Geschichte! Sie verstehen nicht, dass ar-Razi eine Abstammung von einer Stadt beschreibt und unzählige Menschen diesen Beinamen trugen!
Derjenige Razi, den die Leute in der Regel als einzigen kennen, war der 606 n. H. verstorbene Muhammad ibnu 'Umar ar-Razi, den die meisten Leute als „al-Fakhru r-Razi“ kennen und bezeichnen. Dieser Mann war extrem von der Philosophie beeinflusst und gelangte zu Aussagen, die schließlich dazu führten, dass einige der Muta'akhirin nach ihm, wie z. B. Ibnu Taimiyyah, auf ihn Takfir machten - oder, wie manche es sehen wollen, ihn zumindest schwerwiegender Kufr-Aussagen bezichtigten. Man kann sich also etwa vorstellen, wie der Manhaj von jenem zu Unrecht mit „Fakhr“ benannten Razi war.
Der Unterschied zwischen dieser Person und dem Imam Ibnu Abi Hatim ar-Razi könnte also größer nicht sein, da dieser die Philosophie und ihre Anhänger zutiefst verachtete und nur die Glaubenslehre der Salaf verbreitete.
Über den erwähnten Muhammad ibnu 'Umar ar-Razi erwähnten also mehrere ausdrücklich, dass er vom Islam abfiel. Dabei wird jedoch in der Regel von den Muta'akhirin auch angemerkt, dass er am Ende seines Lebens „wieder zur Methode der Salaf zurückgekehrt ist.“
Was so eine sehr allgemein formulierte „Rückkehr zur Methode der Salaf“ genau aussagt und welche Aussagekraft sie überhaupt haben kann, ist eine andere Frage.
In diesem Beitrag soll es aber gar nicht um jene Person und ihre Beurteilung gehen. Es sollte lediglich darauf hingewiesen werden, dass ein großer Unterschied zwischen den beiden Personen besteht und dass die Allgemeinheit der Muslime bei dem Namen ar-Razi nur an jene im 7ten Jahrhundert verstorbene Person denkt.
Und über den Tafsir dieses späteren Muhammad ibnu 'Umar ar-Razi sagten einige:
„In seinem Tafsir ist alles, außer dem Tafsir“.
Es handelt sich um ein durch und durch philosophisches Werk, bei dem die Aussagen der Salaf zum Tafsir überhaupt keine entscheidende Rolle spielen.
Auch dieser Tafsir könnte also im Grunde kaum noch unterschiedlicher sein zu dem Tafsir von Ibnu Abi Hatim ar-Razi, welcher ja ausschließlich die Tafsir-Aussagen der Salaf überlieferte und von sich selbst NICHTS hinzufügte. Diese beiden Tafsir-Werke dürfen also ebenfalls nicht miteinander verwechselt werden.
Egal wie sehr die meisten heute ihre persönlichen Favoriten der Gegenwart oder der Muta'akhirin verherrlichen, sie werden – ob sie nun wollen oder nicht – keinesfalls an den frühen Gelehrten vorbeikommen.
Das zuletzt erschienene Buch über den Tafsir von Ibnu Abi Hatim und über Tafsir-Wissenschaft im Allgemeinen soll einen Beitrag leisten, genau diese Missstände zu beseitigen, die Gelehrten der Salaf bekannter zu machen und ihr Verständnis des Qur'an besser kennenzulernen.
Wallahu a'lam ... und Allah weiß es am besten.