Der Umgang mit Meinungsunterschieden im Allgemeinen
Die Frage des Ramadan- und 'Id-Beginns ist – abgesehen vom bisher schon Gesagten – mit mehreren Fragen des legitimen Ijtihad verbunden. Es ist ein Zeichen von Verständnis für den Din, hierfür Verständnis zu haben und nicht Härte zu demonstrieren oder zur Spaltung beizutragen. Unterschiedliche Meinungen in Fragen des Ijtihad sind keine Spaltung, wie viele unwissende Leute glauben. Die Spaltung liegt vielmehr bei Leuten, die in solchen Fragen auf Biegen und Brechen erreichen wollen, dass alle anderen ihrer speziellen Sichtweise folgen – warum auch immer1.
Es gibt Angelegenheiten des Konsenses und der Grundfragen des Din und es gibt Angelegenheiten des zulässigen Ijtihad. Im erstgenannten Bereich ist der Ikhtilaf madhmum (verwerflich und abzulehnen), im zweiten Bereich ist der Vertreter einer anderen Meinung hingegen nicht zu tadeln – sofern die Person nicht ihren Neigungen folgt oder andere Gründe für eine Ablehnung vorliegen. Wer das nicht versteht, der hat noch nicht einmal begonnen, den Fiqh (Islamisches Recht) zu erlernen.
Deshalb ist es auch nicht angemessen, die Ayat über den Tafarruq (die Spaltung) im Din im Kontext von solchen Fragen des Ijtihad zu erwähnen. Dies deutet im Allgemeinen auf Unverständnis hin, und es führt zu Verwirrung.
Ohne das Thema in diesem Rahmen genau ausführen zu können, sei hier nur auf einige Aussagen hingewiesen:
عَنْ قَتَادَةَ قَالَ: «مَنْ لَمْ يَعْرَفِ الِاخْتِلَافَ لَمْ يَشُمَّ رَائِحَةَ الْفِقْهِ بِأَنْفِهِ»
Von Qatadah wird überliefert, dass er gesagt hat: „Wer den Ikhtilaf nicht kennt, der hat mit seiner Nase den Geruch des Fiqh noch nicht (einmal) wahrgenommen.“ [Jami'u Bayani l-'Ilmi wa Fadlih]
Und von Sufyan at-Thauri wird überliefert:
إِذَا رَأَيْتَ الرَّجُلَ يَعْمَلُ الْعَمَلَ الَّذِي قَدِ اخْتُلِفَ فِيهِ وَأَنْتَ تَرَى غَيْرَهُ فَلَا تَنْهَهُ
„Wenn du jemanden siehst, der eine Tat tut, in der es Ikhtilaf gibt [bzw. gab], und du eine andere Ansicht hast, so untersage es ihm nicht.“ [Hilyatu l-Auliya' / Al-Faqihu wa-l-Mutafaqqih]
Damit ist nicht gemeint, dass man ihn nicht abhalten soll vom Kufr, den Bida' oder den eindeutigen Fehlern. Ebenso ist damit nicht gemeint, dass man seine eigenen Beweise nicht vorbringen soll. Als Anmerkung für jene, die das ziemlich sicher so auslegen wollen! Gemeint sind ebendiese Fragen, in denen die Salaf Ijtihad machten und sich in ihrem Verständnis unterschieden.
Ibnu 'Adiyy überliefert in al-Kamil von Ahmad, dass er über Ishaq ibnu Ibrahim sagte:
لَمْ يَعْبُرِ الْجِسْرَ إِلَى خُرَاسَانَ مِثْلُ إِسْحَاقَ، وَإِنْ كَانَ يُخَالِفُنَا فِي أَشْيَاءَ فَإِنَّ النَّاسَ لَمْ يَزَلْ يُخَالِفُ بَعْضُهُمْ بَعْضًا.
„Die Brücke nach Khurasan hat niemand überquert wie Ishaq. Auch wenn er uns in einigen Dingen widerspricht. Denn es war immer so, dass die einen den anderen widersprechen [in einigen Dingen].“
Bzw. kann man die Bedeutung auch etwa so wiedergeben: „Denn nach wie vor widerspricht der eine Gelehrte dem anderen in einigen Dingen.“
Fußnoten
Ein Beispiel für solche Beweggründe wurde oben bereits erwähnt. Es kann aber auch weitere Beweggründe geben, wie z. B., dass jemand sich viel mit Astronomie auseinandersetzt – gleichzeitig aber wenig oder kein Verständnis für die Schari'ah hat – und zum Schluss kommt, es müsse sich alles an einer einzigen Berechnung orientieren, weil nur die Naturvorgänge als Anhaltspunkt dienen können und diese eindeutig festgestellt werden sollten usw. ↩