Hinweis zur Auslegung des Qur'an durch die bloße Anwendung der arabischen Sprache
Bezüglich der beiden vorausgehenden Einwände, und auch ganz allgemein, ist auf einen wichtigen Punkt bei der Auslegung des Qur'an hinzuweisen.
Viele Menschen hängen der Idee an, man könne den Qur'an in seiner Gänze und in jedem Detail richtig verstehen, wenn man nur die Regeln der arabischen Sprache anwendet. Diese Idee ist jedoch weit entfernt von der Realität.
Es gab schon in den ersten Jahrhunderten nach dem Erscheinen des Islam vereinzelte Versuche, die in diese Richtung gingen. Schon damals wurden solche Versuche von den Gelehrten des Tafsir abgelehnt und diese Methode widerlegt.
Es ist natürlich richtig, dass die arabische Sprache beim Verständnis und bei der Erklärung des Qur'an die Grundlage bildet. Der Qur'an ist in arabischer Sprache gehalten und in seinem vollen Umfang und seinen Details auch nur in Arabisch zu verstehen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass durch die bloße Anwendung der Sprache jede Einzelheit richtig verstanden werden kann. Die Bedeutung einzelner Stellen erschließt sich erst dann vollständig, wenn man die umgebenden Umstände einbezieht. Dabei spielt vor allem der umgebende Kontext eine große Rolle. Ein einzelner Vers kann z. B. den Kufr thematisieren, während der Kontext über die Munafiqin spricht, also über die Heuchler, die sich äußerlich als Muslime zeigten, innerlich jedoch keinen Iman hatten.
Ebenso wichtig ist die Berücksichtigung des Offenbarungsgrundes eines Verses bzw. einer Stelle im Qur'an sowie der historische Kontext, auf den sich dieser Vers bezieht.
Diese und ähnliche Umstände kannte niemand besser, als jene Menschen, die Zeugen der Herabsendung des Qur'an waren, also die Prophetengefährten.
Zudem waren sie bei weitem wissender über die Bedeutungen der arabischen Sprache und ihre Stilformen, als jeder Mensch, der nach ihnen kam – dies ist eine unzweifelhafte Tatsache, es liegt in der Natur der Sache.
Daher macht es auch keinen Sinn, wenn jemand den Versuch unternimmt, eine Stelle des Qur'an nur durch sein eigenes Verständnis für die arabische Sprache zu erklären, ohne die Aussagen der frühesten Gelehrten zu beachten. So eine Methode wird sicherlich zu fehlerhaften Auslegungen führen.
Dies kann vereinzelt letztlich so weit führen, dass zu einer Stelle im Qur'an zahlreiche Aussagen von den frühesten Gelehrten überliefert werden, die unserem heute vorherrschenden Verständnis der arabischen Sprache widersprechen. Es wäre absurd, ein altes, einheitlich überliefertes Verständnis des Arabischen zu verwerfen und ein heutiges oder auch nur späteres Verständnis des Arabischen vorzuziehen.
Das Gesagte bezieht sich auch auf den hier thematisierten Vers 44 von Sure l-Ma'idah. Dies zeigt sich bei der genannten Behauptung, das mit dem Artikel bestimmte Wort Al-Kufr deute ausnahmslos auf den großen Kufr hin, sowie beim zuvor besprochenen Verweis auf den Ausdruck innerhalb der Ayah78.
In diesem Sinne wird auch versucht, mit weiteren sprachlichen Argumenten zu bekräftigen, dass es sich in der Ayah um den großen Kufr handeln müsse. So wird aus Sicht der Balaghah argumentiert, dass in dem Vers mehrere Bekräftigungen vorhanden sind, wie z. B. die Bekräftigung durch die beiden sprachlich bestimmten Enden des Nominalsatzes und die Einfügung des Pronomens zur Trennung (Damiru l-fasl).
All diese Dinge können aber wie erwähnt nicht zur Aufhebung des Tafsir der Salaf herangezogen werden, da diese die arabische Sprache weit besser kannten. Wie gesagt, können die sprachlichen Argumente auch durchaus ihre Berechtigung haben, sie können sich aber auf eine spezielle Situation bzw. auf eine Handlung in einem speziellen Kontext beziehen. So gesehen wären die sprachlichen Argumente auch richtig, jedoch unter Umständen auf eine falsche Situation angewendet.
Fußnoten
- der Verweis darauf, dass im Vers nur die „Unterlassung des Richtens“ erwähnt wurde und nicht das Richten mit einem anderen Gesetz. ↩