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Der Einwand, es wäre die gegenteilige Aussage authentisch von Ibnu 'Abbas überliefert worden

Hauptteil · Volltext-Kapitel aus dem Buch Wer nicht nach dem richtet, was Allah herabgesandt hat … · Als PDF lesen

'Abdu r-Razzaq as-San'ani überliefert in seinem Tafsir die oben bereits erwähnte Aussage von Ibnu 'Abbas folgendermaßen:

عَنْ مَعْمَرٍ، عَنِ ابْنِ ‌طَاوُسٍ، عَنْ أَبِيهِ، قَالَ: سُئِلَ ‌ابْنُ ‌عَبَّاسٍ، عَنْ قَوْلِهِ تَعَالَى: {وَمَنْ لَمْ يَحْكُمْ بِمَا أَنْزَلَ اللَّهُ فَأُولَئِكَ ‌هُمُ ‌الْكَافِرُونَ} [المائدة: 44]، قَالَ: «هِيَ كُفْرٌ»، قَالَ ابْنُ ‌طَاوُسٍ: «وَلَيْسَ كَمَنْ كَفَرَ بِاللَّهِ وَمَلَائِكَتِهِ وَرُسُلِهِ»

Von Ma'mar, vom Sohn von Tawus, von seinem Vater, (dass) er sagte:

Ibnu 'Abbas wurde gefragt nach Seiner Aussage – hocherhaben ist Er: „Und wer nicht mit dem richtet, was Allah herabgesandt hat, so sind jene die Kafirun“, er sagte (dazu): „Es ist Kufr.“

Ibnu Tawus sagte: „Und62 es ist nicht wie jemand der Kufr gegen Allah, Seine Engel und Seine Gesandten begeht.“63

Einige Leute argumentieren mit dieser Überlieferung, dass Ibnu 'Abbas hier deutlich ausgesagt hätte, es handle sich um Kufr. Da er dies nicht weiter verdeutlicht hat – so wird argumentiert – muss es sich hierbei um den großen Kufr, also Kufr akbar handeln. Gemäß diesem Verständnis wäre die Aussage von Tawus also eine nachträgliche Hinzufügung – in der Hadith-Wissenschaft als Idraj bzw. Mudraj bezeichnet.

Mit so einer Argumentation sollte man jedoch vorsichtig sein, und dies aus folgenden Gründen:

Erstens ist es voreilig, zu behaupten, es handle sich hier eindeutig um den großen Kufr. Denn auch der Prophet صلى الله عليه وسلم erwähnte stellenweise einfach das Wort Kufr zur Beschreibung einer Tat, wobei im Konsens nicht der große Kufr gemeint war.

So z. B. in einem bekannten Hadith, den al-Bukhari im Buch des Iman seines Sahih-Werkes überliefert:

سِبَابُ الْمُسْلِمِ فُسُوقٌ ‌وَقِتَالُهُ ‌كُفْرٌ

Das Beschimpfen eines Muslims ist Frevel (fusuq) und ihn zu bekämpfen ist Kufr.

Zweitens kann man die Behauptung so nicht stehen lassen, die korrekt überlieferte – und damit die eigentliche – Aussage von Ibnu 'Abbas wäre, dass es sich um großen Kufr handelt. Dies würde nämlich bedeuten, dass alle frühen Gelehrten dies nicht verstanden hatten und fälschlicherweise mit der falsch überlieferten Aussage argumentierten, während sie die richtige Aussage zwar überlieferten, sie aber nicht richtig verstanden. Ganz konkret würde sich das in diesem Fall auf Tawus beziehen, dessen Aussage hier ausdrücklich erwähnt wurde.

Demgegenüber könnte man viel eher das Gegenteil behaupten, nämlich, dass eigentlich niemand von den Gelehrten zwischen diesen Überlieferungen einen Widerspruch sah. Denn all diese Überlieferungen sagen aus, dass es sich um Kufr handelt, jedoch jene Form von Kufr, die nicht aus dem Islam befördert.

Letztlich könnte jemand sogar folgendermaßen argumentieren: 'Abdu r-Razzaq war der Einzige, der die Aussagen von Ibnu 'Abbas und Tawus in dieser Art getrennt hat. Selbst wenn seine Überlieferung von der Kette her richtig (Sahih) ist, könnte ein Fehler unterlaufen sein. Und wie bereits deutlich wurde, stehen dieser Überlieferung mehrere andere Überlieferungen gegenüber, vor allem von den Sufyanain und Hisham ibnu Hujair.

Drittens kann man zu dieser Behauptung einen Hadith anführen, in dem genau dieselbe Formulierung gebraucht wurde, wobei es sich um den kleinen Kufr handelt, der einen Menschen nicht aus der Religion befördert.

Muslim überliefert in seinem Sahih-Werk folgenden Ausspruch des Propheten صلى الله عليه وسلم:

‌اثْنَتَانِ ‌فِي ‌النَّاسِ هُمَا بِهِمْ كُفْرٌ: الطَّعْنُ فِي النَّسَبِ، وَالنِّيَاحَةُ عَلَى الْمَيِّتِ

Zwei Dinge unter den Menschen, sie sind bei ihnen64 Kufr. das Verunglimpfen der Abstammung und das (übermäßige bzw. laute) Heulen wegen eines Verstorbenen.

Der Wortlaut ist also genau der gleiche, wie in der Tafsir-Überlieferung von Ibnu 'Abbas, wobei die beiden hier erwähnten Taten im Konsens der Muslime nicht zum großen Kufr zählen.

Wer also mit der Überlieferung von 'Abdu r-Razzaq argumentiert und behauptet, es handle sich in Wirklichkeit um großen Kufr, nur Tawus hätte dies im Nachhinein anders interpretiert, der findet in dieser ebengenannten Überlieferung die Widerlegung seiner Behauptung.

So gesehen bestätigt auch diese Überlieferung nur das, was in den anderen Überlieferungen vorkommt, und widerspricht dem nicht.65

Dass die frühen Gelehrten des Hadith dies auch so verstanden, zeigt sich beispielsweise durch die Aussage von Muhammad ibnu Nasr al-Marwazi, auf welche zuvor schon hingewiesen wurde. Al-Marwazi argumentiert mit den Überlieferungen von Ibnu 'Abbas ganz klar dafür, dass der Hukm bi-ghairi ma anzala-llah zu den Dingen zählt, die einen Muslim nicht aus der Religion befördern. In diesem Zuge erwähnt er bezeichnenderweise genau diese Überlieferung von 'Abdu r-Razzaq – ganz im Gegensatz also zur Annahme heutiger Autoren.

Viertens ist hier – wie zuvor schon erklärt – zu sagen, dass es absurd wäre, zu behaupten, es wären ja nur Gelehrte wie Tawus, sein Sohn und 'Ata' gewesen, die dies so verstanden haben, nicht Ibnu 'Abbas selbst.

Diese Gelehrten zählen zu den wissendsten Personen der gesamten islamischen Geschichte. Man kann diesen Tafsir nicht einfach annullieren, indem man sagt: „Das haben nur solche Leute wie Tawus gesagt und damit ihren eigenen Lehrern, den Sahabah/Prophetengefährten (!), widersprochen.“

Noch verheerender wäre die falsche Annahme, jeder, der diesen Tafsir annimmt, wäre dadurch der Sekte der Murji'ah zuzurechnen! Diese Behauptung ist die Folge von Unwissenheit über die frühen Aussagen und Überlieferungen. Es würde letztlich darauf hinauslaufen, dass alle bereits erwähnten Gelehrten Murji'ah waren – eine absurde Vorstellung.

Auch hierbei zeigt sich deutlich, wie sinnlos die Argumentation ist, diese Auslegung stamme nur von späteren Gelehrten wie Tawus. Worauf will man damit hinaus? Dass Tawus und seinesgleichen der Sekte der Murji'ah angehörten?

Für jemanden, der sich zu den Gelehrten der Salaf bekennt, macht das also wenig Sinn.

Fußnoten

  1. Hier auch im Sinne von „Aber …“
  2. Die hier genannte Überlieferung hat eine durchaus starke Überlieferungskette (Isnad). Von diesem Weg überlieferte die Aussage auch Ahmad in Al-Iman, Muhammad ibnu Nasr al-Marwazi in Ta'dhimu Qadri s-Salah, at-Tabari in seinem Tafsir, Ibnu Abi Hatim in seinem Tafsir und Ibnu Battah in Al-Ibanatu l-Kubra.
  3. bzw.: sie sind in Bezug auf sie ...
  4. Im Gegensatz zur Aussage von Leuten, wie dem schon genannten Sulayman al-'Alwan, welcher in seiner bereits erwähnten Erklärung der Al-'Aqidatu l-Wasitiyyah meint, die einzige von Ibnu 'Abbas authentisch überlieferte Aussage wäre, dass es sich um großen Kufr handelt. Als Beweis führt er die hier besprochene Überlieferung von 'Abdu r-Razzaq an.