Überlieferungen, Bücher und Konsens über die Kritik an Abu Hanifah
Die erwähnte kritische Haltung gegenüber Abu Hanifah bewog Leute, ganze Bücher zu diesem Zweck zusammenzutragen. Es wurde zuvor schon erwähnt, dass die frühen, bekannten Hadith-Gelehrten ganze Kapitel über diese Kritik an Abu Hanifah verfassten und in ihre Werke über Glaubensgrundlagen einfügten!
Dieser Umstand allein muss einem schon sehr zu denken geben. Wie bereits gesagt, findet sich ein solches Kapitel im umfassenden Werk as-Sunnah von Abdullah, dem Sohn von Ahmad ibnu Hanbal, welcher darin auch zahlreiche Aussagen von seinem Vater überliefert. Dies ist schon aus der Überschrift des Kapitels deutlich ersichtlich:
مَا حَفِظْتُ عَنْ أَبِي وَغَيْرِهِ مِنَ الْمَشَايخِ فِي أَبِي حَنِيفَةَ
„Kapitel: Was ich (auswendig) lernte [bzw. auch: notierte und überlieferte] von meinem Vater und anderen Maschayikh bezüglich Abu Hanifah“
Zudem wurde der Konsens über diese Kritik überliefert. Diesen Konsens überlieferte Ibnu 'Adiyy al-Jurjani (277-365 n. H.) in seinem Buch al-Kamilu fi Du'afa'i r-Rijal von Ibnu Abi Dawud as-Sijistani, also dem Sohn des Verfassers eines der sechs bekannten Hadith-Werke, al-Kutubu s-sittah.
In jener Überlieferung heißt es:
سمعتُ ابْن أبي دَاوُد يَقُول الوقيعة فِي أبي حنيفة إجماع من العلماء لأَن إمام البصرة أيوب السختياني وقد تكلم فيه وإمام الكوفة الثَّوْريّ وقد تكلم فيه وإمام الحجاز مَالِك وقد تكلم فيه وإمام مصر اللَّيْث بْن سعد وقد تكلم فيه وإمام الشام الأَوْزاعِيّ وقد تكلم فيه وإمام خراسان عَبد اللَّه بْن المُبَارك وقد تكلم فيه فالوقيعة فيه إجماع من العلماء فِي جميع الأفاق أو كما قَالَ
Die üble Rede über Abu Hanifah [gemeint ist: ihn mit Übel zu beschreiben und zu beurteilen] ist der Konsens2 der Gelehrten.
Denn der Imam von Basra ist Ayyub as-Sakhtiyani, und er hat über ihn negativ3 gesprochen.
Und der Imam von Kufa ist [Sufyan] ath-Thauri, und er hat über ihn negativ gesprochen.
Und der Imam des Hijaz ist Malik, und er hat über ihn negativ gesprochen.
Und der Imam von Ägypten ist al-Laith ibnu Sa'd, und er hat über ihn negativ gesprochen.
Und der Imam des Scham ist al-Auza'i, und er hat über ihn negativ gesprochen.
Und der Imam von Khurasan ist 'Abdullah ibnu l-Mubarak, und er hat über ihn negativ gesprochen.
Somit ist das üble Reden über ihn ein Konsens unter den Gelehrten an allen Orten.
Und über die Einschätzung von Abu Hanifah als Überlieferer steht in dem Buch im selben Kapitel z. B., dass Sa'id ibnu Abi Maryam sagte:
... حَدَّثَنا ابن أبي مريم، قالَ: سَألتُ يَحْيى بْنَ مَعِين، عَن أبي حنيفة؟ قَال: لَا يكتب حديثه
[…] Es berichtete uns Ibnu Abi Maryam, er sagte: Ich fragte Yahya ibnu Ma'in bezüglich Abu Hanifah und er sagte: „Seine Hadithe werden nicht aufgeschrieben.4“
Diese Gelehrten gehören zu den bedeutendsten Hadith-Gelehrten der Muslime überhaupt.
Abgesehen davon wird in diesen Büchern und Kapiteln auch deutlich und mehrfach überliefert, dass Abu Hanifah die Irrlehre des Irja' vertrat – was an sich eine bekannte Sache von ihm ist.
Wer weiß, wie fanatisch manche Anhänger von Abu Hanifah auf solche Tatsachen reagieren, den wird nicht verwundern, dass solche Leute auch nicht davor zurückschrecken – teilweise auch in ihren Schriften – die größten Gelehrten des Hadith deshalb übel zu beschimpfen. Und dies, wobei es sich um sehr viele Personen und um ebenjene Hadith-Gelehrte handelt, welche in ihrer Gesamtheit den Qur'an und die Sunnah des Propheten صلى الله عليه وسلم, also im Grunde das gesamte islamische Wissen, mit Allahs Erlaubnis weitergetragen und erhalten haben. Sie zu verunglimpfen ist also ein negatives Verhalten von großer Tragweite. Trotzdem nehmen solche Leute dies in Kauf, solange demgegenüber eine von ihnen verherrlichte Person mit allen möglichen Mitteln verteidigt werden kann.
Abgesehen von den älteren Werken, werden bis zum heutigen Tage ganze Bücher geschrieben, die sich um jene Überlieferungen über Abu Hanifah drehen, sie sammeln und besprechen.
Als Beispiele kann man hier ein Buch nennen, das in Bezug auf diese Thematik relativ bekannt wurde, von dem jemenitischen Schaikh Muqbil ibnu Hadi al-Wadi'i, und ein weiteres von Abu Ja'far al-Khulaifi.
Diese zwei Bücher sind also Beispiele für Publikationen, die speziell zu diesem einen Thema verfasst wurden. Nach wie vor wird also über dieses Thema geschrieben und auf Gegenargumente eingegangen.
- Im Arabischen „Ijma'“. In einer (digitalen) Ausgabe steht hier Jama'atun, was wohl ein offensichtlicher Fehler ist, auch wenn die Bedeutung dadurch im Grunde unverändert bleibt. In derselben Druckausgabe (Daru l-Kutubi l-'ilmiyyah) steht hingegen „Ijma'atun“, und in einer anderen Druckausgabe „Ijma'uh“. Jedenfalls ist deutlich, dass hier der Konsens gemeint ist, sowohl aus dem Wort als auch aus dem Kontext und am Ende der Überlieferung wird dies nochmal ausdrücklich wiederholt. ↩
- hier und im Folgenden ergänzt, weil es aus dem arabischen Sprachgebrauch eindeutig ist und darüber hinaus auch aus dem Kontext der Aussage. ↩
- Bzw. auch: „Sein Hadith wird nicht aufgeschrieben.“, was im Arabischen so verstanden wird, wie im Haupttext oben übersetzt. ↩