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Die Problematik um Abu Hanifah und die Ahlu r-Ra'y

Volltext-Kapitel aus der Schrift Falsche Vorstellungen über die Frühzeit des Islam und die Gelehrten der Salaf · Als PDF lesen

Abu Hanifah (80 - 150 n. H.), der unbestritten immer als der Imam der Ahlu r-Ra'y galt, war bei der Allgemeinheit der Hadith-Gelehrten ganz grundsätzlich als schwach eingestuft. Überlieferungen wurden von ihm nicht angenommen, was auch der Grund dafür ist, dass die Imame des Hadith von ihm im Allgemeinen nicht überlieferten.

Dass die Ahlu r-Ra'y lediglich deshalb vom Hadith abgingen und ihre eigene Meinung vorzogen, weil sie einen Hadith nicht als stark befanden, ist ein ziemlich merkwürdiger Erklärungsversuch. Die Gelehrten des Hadith, jene Menschen, die diesen Din und seine Wissenschaften überlieferten, sagten das Gegenteil über die Ahlu r-Ra'y aus. Warum hätten die Hadith-Gelehrten sie sonst kritisiert, wenn ohnehin alle denselben Usul (Grundlagen) folgten?

Ebenso merkwürdig ist die Behauptung, die Leute des Ra'y in Kufa hätten nicht so viele Überlieferungen gehabt, weshalb sie angeblich mehr Analogieschlüsse vornehmen und der eigenen Meinung folgen mussten. Diese Darstellung kann aber historisch nicht richtig sein. Denn zu jener Zeit hielten sich in Kufa Leute auf, die mitunter zu den größten Hadith-Gelehrten der gesamten islamischen Geschichte zählten, wie z. B. 'Abdullah ibnu l-Mubarak (118 - 181 n. H.) und Sufyan ath-Thauri (97 - 161 n. H.).

Wie könnte es also sein, dass es in diesen Gegenden wenige Überlieferungen gab, wo doch wahre Meister der Überlieferung dort gelebt hatten?

Es werden sogar Begebenheiten überliefert, wie z. B. jene zwischen 'Abdullah ibnu l-Mubarak und Abu Hanifah in Bezug auf das Heben der Hände beim Gebet, bei der Abu Hanifah auf ziemlich verwerfliche Art argumentierte und ibnu l-Mubarak ihn mit seiner Antwort zum Schweigen brachte.

Demgemäß fragte Abu Hanifah Abdullah ibnu l-Mubarak, ob er durch das Heben der Hände beim Aufrichten während des Gebets etwa fliegen wolle! Ibnu l-Mubarak entgegnete darauf zu Abu Hanifah, ob dieser denn mit dem Heben der Hände beim eröffnenden Takbir fliegen wolle.

Überliefert wird diese Begebenheit in as-Sunnah von 'Abdullah, dem Sohn von Imam Ahmad, in Ta'wilu Mukhtalifi l-Hadith von Ibnu Qutaibah und bei anderen. Begebenheiten dieser Art wurden von so manchen Gelehrten des Hadith auch als eine Belustigung und Geringschätzung gegenüber Angelegenheiten der Religion angesehen und scharf verurteilt.

Tatsächlich war die Kritik der Gelehrten der Salaf gegenüber den Ahlu r-Ra'y und ihrem Imam vehement und sehr einheitlich.

Wenn man dies alles betrachtet, dann stellt man sich die Frage: Wie stark muss die Verdrehung sein, wenn heute eigentlich fast alle Menschen eine genau umgekehrte Sicht dieser geschichtlichen Vorgänge haben! Und wie konnte es so weit kommen?

Wobei die Salaf diese Dinge häufig in ihren Büchern vermerkten und diese Bücher heute auch noch sehr zahlreich vorliegen, kann es sein, dass jemand heutzutage Jahre oder Jahrzehnte über den Islam lernt, sogar von den Schuyukh der heutigen Salafiyyah, aber davon nie etwas hört bzw. ihm das Gegenteil beigebracht wird.

In Bezug auf einige Angelegenheiten wirkt es so, als würden die Bücher der Salaf nicht existieren. Das hat schon etwas Erschreckendes an sich.

Wer nach dem islamischen Wissen strebt, der sollte solche Dinge zum Anlass nehmen, sehr vorsichtig bei seiner Suche zu sein und Dinge nicht unhinterfragt anzunehmen, selbst wenn sie als Konsensmeinung präsentiert werden.