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Die zentrale Aussage, von der alles ausging: Wer Shirk akbar begeht, kann kein Muslim sein

Hauptteil · Volltext-Kapitel aus dem Buch Die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte im deutschsprachigen Raum und der islamischen Welt im Allgemeinen · Als PDF lesen

Diese Feststellung ist die zentrale Aussage, von der die gesamte Entwicklung einer ganzen Da'wah-Szene ihren Ausgang nahm. Die Aussage, dass ein Mensch unmöglich ein Muslim sein kann, wenn er gleichzeitig den großen, tatsächlichen Polytheismus begeht2 – solange, bis er vom Shirk ablässt, bereut (Taubah) und das Fundament des Islam erfüllt.

Dieser Gedanke wurde in den letzten Jahrzehnten vor allem unter einem Begriff bekannt: 'Adamu l-'Udhri bi-l-Jahl fi-sh-Shirki l-akbar, also: Es gibt keine Entschuldigung durch Unwissenheit im großen Shirk.

Dieser Gedanke ist keinesfalls neu, wie manche Menschen vermuten. Umso abwegiger ist die Vorstellung, ich oder andere hätten dies zum ersten Mal vor 15 bis 20 Jahren formuliert.

Deutlich formuliert wurde dieser Gedanke von Muhammad ibnu 'Abdi l-Wahhab3 (1115 – 1206 n. H.) in unzähligen seiner Schriften. Dies ist jedem klar, der seine Schriften versteht und nicht zu ihrer bewussten Verdrehung neigt. Ibnu 'Abdi l-Wahhab sagte, dass ein Mensch, der Shirk akbar begeht, unmöglich als Muslim angesehen werden kann.

Dieser Gedanke bestand seitdem auf der arabischen Halbinsel in der von ihm initiierten Da'wah najdiyyah weiter. Es gibt deshalb keinen Zweifel, dass es seitdem zu jedem Zeitpunkt Shuyukh in dieser Gegend gab, die diese Aussage ausdrücklich vertraten. Wer Einblick in die Literatur der arabischen Halbinsel der letzten Jahrhunderte hat, der ist sich darüber auch völlig im Klaren.

In den letzten Jahrzehnten wurde dieser Gedanke dann, ebenso wie andere Gedanken, durch das Internet von einigen Leuten einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die ersten Leute davon waren nicht etwa – wie viele Leute im deutschsprachigen Raum vermuten – Abu Maryam al-Kuwaiti und schon gar nicht Ahmad al-Hazimi, der diesen Gedanken erst ziemlich spät aufnahm, sondern andere Personen.

Z. B. kann hier 'Aliyy al-Khudair genannt werden, der dies in seiner Schrift Ar-Risalah al-mutammimah4 formulierte sowie später auch in Al-Haqa'iqu fi-Tauhid und seiner Vortragsreihe zur Erklärung dieses Textes. All diese Aussagen, Texte und Vorträge spiegeln jedoch gewisse Entwicklungsstufen wider. Stufen, die jeder einzelne von diesen Leuten durchmachte und bei einem gewissen Punkt letztlich stehen blieb.

Dies zeigt sich z. B. an der genannten Risalah mutammimah, in welcher al-Khudair ziemlich am Anfang auch eine Aussage von Abu Hanifah zitierte, die nicht so richtig zu der eigentlichen Fragestellung der Schrift passte5. Die Schrift von 'Aliyy al-Khudair war im Grunde eine unausgereifte Sammlung von Argumenten zu dieser Frage, die sich im Kern nur auf Aussagen der Muta'akhirin (Späteren) stützte. Für mich war dieser Text – wohl etwa im Jahr 2003 – das erste Mal, dass ich mit dieser Frage in Kontakt kam. Die Aussage von Abu Hanifah z. B. war in den Jahren darauf schon bald verwirrend für mich, da ziemlich schnell klar wurde, dass sie auch vom Inhalt her völlig unpassend war in dieser Thematik und in eine ganz andere Frage hineinging.

Es muss hier jedoch gesagt sein, dass ich die Schrift damals nicht vollständig las und die Kernaussage davon noch gar nicht in ihrer Gänze und hinsichtlich ihrer Konsequenzen verstehen konnte. Dies geschah erst einige Jahre später durch einen entscheidenden Hinweis von Abu Maryam al-Kuwaiti.

Wie man daran sieht, bestand dieser Gedanke also schon lange vor Abu Maryam al-Kuwaiti und wurde bei all diesen Personen sicherlich von den Aussagen von Muhammad ibnu 'Abdi l-Wahhab übernommen, auch wenn der Anstoß dafür jeweils von einem anderen zeitgenössischen Autor kam, wie zu jener Zeit eben 'Aliyy al-Khudair oder anderen.

Nach und nach gab es einige Leute, die diesen Gedanken verbreiteten, wie z. B. Abdullah al-Ghunaiman. In dieser Zeit wurde vor allem ein Buch bekannt, das über diese Angelegenheit geschrieben wurde, und zwar das Buch von Abu Yusuf Al Farraj, Al-'Udhru bi-l-Jahl tahta l-mijhari sh-shar'i6.

Bezeichnend war, dass das Vorwort zu diesem Buch von Abdullah ibnu Jibrin7 stammte, womit einer der bekanntesten und in der allgemeinen Salafiyyah anerkannten Shuyukh diese Aussage klar unterstützte.

Diese Tatsache verdeutlicht also umso mehr, dass es sich bei dieser Aussage nicht um irgendeine Idee einer Einzelperson handelt, die zum ersten Mal vor wenigen Jahren formuliert wurde.

Von Abdullah ibnu Jibrin und vereinzelt auch anderen bekannten Shuyukh der Halbinsel wurden später auch Fatawa bekannt, dass ein Mensch, der keinen Takfir auf islambekennende Grabanbeter macht, selbst kein Muslim sei – auch wenn solche Aussagen später natürlich relativiert wurden. Aber sie zeigen, dass auch solche offiziellen Lehrpersonen diesen Gedanken voll und ganz vertraten und sogar einige Konsequenzen daraus deutlich formulierten.

Und in dieser gesamten Entwicklung begann auch ich schließlich, etwa um das Jahr 2006 zu dieser Angelegenheit in arabischer und deutscher Sprache zu publizieren. Das Buch zu diesem Thema wurde mehrfach weiterentwickelt und mündete schließlich in der derzeit verfügbaren Publikation: Die Lehre des Monotheismus. Dabei handelt es sich also um die ausgereifteste Ausgabe meinerseits zu diesem Thema, welche alle meine früheren Publikationen dazu völlig ersetzt und überflüssig macht.

In Bezug auf 'Aliyy al-Khudair und andere ist zu sagen, dass sie um vieles später (!) von der saudischen Regierung der jihadistischen Umtriebe verdächtigt und inhaftiert wurden. Pseudo-Islamexperten wie Guido Steinberg, bei dessen Analysen die Wissenschaftlichkeit häufig in Hypothesen, Spekulationen, Vorurteilen und eigenen politischen Zielen ertrinkt, benutzen gerne jegliche Erwähnung solcher Namen als „Beweis“, um ihnen unliebsame Personen in die Nähe des Jihadismus zu rücken, juristisch zu verfolgen und möglichst aus dem Verkehr zu ziehen.

Diese absurde Aneinanderreihung einzelner Informationen je nach Belieben, ist stumpfsinnig und völlig unwissenschaftlich. Wenn Steinberg sein Gesicht in Bezug auf eine neutrale wissenschaftliche Arbeitsweise zumindest vor vernunftbegabten Menschen nicht weiter verlieren will, sollte er solche Dinge unterlassen. Ich spreche ihn durch solche Anmerkungen direkt an, in der Annahme, dass er und andere aus seinem Kollegium solche Texte wie den vorliegenden mit Sicherheit lesen werden.

'Aliyy al-Khudair und andere Personen waren nur und ausschließlich wegen dieser einen theologischen Aussage für mich interessant. So kam ich überhaupt erst auf diese Personen. Davor waren sie mir nicht nennenswert bekannt. Dass sie mit al-Qa'idah überhaupt irgendetwas zu tun haben könnten, darüber hatte damals niemand in der Öffentlichkeit konkrete Informationen und auch mir waren solche Informationen nicht bekannt.

Darüber hinaus kamen die Vorwürfe und Reaktionen vonseiten der saudischen Regierung erst viel später. Man verstehe, dass jene Risalah Mutammimah und das Buch von al-Khudair, aus dem sie ursprünglich entstammt, zu jener Zeit schon lange veröffentlicht waren. All diese Bücher behandelten ausschließlich theologische Fragen, weshalb auch niemand zu jenem Zeitpunkt dem Autor Vorwürfe machte – mir ist zumindest nichts dergleichen bekannt.

Jedenfalls lässt sich definitiv sagen, dass weder 'Aliyy al-Khudair noch irgendjemand aus seinem Umfeld zum damaligen Zeitpunkt irgendwelche Probleme mit der Justiz hatten, was eine ausreichend deutliche Sprache spricht. Sie alle publizierten Bücher und gaben Unterrichte. Ihre Inhalte wurden damals von niemandem als Bedrohung empfunden.

Wer behauptet, dass zu jenem Zeitpunkt alle weiteren Entwicklungen schon bekannt oder absehbar gewesen wären, macht sich lächerlich. Und wer solche Dinge als angebliche Beweise anführt, der macht sich damit nur des Missbrauchs von Informationen und der Verdrehung von Tatsachen schuldig.

Fußnoten

  1. also Allah etwas in der Anbetung oder anderen Dingen, die Allah zu eigen sind, beigesellt. Dabei handelt es sich um den sogenannten Shirk akbar, im Gegensatz zum kleinen Shirk, Shirk asghar, welcher letztlich kein tatsächlicher Polytheismus ist und den Islam einer Person nicht von Grund auf unwirksam macht. ↩
  2. Die Tatsache, dass ein Polytheist (Mushrik) kein Muslim sein kann, ist natürlich genauso alt wie der Islam selbst. Vielmehr handelt es sich dabei sogar um den Konsens aller Propheten عليهم السلام von Anfang an.

    Hier und im Folgenden geht es jedoch darum, wer diesen Gedanken bereits früher in der Geschichte deutlich formuliert und zu dieser Thematik eventuell auch eigene Schriften und Widerlegungen geschrieben hat. In den frühen Jahrhunderten des Islam wurde dies natürlich auch implizit von den Gelehrten erwähnt, aber es war an sich eine völlig klare Sache, weshalb darüber nicht viel diskutiert werden musste. ↩

  3. Originaltitel:

    الرسالة المتممة لكلام أئمة الدعوة في الجهل في الشرك الأكبر ↩

  4. Viele Autoren zu diesem Thema neigten – und neigen bis heute – allgemein auch dazu, alles zu zitieren, was irgendwie ihrer Argumentation dienen könnte. Nicht selten widersprechen sie sich dabei selbst, ohne es zu merken, was die Argumentation verwaschen macht und Widersachern die Möglichkeit für Kritik eröffnet. ↩
  5. Auch auf dieses Buch trifft das zuvor Gesagte mehrfach zu. Der Autor versuchte, alle möglichen Texte zu sammeln, die in irgendeiner Weise der Zielsetzung des Buches dienen könnten. Dabei bediente er sich eigentlich nur der Aussagen von Autoren der späteren islamischen Geschichte, vor allem der Aussagen von Ibnu Taimiyyah.

    Da sich das Buch bei der Argumentation nicht auf die Aussagen der Salaf stützt und die Fragestellungen auch sehr unstrukturiert aufgearbeitet wurden, ist es – zumindest nach meinem Verständnis – nicht sehr geeignet zur Erklärung dieser Angelegenheit – auch wenn das Buch natürlich gute Ansätze verfolgt und durchaus mehrere korrekte Aussagen enthält. ↩

  6. In jener ursprünglichen Ausgabe war übrigens nur dieses Vorwort enthalten. Die Vorworte von Abdullah al-Ghunaiman und Abdullah as-Sa'd wurden meines Wissens erst viel später eingefügt. ↩